Pionierin geehrt: Fußball-Kulturpreis für Silvia Neid

19.10.2020, 15:54 Uhr
Silvia Neid, scheidende Bundestrainerin, freut sich über die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen von Rio im Jahr 2016.

© Soeren Stache Silvia Neid, scheidende Bundestrainerin, freut sich über die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen von Rio im Jahr 2016.

Silvia Neid und die Weltmeister, von denen nur noch der 88-jährige Horst Eckel lebt, treten mit dieser Würdigung in die Fußstapfen von Otto Rehhagel (im Jahr 2010), Bobby Charlton (2011), Ottmar Hitzfeld (2014), Horst Hrubesch (2018) oder von Pierluigi Collina, der im Vorjahr geehrt wurde. Als erster von bislang 14 Männern erhielt Franz Beckenbauer im Jahr 2006 die nach dem Gründer der Fachzeitschrift kicker benannte Auszeichnung.

Bester Spruch: Daniel Thioune

Die im Nürnberger Kulturamt angesiedelte, aber mit bundesweitem Anspruch agierende Akademie gab am Montag zudem die Gewinner in den anderen drei Preiskategorien bekannt. Daniel Thioune, Trainer des Hamburger SV, wird für den besten Fußball-Spruch des Jahres geehrt. Thioune war noch Coach des VfL Osnabrück, als er den Umgang mit HSV-Spieler Bakery Jatta kritisierte: "Wer es nicht schafft, gegen den HSV zu punkten, sollte nicht auf dem Rücken eines Flüchtlings, der niemandem etwas getan hat, versuchen, einen Vorteil herauszuholen, sondern besser auf die eigenen sportlichen Fehler schauen."

Einige Teams hatten zuvor gegen die Wertung ihres Spiels gegen Hamburg auf der Basis unbelegter Vorwürfe gegen Jatta Protest eingelegt, der falsche Angaben zu seiner Person gemacht haben soll. Die Auszeichnung für den Fußball-Spruch ist mit 5000 Euro für einen gemeinnützigen Zweck dotiert.

Preis für Biografie über Gerd Müller

Ebenfalls 5000 Euro erhält der Autor des überzeugendsten Fußball-Buches. Die Jury der Akademie entschied sich für die Biografie "Gerd Müller oder wie das große Geld in den Fußball kam" des Historikers Hans Woller. Woller dekonstruiere das Klischee vom tumben Bayern-Torjäger Müller, schreibt die freie Journalistin Alina Schwermer in ihrer Würdigung. Das Buch sei genuin politisch, weil es "den Spieler und den Fußball nicht separat begreift, sondern als Teil wirtschaftlicher, sozialer, kultureller Geschichte". Schwermer hatte den Siegertitel für die Jurysitzung nominiert.

Drei Fußball-Utopien ausgezeichnet

Genau wie der Hauptpreis wird auch der mit insgesamt 5000 Euro dotierte Fanpreis heuer geteilt. Die Akademie, die in früheren Jahren in dieser Kategorie zum Beispiel nach dem schönsten Fan-Gesang oder dem anregendsten Fußball-Gesellschaftsspiel suchte, stellte diesmal das Thema "Fußball-Utopien", also eine rein intellektuelle Leistung, ins Zentrum. Über 50 Bewerbungen gingen ein. Greta Budde und Petra Landers aus Berlin erhalten für ihre Utopie "Den Fußball denen, die ihn lieben" 3000 Euro. Dort formulieren sie die Vorstellung, dass der Deutsche Fußballverband (DFB) genossenschaftlich organisiert sein soll. Der Wiener Gerhard Gruber kommt in dieser Kategorie mit seinem Gedankenspiel "Globaler Fußball" auf den zweiten Rang (1500 Euro). Er legt dar, wie der Fußball im Jahr 2035 als sozialer Katalysator für den Klimaschutz seiner Vorbildrolle gerecht geworden ist. Die 500 Euro für den dritten Platz bleiben in der Stadt: Die Nürnberger Markus Urban und Ingmar Reither haben mit "Ultra's Paradise" ein Corona-kompatibles Modell des Fanlebens entwickelt - die Anhänger leben, abgesichert durch ein Grundeinkommen, in einer abgeriegelten Fansiedlung.

Ehrung für Pioniere

Dass der Hautpreis heuer zweigeteilt wird, begründet der Juryvorsitzende Rainer Holzschuh mit dem Jubiläum des kicker, der 2020 sein 100-jähriges Bestehen feiert und der in der Akademie mit der Stadt Nürnberg und dem Sponsor Teambank zusammenarbeitet. Aus Anlass des Jubiläums wolle man Pioniere ehren, so Holzschuh, Herausgeber der Fachzeitschrift. Silvia Neid habe "dem Frauenfußball schon zu aktiven Zeiten zu einem Boom verholfen" und erfolgreich gegen Widerstände angekämpft. Sie war von 2005 bis 2016 Trainerin der Frauen-Nationalmannschaft und an allen acht Europameisterschaftstiteln der Nationalelf als Spielerin, Co-Trainerin oder Coach beteiligt. Mit 56 Jahren ist Neid die jüngste Trägerin des Bensemann-Preises.

Gala heuer im Online-Format

Fritz Walter, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, nach dem 3:2-Endspielsieg gegen Ungarn im Jahr 1954.

Fritz Walter, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, nach dem 3:2-Endspielsieg gegen Ungarn im Jahr 1954. © dpa

Die Weltmeister von 1954 erhalten die Auszeichnung, "da sie uns alle ein Leben lang als Vorbilder begleitet haben", schreibt Holzschuh in seiner Begründung. "Als ganz normale Fußballer wurden sie zu Personen der Zeitgeschichte und nahmen diese Vorbildrolle Zeit ihres Lebens an." Der 2002 verstorbene Fritz Walter, Kapitän der Mannschaft, wäre am 31. Oktober 100 Jahre alt geworden.

Aus der Endspielelf, die Ungarn nach 0:2-Rückstand mit 3:2 besiegte, lebt nur noch Horst Eckel. Er nimmt die Auszeichnung im Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern entgegen, Silvia Neid erhält sie im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund.

Traditionell werden die Fußball-Kulturpreise eigentlich bei einer Gala in der Nürnberger Tafelhalle übergeben - diese kann jedoch heuer wegen Corona in dieser Form nicht stattfinden. Stattdessen gibt es am 30. Oktober ab 20 Uhr eine Online-Gala, die im Internet frei zugänglich ist. Wie bei den Veranstaltungen in den Vorjahren führt auch diesmal wieder ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein durch das Programm.

Keine Kommentare