Würdigung des Rekordspielers

Patrick Reimer, Legende

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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24.11.2021, 23:49 Uhr

"Ich bin froh, dass es jetzt geschafft ist, jetzt können wir uns wieder auf andere Themen konzentrieren." Sorry, Patrick Reimer, das können wir erst einmal nicht.  © Andreas Gora via www.imago-images.de

Natürlich taten sie so, als wäre nichts passiert. Nur Oliver Mebus war anzusehen, dass gleich etwas passieren würde. Nervös wippte der verletzte Verteidiger auf seinem Gehgips hin und her. Und dann öffnete sich endlich die Tür der Gästekabine von außen, herein trat der erfolgreichste Scorer in der Geschichte der Deutschen Eishockey Liga und zwanzig gestandene Männer, Sekunden zuvor noch müde, verschwitzt und gezeichnet, wurden zu kleinen Kindern.

Patrick Reimer weiß, wie es sich inmitten von Jubeltrauben anfühlt, wie großartig es riecht, wie sich das Gebrüll in seinen Ohren anhört. Im Mai 2011 hatte eine deutsche Eishockey-Nationalmannschaft erstmals bei einer Weltmeisterschaft Russland besiegt – weil er kurz vor Schluss das 2:0 geschossen hatte. Im Februar 2018 war es sein 4:3 gegen Schweden in der Verlängerung des Viertelfinales, das den größten Erfolg in der Eishockey-Geschichte des Landes erst möglich gemacht hat. Er hat kurz vor Mitternacht in Wolfsburg getroffen, vor 50.000 Zuschauern im Max-Morlock-Stadion. Am Mittwochabend in Krefeld hat er nun sein 372. DEL-Tor erzielt und später noch zum 426. Mal einen Treffer vorbereitet. 798 Punkte sind das, keiner der bisherigen 2974 DEL-Profis hat mehr Zähler gesammelt als er.

An even greater person

Dass sich Eishockeyspieler aber wie die Kinder freuen, weil sie einen Kumpel überraschen und nassspritzen dürfen – das hat sich Patrick Reimer nicht durch Tore und Vorlagen erarbeitet. Das durfte er genießen, weil er ein herausragender Mensch ist.

Im Eishockey wird das schnell dahingesagt, a great player, an even greater person. Auf Reimer aber trifft das zu. Natürlich kann man versuchen, in Deutschland einen Gegner, einen ehemaligen Mitspieler zu finden, der sich nicht mindestens anerkennend über den 38 Jahre alten Kapitän der Ice Tigers äußert. Man wird nur keinen Erfolg haben, seit diesem Mittwochabend noch nicht einmal in gegnerischen Fanblöcken.

Draisaitl, Kühnhackl - Reimer

Wenn die Fans in Mannheim, Krefeld und Nürnberg schlafen, dann bricht auch Leon Draisaitl Rekorde – allerdings in der besten Liga der Welt. Der Sohn des ehemaligen Ice Tigers-Trainers Peter Draisaitl ist ein Weltstar, mindestens der derzeit zweitbeste Spieler in der NHL. Und in den 70er- und 80er-Jahren konnte allein Erich Kühnhackl mit den Künstler aus der Sowjetunion und der Tschechoslowakei mithalten. Draisaitl und Kühnhackl überstrahlen im deutschen Eishockey alle anderen. Patrick Reimer aber reiht sich direkt dahinter ein – auch sportlich.

Jubeltraube fünf Minuten vor Ende Spiels: Die Ice Tigers feiern Patrick Reimer nach dessen 798. Scorerpunkt in der DEL.

Jubeltraube fünf Minuten vor Ende Spiels: Die Ice Tigers feiern Patrick Reimer nach dessen 798. Scorerpunkt in der DEL. © Andreas Gora via www.imago-images.de

Im September 2015 wechselte mit Dany Heatley ein Weltmeister und Olympiasieger nach Nürnberg. Colin Fraser, ebenfalls NHL-erfahren, wurde deshalb gefragt, wie das sei, nun mit einem solch herausragenden Spieler in Nürnberg zusammenzuspielen. Großartig, antwortete Fraser, er habe sich nur gefragt, warum dieser herausragende Spieler nie nach Nordamerika geholt wurde. Er habe mit Jonathan Toews, Patrick Kane und Anze Kopitar gespielt, dieser Mitspieler in Nürnberg sei aber mindestens genauso gut. Fraser sprach nicht von Heatley, Fraser sprach von Reimer.

Tatsächlich: harte Arbeit

Reimer ist ein Instinktspieler, einer, der nicht erst lernen musste, das Spiel zu lesen, einer, der über tausende Trainingseinheiten und mehr als tausend Pflichtspiele den Spaß nie verloren hat. Das allein aber hätte nicht gereicht, um sich wahrscheinlich für längere Zeit an die Spitze der ewigen Scorerliste zu schießen. Als Kind und Jugendlicher war Reimer in Kaufbeuren lange übersehen und unterschätzt worden. Andere, die schon sehr lange nicht mehr Eishockey spielen, wurden in Nachwuchsnationalmannschaften berufen. Er nicht, kein einziges Mal. Er musste sich beweisen, immer wieder. Auf dem Eis sieht bei ihm vieles so leicht aus. Tatsächlich war es hart.

Später misstrauten ihm die Bundestrainer der A-Nationalmannschaft. Da hatte er sich längst in der DEL als torgefährlicher Spieler etabliert. In der Nationalmannschaft gelang ihm das erst mit 28. Danach wurde Reimer erst Kapitän der Nationalmannschaft, dann ein Silberheld von Pyeongchang.

Ach, Markus Söder, bitte

In Nürnberg aber feiert man den Mann aus Mindelheim, weil er am Christkindlesmarkt Glühwein für einen guten Zweck ausschenkt – erst im Auftrag der Ice Tigers, dann noch auf eigene Initiative -, weil er bei den Treffen mit den Rollis als Letzter geht, weil er nur nach den Playoff-Niederlagen gegen Wolfsburg nicht zumindest lächelt, weil er während der Pandemie stille Helden sucht. Weil er selbst ein stiller Held ist. Laut muss er auch nicht sein. „Wenn Patrick die Kabine betritt“, sagt Marco Nowak, einst Kollege in Düsseldorf und Nürnberg, immer Freund und mittlerweile selbst Kapitän der Nationalmannschaft, „wissen alle, wer der Chef ist.“

Die Kabine hat er nach dem 3:2-Sieg in Krefeld als Letzter betreten, weil er, der Rekordspieler, noch ein Interview geben musste. Thema natürlich: 798 Punkte. „Sicherlich eine Wahnsinnszahl. Ich bin froh, dass es jetzt geschafft ist“, sagte Reimer, „jetzt können wir uns wieder auf andere Themen konzentrieren.“ Wirklich wohl schien er sich nicht zu fühlen. Dann durfte er zu seiner Mannschaft in die Kabine und wurde nass gemacht.

Wenn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wirklich etwas an Nürnberg liegt, dann lässt er am Freitagabend zumindest für die Arena Nürnberger Versicherung und das Heimspiel gegen Schwenningen (19.30 Uhr) die 2Gplus-Regeln und die 25-Prozent-Obergrenze aufheben. Wobei Patrick Reimer das niemals wollen würde. Reimer will einfach nur spielen.

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