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Kleinbetriebe in der Fränkischen Schweiz unter Druck

"Kleine Bäcker wird es in 20 Jahren nicht mehr geben" - 09.09.2018 10:02 Uhr

Schwierige Zeiten für mittelständische Bäcker in der Fränkischen Schweiz. In Weilersbach (Bild) reagiert die Bäckerei Wirth darauf mit verkürzten Öffnungszeiten. © Foto: Anestis Aslanidis


Der Sommer ist vorbei. Und daraus schöpft Ulrike Wirth Hoffnung. Sie ist die Chefin des mittelständischen Bäckereibetriebs Wirth mit Sitz in Egloffstein und insgesamt zwölf Filialen. Seit 2004 verkauft Wirth auch in Weilersbach Brötchen. Doch das Geschäft mit ihnen ist schwieriger geworden.

"Der Sommer dieses Jahr war eine sehr schwierige Zeit für uns", sagt Wirth. Nur wenige Kunden fanden den Weg zum Bäcker. So wenige, dass Wirth sagt: "Es kann eigentlich nur noch aufwärts gehen in den nächsten Monaten." Doch wo sind die Kunden gewesen? Im Urlaub, sagt Wirth, und beim Mitbewerber. Einer kam erst vergangenes Jahr hinzu. Der Kalchreuther Bäcker am Ortsrand kam mit dem Edeka-Markt in das Dorf. Dort hat der neue Mitbewerber Laufkundschaft und Platz für großflächige Außenbestuhlung.

Seitdem der Einkaufskomplex, an der Bundesstraße 470 gelegen, geöffnet ist, hat sich das Geschäft geändert, sagt auch Marianne Nagel von der gleichnamigen Forchheimer Bäckerei und Konditorei. Auch sie ist in Weilersbach mit einer Filiale vertreten, seit rund zehn Jahren. "Freilich merken wir die Konkurrenz", sagt sie im Gespräch mit den Nordbayerischen Nachrichten. Vom gleichen Kuchen wollen plötzlich mehr naschen. Für den Einzelnen bleibt am Ende weniger übrig.

Ulrike Wirth musste darauf reagieren. "Der Umsatz ist am Nachmittag verschwindend gering geworden." Sonntags bleibt das Geschäft ab sofort geschlossen. Unter der Woche ist nach Mittag Schluss. "Bevor wir komplett schließen", schiebt Ulrike Wirth nach. Die Situation ist ernst, doch noch will sie nicht das Handtuch werfen. Die Lottoannahmestelle in ihrem Stehcafé bringt sichere Einkünfte. Sie darf jetzt nicht wegfallen.

Nagel öffnet wieder

Bei der Bäckerei Nagel soll es ab Dienstag wieder wie gewohnt von morgens bis mittags mit dem Verkauf weiter gehen. In den vergangenen Wochen war der Laden krankheitsbedingt geschlossen. Trotz Konkurrenz sieht sich Marianne Nagel noch nicht veranlasst, Konsequenzen zu ziehen. Ganz im Gegenteil. "Wir werden weiterhin am Sonntag nicht öffnen", sagt sie. "Sonntag ist ein Familientag. Würden wir an diesem Tag öffnen, geht das zu Lasten der Familien." Frische Sonntagsbrötchen bietet damit nur der Kalchreuther Konkurrent an. Seine Filiale hat ganztags von montags bis sonntags geöffnet.

Schwierig geworden ist das Geschäft für die Bäckerei Wirth aber nicht erst mit dem zweiten Mitbewerber, sondern schon 2013. In dem Jahr, als der benachbarte Nahversorgermarkt Tegut schloss. Damit ging der "Marktplatz-Charakter" im Dorf verloren, so Wirth. Und mit ihm Kunden.

Für mehr Leben könnte ab Anfang November ein neuer Nachbar sorgen. Peter Schork, Geschäftsinhaber des Radladen "Radsport Art", zieht in die Räume des ehemaligen Lebensmittelmarktes ein. "Wir platzen aktuell aus allen Nähten und können uns dort auf die doppelte Fläche erweitern." Eigentlich wollte Schork neu bauen, auf einer Fläche neben der Tankstelle im Ort, die den Einkaufskomplex an der B 470 ergänzt. Doch mit dem Kauf des gewünschten Grundstückes hat es nicht geklappt.

Rückgang nicht aufgehalten

Um den Verlust des Lebensmittelmarktes wett zu machen, hat Wirth das Sortiment in ihrer Bäckerfiliale um Wurst, Eier und Getränke erweitert. Doch das alles konnte den Rückgang der Kunden nicht aufhalten. Hinzu kommt der "Wandel der Zeit". Ulrike Wirth beschreibt damit das Phänomen, dass die Konsumenten im großen Supermarkt einkaufen und dort auch gleich die Backwaren beim angeschlossenen Bäcker. Ein Trend, der nicht nur in Weilersbach Einzug gehalten hat.

Auch die Bäckerei Wirth hätte sich für die neu entstehende Verkaufsfläche in Nachbarschaft zum Einkaufsmarkt in Weilersbach bewerben können. Doch für einen mittelständischen Bäckereibetrieb wie Wirth gleicht das eher einer theoretischen denn praktischen Option. Meist scheitert es an der großen Ladenfläche und den vorgegebenen Öffnungszeiten, die finanziell und personell abgedeckt werden müssen.

Seit Januar verkauft auch der Weilersbacher Benedikt Seiler in seinem Hofladen in Unterweilersbach selbstgebackenes Brot. In den Regalen findet sich auch Honig der eigenen Bienenvölker sowie Wurst und Eier, letztere stammen von seinen Freiland-Hühnern. Das Geschäft, am Freitagnachmittag und Samstagvormittag geöffnet, entwickelt sich positiv, sagt er. "Den Edeka-Markt und die Bäcker sehe ich nicht als Konkurrenz an." Er will mit Produkten "Made in Weilersbach" punkten. Und kommt damit nach eigener Aussage beim Einkäufer an. "Das Geschäft entwickelt sich gut." Prozentual kämen mehr Kunden aus dem Landkreis als Weilersbach.

Am Ende der große Aufschrei

"In 20 Jahren", fürchtet Wirth, "wird es Bäcker wie uns in der Fläche wohl nicht mehr geben." Denn den Wandel, der sich gerade in der Weilersbacher Filiale bemerkbar mache, spüre sie auch in anderen Filialen auf den Dörfern. Mit Groß-Filialisten und Industriebäckern sei schwer mitzuhalten. Einzige Ausnahme: "Im Sommer brummt das Geschäft in unseren Cafés in der Fränkischen Schweiz." Dank der Touristen.

Auch Marianne Nagel versucht einen Blick in die Zukunft zu werfen und schaut zurück. "1960 hatten wir noch 24 Bäcker in Forchheim." Und jetzt? Bleibe gerade mal eine Handvoll Handwerksbetriebe mit eigener Backstube übrig. Auch Nagel spricht von einem Trend und Wandel. "Und das, obwohl die Großen nicht unbedingt billiger sind als wir." Doch dorthin rennen die Leute, das sei auch in Forchheim nicht anders. Und wenn ein kleiner Betrieb schließt, sei die Reaktion immer die gleiche: "Dann schreien die Leute auf."

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Aus bis zu 2.500 Metern Höhe blickte Tom Schneider, Fotograf aus Ebermannstadt, bei einer Fahrt mit einem Heißluftballon auf Dörfer, Natur und wunderschöne Ecken der Fränkischen Schweiz und des Landkreises Forchheim.


 

Patrick Schroll Redakteur Nordbayerische Nachrichten Forchheim E-Mail

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