Kult-Serie aus den USA beim Streaming-Portal

"The Office" startet auf Netflix: Eine zeitlos schöne Fremdscham

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Alexander Aulila

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15.1.2022, 11:55 Uhr
Steve Carell in seiner wohl beliebtesten Rolle: Michael Scott führt bei

Steve Carell in seiner wohl beliebtesten Rolle: Michael Scott führt bei "The Office" die Geschicke von Dunder Mifflin in Scranton. Die Kult-Serie ist ab dem 15. Januar in Deutschland auf Netflix zu sehen. © Mary Evans Picture Library via www.imago-images.de

Es geht um Papier. Oder besser gesagt darum, möglichst viel davon zu verkaufen. Das ist der Alltag bei Dunder Mifflin, einem US-amerikanischen Papierhersteller. Was an sich furchtbar langweilig und austauschbar klingt, dient einer der erfolgreichsten TV-Serien aller Zeiten als Prämisse - und zieht seit nunmehr 17 Jahren Millionen Menschen in einen fast schon unerklärlichen Bann. "The Office" ist ab dem 15. Januar auch in Deutschland beim Streaming-Riesen Netflix zu sehen. Eine Serie, die mit ihrem Charme, ihren Übertreibungen und ihrem zeitlosen Charakter die Popkultur im Internet verändert hat.

Das Prinzip der Serie ist denkbar einfach: Eine Kamera-Crew begleitet für eine Dokumentation den Büroalltag eines Unternehmens. Die Idee dafür lieferte die britische Comedy-Legende Ricky Gervais, der das Format 2001 als Mockumentary, als fiktive Dokumentation also, für die öffentlich-rechtliche BBC im Vereinigten Königreich umsetzte. Das dürfte auch Fans von Bernd Stromberg bekannt vorkommen: Die Serie rund um den unausstehlichen Leiter der Schadensregulierung M-Z basiert ebenfalls auf Gervais' Idee. Der US-Medienkonzern NBC Universal wagte 2005 eine eher Sitcom-artige Umsetzung, die zum Erstaunen vieler den Erfolg des Originals übertrumpfte.

Mehr als 57 Milliarden Minuten der Serie wurden 2020 allein in den USA und nur bei Netflix gestreamt. Die weltweite Zahl dürfte angesichts der großen internationalen Fanszene und vieler illegaler Streaming-Angebote weitaus höher liegen. Alle Umsetzungen dieser Idee haben aber eines gemeinsam: Im Vordergrund stehen Personen des Alltags, die alles andere als perfekt sind.

Schwächen, Stärken und Liebe zum Detail

Handlungsort der Serie ist eine Niederlassung eines fiktiven Papierherstellers aus der Kleinstadt Scranton im Nordosten der USA. Die erste Staffel wurde im Jahr 2005 veröffentlicht, der Ton ist entsprechend rau und entspricht überhaupt nicht dem Ideal heutiger Produktionen. Die Autoren lassen in ihrem Bestreben, die Fremdscham als prägendes Stilmittel zu etablieren, kein Fettnäpfchen für ihre Protagonisten aus.

Im Mittelpunkt steht Michael Scott, gespielt vom mehrfach ausgezeichneten Steve Carell. Scott ist ein miserabler Boss, dessen Inkompetenz nur noch von seiner großen Klappe und Taktlosigkeit übertroffen wird. Scott kann nicht mit Menschen umgehen, bedient sich sexistischer und rassistischer Klischees und hält sich für einen erstklassigen Entertainer. Im tiefsten Kern ist er aber vor allem ein unsicherer Mann mittleren Alters, der sich nach zwischenmenschlichen Beziehungen sehnt.

Und genau diese Beziehungen sind es, die der Serie ihren unvergleichlichen Charme verleihen. Die Zuschauer lernen den sympathischen Vertriebsmitarbeiter Jim kennen, der sich gerne mit seinem Kollegen Dwight zankt und ein bisschen zu viel Zeit bei Pam, der (mit einem anderen Kollegen) verlobten Rezeptionistin der Niederlassung, verbringt. "The Office" gibt Einblicke in die Leben der Buchhalter Angela, Kevin und Oscar, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch über Jahre hinweg gemeinsam einen (mal mehr, mal weniger) guten Job machen.

Die Serie nimmt die Zuschauer auch in die Gefühlswelten des Sonderlings Creed oder der exzentrischen Kelly, die viele als heimlichen Star der Serie sehen, mit. Und an dieser Stelle könnten auch noch weitere Charaktere stehen, deren Persönlichkeiten mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail geschaffen wurden. Der Schlüssel zum Erfolg liegt einerseits in der Verletzlichkeit der Charaktere, die ihre Schwächen genauso stolz zur Schau stellen wie ihre Stärken, und andererseits in den vielen emotionalen Momenten, die eine für eine Comedyserie ungewöhnliche Tiefe besitzen.

Kein Ende des Hypes in Sicht

"The Office" tanzt wie kaum eine andere Sitcom auf einem Comedy-Drahtseil. Dass einige Folgen - vor allem früh im Verlauf der Serie - dabei auch die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten, ist von den Autoren durchaus mit einkalkuliert. In den USA entschied sich TV-Sender Comedy Central dazu, die Folge "Diversity Day" 16 Jahre nach der Erstausstrahlung aus dem Programm zu nehmen, weil sich Michael Scott dort - unter heftigem Gegenwind seiner Mitarbeiter - rassistischer Stereotype bedient.

Der Erfolg der Serie, gerade unter den sensibleren jüngeren Generationen, tut das allerdings keinen Abbruch. "The Office" spiegelt auch die unangenehmen Interaktionen des Lebens wider und ordnet sie entsprechend ein. Es geht häufig um Themen, die auch heute - mehr als acht Jahre, nachdem die letzte Folge abgedreht wurde - noch gesellschaftlich relevant sind. Ein Ende des Office-Hypes ist deshalb noch lange nicht in Sicht.

In den 17 Jahren seit Erstausstrahlung hat die Serie die Meme-Kultur im Internet maßgeblich mitgeprägt und ist ein popkulturelles Phänomen. Auf Twitter, Instagram, TikTok und Facebook gibt es zahlreiche Accounts, die sich auf Videosequenzen, GIFs oder Bilder aus der Serie spezialisiert haben. Singer-Songwriterin und Grammy-Gewinnerin Billie Eilish thematisiert in ihrem Song "My strange addiction" ("Meine seltsame Sucht") ihre Besessenheit mit der Serie.

Eine Besessenheit, die Millionen Menschen weltweit teilen. Wer "The Office" schaut, tut das meist immer und immer wieder. Weil es Geschichten aus dem Alltag erzählt, weil die Emotionen nicht zu kurz kommen und weil es dabei eine Frequenz von Pointen an den Tag legt, die seinesgleichen sucht.

Wer der englischen Sprache mächtig ist, sollte sich "The Office" im Originalton ansehen, um keines der sorgfältig konstruierten Wortspiele zu verpassen. Trotzdem bietet Netflix für alle neun Staffeln auch eine deutschsprachige Synchronisation an, damit alle Userinnen und User den alltäglichen Wahnsinn bei Dunder Mifflin auch auf Deutsch mitverfolgen können. Und sich vielleicht mit ein paar Millionen anderen Menschen eine neue Besessenheit zu teilen.

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