Der FCN und seine Fans

Suche nach Identifikation: Wir sind der Club?

Fadi Keblawi

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31.3.2022, 08:57 Uhr
Könnte eine Identifikationsfigur werden - oder im Sommer Transfererlös bringen: Erik Shuranov.

© Sportfoto Zink / Daniel Marr, Sportfoto Zink / Daniel Marr Könnte eine Identifikationsfigur werden - oder im Sommer Transfererlös bringen: Erik Shuranov.

Der 1. FC Nürnberg war großartig und die Stimmung miserabel. In der Nachbetrachtung wird das Heimspiel gegen die SG Dynamo Dresden als Enttäuschung eingeordnet. Das liegt daran, dass dem Club des Trainers Robert Klauß zwar ein begeisternder Start gelungen war, aus diesem halbstündigen Start aber nur ein einziges Tor resultierte. Nach dem Start ließ der Club nach, schoss Dresden noch ein Tor und stand am Ende eben nur ein schnödes 1:1.

Die Sache mit der Enttäuschung liegt aber auch daran, dass sich selbst in der ersten halben Stunde das Max-Morlock-Stadion nicht nach einem Stadion anfühlte und anhörte, in das nach zuvor vier Siegen so etwas wie eine allgemeine Aufstiegseuphorie rund um diesen Verein eingekehrt war. Das Publikum betrachtete das Bemühen des Clubs mit einer Mischung aus Schweigen und schimpfendem Gemurmel.

Wenn man Robert Klauß mit einigem Abstand darauf anspricht, dann schaut er zustimmend zerknirscht. Er vermeidet es aber klugerweise, dieser Zerknirschtheit über die Abwesenheit von Stimmung auch in Worten Ausdruck zu verleihen, weil man es als Fußballtrainer besser unterlässt, das Fußballpublikum zu kritisieren.

Stattdessen fragt Klauß, ob es denn vorher anders war. Also vor der Pandemie, die die Fans erst aus den Stadien verbannte und die deren Rückkehr dann erst unter der Einhaltung von allerhand Auflagen zuließ. Er fragt also auch, ob es anders war in der Zeit vor seinem Wirken in Nürnberg.

Ursprung in der Fanszene

Es war anders, wobei das vielleicht die Vergangenheit etwas verklärt. Aber es waren damals natürlich die Ultras noch im Stadion, die auch dann gesungen haben, wenn es mal wieder sehr langweilig bis ernüchternd war, was auf dem Platz geschah. Es war vor dieser Pandemie sicherlich mehr: "Wir sind der Club."

Es ist ein Slogan, der aus der Fanszene heraus entstanden ist. Ursprünglich als eine Abgrenzung gegenüber einer Mannschaft, die mal wieder im Begriff war, irgendwohin abzusteigen. Als Selbstversicherung eines Publikums, das bleiben würde, auch wenn die nächste miserable Mannschaft die Stadt längst wieder verlassen hätte.

Der Club räumt auf und repariert

Der Verein übernahm irgendwann diesen Spruch. Mitunter füllte er ihn mit Leben aus. Immer war es dann der sportliche Erfolg, der für dieses "Wir" zwischen Menschen und Verein sorgte. Davon unabhängig zu werden, das versuchen sie beim Club nun seit einiger Zeit mit großem Engagement. Der Club will sich in die Stadtgesellschaft integrieren. Der Club räumt auf, der Club repariert Fahrräder und positioniert sich politisch.

Das ist ernst gemeint, gut gemeint und gut gemacht, wirkt aber mitunter immer noch wie ein Anhängsel oder ein weiteres Marketing-Instrument. Wichtig bleibt vorerst auf dem Platz - und da wirkt diese erfolgreiche Mannschaft noch nicht angekommen in der Gesellschaft.

Eine richtige Identifikationsfigur gibt es mit Enrico Valentini, der aber derzeit auf der Bank sitzt. Auf dem Platz sieht man viele Spieler, die Gesichter des Vereins werden könnten, aber eben nicht wissen, ob sie eine Zukunft haben oder haben wollen beim 1. FC Nürnberg. Tom Krauß und Lino Tempelmann sind Leihspieler, Tim Handwerker zögert mit einer Vertragsverlängerung, Erik Shuranov und Fabian Nürnberger sind Verkaufskandidaten.

Alles eine Frage der Zeit?

Und auch der Trainer selbst müsste ja in den kommenden Wochen und Monaten sehr viele Dinge sehr falsch machen, um nicht weiterhin als einer zu gelten, der irgendwann bei einem Verein arbeiten kann, der höhere Ambitionen und vor allem mehr Geld zur Verfügung hat. Klauß weiß das, sieht das aber nicht als Problem. Weil sich die Mannschaft, sagt er, damit identifiziert, was sie sportlich vorhaben beim Club. Und aus diesem ersten Schritt, sagt er, folgt alles andere.

In Kreisen, sagt Klauß, entwickelt sich diese Identifikation aus dem Innersten heraus - es folgt die mit dem Verein, die mit der Stadt. Er hat das bei sich selbst erlebt auf seiner letzten Station in Leipzig. Irgendwann war er so lange dort, "da habe ich mich selbst als Leipziger gefühlt", sagt der gebürtige Eberswalder Klauß.

Nur war ihnen der Weg in die äußeren Kreise nun zwei Jahre lang mehr oder weniger versperrt, da selbst das Vereinsarbeitsleben ins Home Office verlagert worden war. Manchmal, sagt Klauß, spüren sie diese Verbindung aber doch, "kleine Momente" des Zusammenfindens sind das - wie beim sehr stimmungsvollen Sieg gegen den HSV kürzlich.

Klauß ist ein Optimist. Und vielleicht braucht es tatsächlich nur etwas Zeit, um wieder zum großen "Wir" zu finden. Am Sonntag in Heidenheim kehren die Ultras zurück ins Stadion. Es wird dann im besten Fall viel gesungen - und der Club sind wieder ein paar Menschen mehr.

Info: Identität im Profisport, was ist das eigentlich? Und: Gibt es Identität in diesem sehr eigenen Wirtschaftszweig überhaupt noch? Diese Fragen stellen wir in den kommenden Wochen an dieser Stelle in einer Mini-Serie mit Blick auf die mittelfränkischen Erst- und Zweitliga-Klubs. Der 1. FC Nürnberg macht den Anfang, in der kommenden Woche widmen wir uns dem Basketball-Zweitligisten Nürnberg Falcons.

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