Club-Coup wird 60 Jahre alt

Meisterlich im Sommer 1961! So schnappte sich der FCN den Titel

24.6.2021, 05:54 Uhr
Das Tor zum 2:0 für den 1. FC Nürnberg: Heini Müller trifft nach einer Vorlage von Heinz Strehl, Dortmunds Nationaltorwart Heinrich Kwiatkowski hat das Nachsehen. Nach Seitenwechsel funktionierte das Zusammenspiel wieder - Müller legte Strehl das 3:0 auf.

Das Tor zum 2:0 für den 1. FC Nürnberg: Heini Müller trifft nach einer Vorlage von Heinz Strehl, Dortmunds Nationaltorwart Heinrich Kwiatkowski hat das Nachsehen. Nach Seitenwechsel funktionierte das Zusammenspiel wieder - Müller legte Strehl das 3:0 auf. © Foto: G. Rudolf

Eine Seele des Spiels der Nürnberger Meistermannschaft von 1961: Warum man Heini Müller so nannte, ahnt, wer ihn kennenlernt. Heini Müller ist ein sehr herzlicher, liebenswürdiger Mensch. Er hat nach Roth eingeladen, wo er 1934 zur Welt kam, im Keller seines schönen Hauses zeigt er dem Besucher ein paar Erinnerungen an erfolgreiche Fußballjahre mit dem 1. FC Nürnberg. Und die Pokale seiner verstorbenen Frau, die eine erfolgreiche Leichtathletin war. Am Küchentisch, sagt Heini Müller, plaudert es sich besonders gemütlich - er erzählt kurzweilig und mit Temperament von der achten Deutschen Meisterschaft für den Club, gewonnen vor nun 60 Jahren.

Herr Müller, Heini, Heinrich oder Heiner?

In meinem Alter passt der Heini ja nicht mehr so (lacht). Aber mein Vater hat mich, als ich auf die Welt gekommen war, in Roth als Heini angemeldet, obwohl der Standesbeamte gesagt hat, dass das nicht geht. Der Vater hat sich durchgesetzt, deshalb kam er ganz stolz heim - bis ihm meine Mutter gesagt hat, dass das so doch gar nicht gemeint gewesen war. So war ich der Heini.

"Ich habe alles geliebt, was schnell ist"

Im Zweirad-Geschäft Ihres Vaters haben Sie später mitgearbeitet und ein Talent entdeckt - das für den Radsport. Hätte es auch eine Karriere werden können?

Ich weiß es nicht. Radsport, Motorradsport - ich habe alles geliebt, was schnell ist, das Skifahren auch, ich stehe noch heute gern auf den Skiern. Fußball habe ich hier in Roth gespielt, zu den Heimspielen des Club sind wir immer mit dem Rad nach Nürnberg gefahren. Und es war schon ein großer Kindheitstraum: einmal da unten zu stehen, im diesem roten Trikot …

"Wie hoch soll es denn werden?"

Und in diesem roten Trikot haben Sie sich am 24. Juni 1961 einen ganz besonderen Traum erfüllt. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an dieses Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen Borussia Dortmund in Hannover denken?

Wir waren Süddeutscher Meister geworden und hatten uns in der Endrunde dann gegen Hertha BSC, Werder Bremen und den 1. FC Köln durchgesetzt - es waren tolle Spiele, aber Dortmund war mit seinen vielen Nationalspielern der klare Favorit. Als wir uns vor dem Spiel begegnet sind, haben uns die Dortmunder gefragt: Wie hoch soll es denn werden? Wir haben ganz schön Bammel gehabt. Und dann diese vielen Dortmunder Fans.

Sie waren in der Mehrzahl?

Das haben wir zuerst geglaubt. Damals waren die Kabinen oberhalb der Ränge, als die Dortmunder hinunter aufs Feld gelaufen sind, sah man nur Schwarz-Gelb. Danach wurden wir aufgerufen - und haben die vielen rotweißen und rotschwarzen Fahnen gesehen. Gott sei Dank, die Nürnberger sind auch da. Das hat uns Mut gemacht. Ich habe gedacht: Vielleicht erlebst du so etwas nur dieses eine Mal. Und dann hatte ich diesen einen Wunsch: Bitte, lieber Gott, lass mich nicht der Schlechteste auf dem Platz sein. Nicht, dass die Leute sagen: Der Müller, die alte Kuh …

"Ich habe mich etwas getraut"

Dann waren Sie der Beste! Alle Experten lobten Sie hymnisch. Man nannte Sie die Seele des Teams. Es sei das Spiel Ihres Lebens gewesen, heißt es. War es das?

Das vermag ich nicht zu sagen. Ein gutes Spiel wird ja immer noch besser bewertet, wenn es um eine große Sache geht. Vor einer solchen Riesenkulisse - 82.000 Zuschauer - habe ich nur einmal gespielt. Ich habe etwas riskiert, ich habe mich etwas getraut … Das ging uns allen so, und das frühe Führungstor von Kurt Haseneder nach sechs Minuten hat uns darin bestärkt. Dabei hätte das Kurtla notfalls ins Tor gemusst.

Der Stürmer Haseneder? Als Torwart?

Wir hatten gar keinen Ersatztorwart dabei. Auswechseln durfte man damals zwar eh noch nicht, aber wenn dem Roland Wabra vor dem Spiel etwas passiert wäre, hätte sich Haseneder ins Tor gestellt. Das Kurtla - wahrscheinlich auf einem Schemel (lacht).

