Mobilfunk

Warum mobiles Internet in Deutschland im europäischen Vergleich teurer ist

19.5.2021, 05:55 Uhr
Im Vergleich mit den europäischen Nachbarn zahlen Smartphone-Nutzer hierzulande mehr für ihr Datenvolumen. 

Im Vergleich mit den europäischen Nachbarn zahlen Smartphone-Nutzer hierzulande mehr für ihr Datenvolumen.  © Sebastian Gollnow, dpa

In Deutschland ist es mit dem Datenvolumen so eine Sache: Generell ist mobiles Surfen in den letzten Jahren deutlich günstiger geworden. Das bemerken die meisten spätestens dann, wenn sie den Handyvertrag wechseln und plötzlich für das gleiche Geld das Zweifache an Datenvolumen bekommen. Wer die Preise dann aber mit denen anderer EU-Länder vergleicht, merkt schnell: So günstig ist es doch nicht.

Einen Überblick über die Preise für mobiles Datenvolumen liefert jährlich die finnische Beratungsfirma Rewheel. Im April veröffentlichte das Unternehmen zuletzt eine Grafik, in der sie die maximale Anzahl an Gigabyte (GB), die Verbraucher für 30 Euro erhalten, zwischen 51 Ländern verglich. Einzige Einschränkung: Die Verträge mussten mindestens 1000 Freiminuten zum Telefonieren und eine Übertragungsgeschwindigkeit von mindestens zehn Megabit pro Sekunde enthalten. Deutschland landet in dem Vergleich im hinteren Drittel - auf Platz 37. Dagegen erhalten Nutzer in fast der Hälfte der Länder für die monatlichen 30 Euro mindestens 1000 GB oder gar unendliches Datenvolumen.

Die Daten wurden von der finnischen Beratungsfirma Rewheel (http://research.rewheel.fi/insights/) erhoben und bereitgestellt. 

Die Daten wurden von der finnischen Beratungsfirma Rewheel (http://research.rewheel.fi/insights/) erhoben und bereitgestellt. 

Auch im reinen EU-Vergleich landet Deutschland im hinteren Feld (siehe Grafik): Während Kunden hierzulande bei einer Mindestgeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde für 50 GB Datenvolumen monatlich mindestens 36,24 Euro zahlen müssen, erhalten Bürger in Frankreich oder Italien die gleiche Datenmenge für acht beziehungsweise sechs Euro.

Anbieter nennen höhere Kosten als Grund

Warum die Preise in Europa so unterschiedlich sind, dafür haben die Mobilfunkanbieter mehrere Gründe: Vodafone verweist zum einen auf die unterschiedliche Topografie und Bevölkerungsverteilung in den Ländern. "Deutschland ist eher schwierig zu versorgen und es bedarf hier hoher Milliarden-Investition, um die besiedelten Gebiete möglichst flächendeckend an das Mobilfunknetz (GSM) und an das mobile Breitbandnetz (LTE, 5G) anzuschließen", teilt Vodafone mit. Gleichzeitig seien die Preise für die Frequenzen in Deutschland teurer als in anderen Ländern. Anbieter Teléfonica, zu dem O2 gehört, fügt als Argument unterschiedliche Baukosten, bürokratisch aufwändige Genehmigungsverfahren und höhere Lohnkosten hinzu.


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"Das sind immer die gleichen vermeintlichen Argumente", sagt dagegen Torsten Gerpott, der an der Universität Duisburg-Essen unter anderem zur Telekommunikationswirtschaft forscht. Selbstverständlich seien die Baukosten unterschiedlich, "in den Gesamtpreisen der Kunden macht das aber nur einen Bruchteil aus". Gleiches gelte auch für die Topografie und die Fläche eines Landes. "Natürlich muss man zwischen einem Stadtstaat und einem Flächenstaat differenzieren, aber es gibt ja viele Länder, die so groß sind wie Deutschland und dennoch niedrigere Preise haben", so Gerpott.

Eine Einschränkung sieht der Experte aber doch: "Wo man beim Länder-Vergleich genauer hinschauen muss, ist, inwiefern in einzelnen Verträgen Zero-Rating-Optionen enthalten sind." Darunter versteht man die Möglichkeit, bestimmte Inhalte zu nutzen, ohne Datenvolumen zu verbrauchen. Nutzer können dafür beispielsweise die sozialen Netzwerke oder Musik-Streaming auswählen. Auch in Deutschland sind solche Optionen mittlerweile oft verfügbar. Nichtsdestotrotz sind die Preise hierzulande vergleichsweise hoch. Den Hauptgrund dafür sieht Wirtschaftswissenschaftler Gerpott in der geringen Zahl an Anbietern: "Wir haben bislang einen aufgeteilten Markt mit drei großen Spielern mit eigenem Netz. Der Wettbewerb ist also sehr überschaubar. Und die Preise der Netzbetreiber sind alle ähnlich. Darüber herrscht offenbar ein stillschweigendes Einvernehmen."

Verbraucher können durch Discounter sparen

Ein Blick in die Mobilfunk-Geschichte der letzten 20 Jahre zeigt, wie es dazu kam: Im Jahr 2000 versteigerte die Bundesnetzagentur Lizenzen für das UMTS-Netz, den Mobilfunkstandard der dritten Generation: Vodafone, E-Plus, O2 und Telekom erhielten den Zuschlag. 2013 kaufte O2-Besitzer Telefónica E-Plus; dafür kam 2019 bei einer erneuten Versteigerung wieder ein vierter Anbieter dazu: United Internet, eine Tochter von 1&1 Drillisch.

Trotzdem können Verbraucher sparen: So bieten immer mehr Discounter wie Aldi günstige Smartphone-Tarife an. Sie betreiben dafür kein eigenes Netz, sondern greifen über Kooperationsverträge mit den großen Anbietern auf deren Netz zu. Weil sie dabei auf extra Filialen, Beratung oder die höchste Surfgeschwindigkeit verzichten, sind die Angebote günstiger.


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Einfach auf einen ausländischen Anbieter auszuweichen, um zu sparen, ist dagegen keine Option. Zwar können Bürger seit 2017 in allen EU-Ländern ohne Aufschlag surfen und telefonieren, eine Verordnung von 2015 verbietet es aber, dauerhaft einen ausländischen Mobilfunkanbieter zu nutzen. Wo sich ein Nutzer befindet, können Anbieter beispielsweise über die Sendemasten feststellen, mit denen sich die Telefone verbinden. Ein Versuch könnte also recht schnell auffliegen.

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