Heini Müller, 87 Jahre alt, verwitwet und glücklicher Großvater, war in seiner Jugend ein erfolgreicher Radsportler und spielte Fußball beim TSV Roth. Im Alter von 22 Jahren schloss er sich dem 1.FC Nürnberg an, für den der technisch filigrane Fußballer in elf Jahren 313 Spiele bestritt. Sein größter Erfolg war der Meistertitel 1961. Müllers Biographie

Heini Müller, 87 Jahre alt, verwitwet und glücklicher Großvater, war in seiner Jugend ein erfolgreicher Radsportler und spielte Fußball beim TSV Roth. Im Alter von 22 Jahren schloss er sich dem 1.FC Nürnberg an, für den der technisch filigrane Fußballer in elf Jahren 313 Spiele bestritt. Sein größter Erfolg war der Meistertitel 1961. Müllers Biographie "Das Spiel seines Lebens", geschrieben von Hans Pühn, ist im Verlag Nürnberger Presse erschienen. © Foto: Marco Frömter

Das 2:0 kurz vor der Pause ist dann Ihnen gelungen. Erinnern Sie sich noch?

Natürlich, Gustl Flachenecker hatte einen Eckball auf Heinz Strehl gespielt, dessen Vorlage habe ich ins Tor verlängert. Unser Glück war, dass das Dortmunder Tor durch Jürgen Schütz kurz nach der Pause nicht galt, weil er unseren Torwart Roland Wabra zu hart angegangen war. Sonst wäre es wahrscheinlich noch einmal eng geworden.

"Da haben wir dann gewusst: Wir schaffen es"

Und dann kam noch einmal Heini Müller ins Spiel.

Nach einem Abschlag von Roland konnte ich mich über links durchsetzen, ich habe kurz überlegt, selbst abzuschließen, habe dann aber den Heinz Strehl gesehen, den Ball quer gelegt - und der Heinz hat es nach 66 Minuten erledigt. Da haben wir dann gewusst: Wir schaffen es.

"... und wir hatten mit Max ein Idol"

Die Mannschaft spielte sich an diesem Tag in die Herzen von ganz Fußball-Deutschland. Was hat sie denn besonders ausgezeichnet?

Wir hatten eine Reihe guter junger Spieler aus dem eigenen Nachwuchs dabei, und wir hatten mit Max ein Idol, das alle bewundert haben…

… Max Morlock, Weltmeister von 1954 …

… ja, aber der Max hat sich immer, auch in jedem Training, der Mannschaft untergeordnet, und er hat sehr viel für den Zusammenhalt getan. Wir saßen ja nach jedem Spiel lange im Alten Zabo beieinander, mit unseren Frauen, vor elf Uhr hat der Max niemanden heimgehen lassen. Wenn ich einmal müde war und früher gehen wollte, hat Max noch ein Bier für mich bestellt. Über Fehler, die man auf dem Platz gemacht hatte, konnte man reden, da blieb dann nichts zurück. Und wir hatten das Glück mit dem Trainer.

"Jungs, bindet die Helme fester"

Herbert Widmayer aus Kiel - er hatte das Amt erst mit Beginn der Meistersaison angetreten. Was brachte er mit?

Vor ihm war sechs Jahre lang Bimbo Binder aus Wien unser Trainer, er hatte eine väterliche Art und legte Wert auf den technisch feinen Fußball. Herbert Widmayer hat auch stark auf Körperlichkeit und Kondition gesetzt. Jungs, bindet die Helme fester, hat er gern gesagt. So kam eine gute Mischung heraus.

Das Meisterteam wurde zu Deutschlands Mannschaft des Jahres 1961 gewählt, eine seltene Ehre für Fußballer. Und ein besonderes Erlebnis?

Vor der Kür in Baden-Baden kam Fritz Walter zu uns ins Training und hat mit jedem Spieler gesprochen …

"Die Leute haben uns hingeschoben"

… der Kapitän der 1954-er-Weltmeister …

… ich habe ihn vergöttert! Er sollte uns zur Ehrung ja vorstellen, deswegen wollte er uns näher kennenlernen. Das war wirklich ein Erlebnis, und es sind viele wunderschöne Erinnerungen - die Heimfahrt aus Hannover, an den Zug war ein Tanzwagen angehängt, und etwa ab Würzburg mussten sich dann die Frauen um unsere Jungspunde kümmern und sie wieder etwas herrichten für den Empfang in Nürnberg. Da haben 100.000 oder mehr Menschen auf uns gewartet, in Käfer-Cabrios ging es zum Hauptmarkt - mit ausgeschalteten Motoren, die Leute haben uns hingeschoben.

"Gut gemacht, Heinerle, du hörst von mir"

Ihnen hat der Bundestrainer Sepp Herberger noch in Hannover ein schönes Versprechen gemacht - aber nicht gehalten. Waren Sie enttäuscht?

Nein. Gut gemacht, Heinerle, du hörst von mir, hatte Herberger mir gesagt. Aber ich bin überhaupt nicht böse, nicht zur A-Nationalmannschaft eingeladen worden zu sein, ich durfte zwei B-Länderspiele bestreiten - und ich bin ein Mensch, der Fröhlichkeit und Harmonie mag, Geselligkeit. Ich streite nicht gerne, und ich kann sagen, dass ich wirklich zufrieden bin mit meinem Leben.

1 Kommentar