Hollywoods deutsche Anti-Diva im Interview

"Die Faust war schon geballt!": Diane Kruger über ihre Mutterrolle und ihren neuen Film

14.1.2022, 16:59 Uhr
Dreht auch in ihrem neuen Film, dem Action-Thriller "The 355", ganz schön auf: Schauspielerin Diane Kruger. Für ihre Rolle als Agentin war vor allem Präzision gefragt.
 

© Foto: Robert Viglasky/imago images/Universal Studios Dreht auch in ihrem neuen Film, dem Action-Thriller "The 355", ganz schön auf: Schauspielerin Diane Kruger. Für ihre Rolle als Agentin war vor allem Präzision gefragt.  

Dass es zuletzt ein wenig ruhiger um Diane Kruger geworden ist, hat nicht nur mit einer pandemiebedingten Auszeit zu tun, sondern auch mit familiären Umständen. Seit Ende 2018 hat die Wahl-New Yorkerin zusammen mit ihrem Partner, dem Schauspieler Norman Reedus ("The Walking Dead"), eine Tochter – und offenkundig viel Freude am Muttersein.

Nun kehrt Kruger, die 2017 für "Aus dem Nichts" in Cannes als Beste Schauspielerin geehrt wurde und zuletzt 2019 in der Hauptrolle des Spionage-Thrillers "Die Agentin" zu sehen war, mit einem Actionkracher ins Kino zurück: In "The 355" (aktuell in den deutschen Kinos) spielt sie neben Jessica Chastain, Penélope Cruz, Lupita Nyong’o und Fan Bingbing eine BND-Agentin.



Frau Kruger, als 2018 Jessica Chastain und die anderen Schauspielerinnen beim Filmfestival in Cannes "The 355" aus der Taufe hoben und auf eigene Faust weltweite Käufer für das Projekt suchten, waren Sie nicht dabei, korrekt?

Diane Kruger: Das stimmt. Ursprünglich war Marion Cotillard Teil des Projekts, aber als die dann aus Termingründen wieder aussteigen musste, bin ich kurzfristig eingesprungen. Für mich war das der erste Film nach der Geburt meiner Tochter und die perfekte Gelegenheit, in den Job zurückzukehren. Bei den Dreharbeiten war sie gerade einmal zehn Monate alt, und ich suchte nach einem Projekt, wo ich sie mit zur Arbeit bringen konnte. Da hätte ich es nicht besser treffen können als mit "The 355", denn das war ein von Frauen geleitetes Set. Wir hatten eine richtige Kinder- und Babybetreuung, so dass ganz viele ihren Nachwuchs mitbrachten. Das war eine tolle Arbeitsatmosphäre.

Wie leicht fiel es Ihnen denn überhaupt, die Elternzeit nach einigen Monaten schon wieder zu beenden?

Kruger: Ich war schon ein wenig angespannt, wie wohl ich mich bei der Arbeit fühlen würde. Es gab vor "The 355" auch einige Angebote, die ich abgelehnt hatte, weil ich noch nicht bereit dafür war. Gerade was emotional echt anspruchsvolle Geschichten anging. Als mir dann aber Jessica zusicherte, dass bei ihrem Film ganz viel auf arbeitende Mütter ausgerichtet sei, hatte ich auch den Eindruck, mich den physischen Herausforderungen dieser Rolle stellen zu können.



Also waren die kinderfreundlichen Bedingungen der Grund, die Rolle in diesem Actionfilm anzunehmen?

Kruger: Mich interessierte natürlich auch das Genre. Ich fand es toll, dass es hier eben nur um weibliche Spione geht. Aber eben nicht im Stil von "Drei Engel für Charlie", sondern ohne dass es zwingend ums Äußere geht. Nichts gegen "Drei Engel für Charlie", aber es war doch wirklich höchste Zeit, auch mal eine Geschichte à la "Jason Bourne" mit Frauen zu erzählen, die genau die gleiche Härte an den Tag legen können. Dass dann auch noch alle fünf Frauen in "The 355" aus anderen Ländern kommen, fand ich zusätzlich reizvoll.

Die körperliche Seite der Rolle haben Sie eben schon erwähnt. Machen Ihnen Actionszenen und Stunts Spaß?

Kruger: Das hat schon Spaß gemacht, war aber auch echt anstrengend. Nicht nur, weil meine Erfahrungen mit Kampf-Choreografien und solchen Dingen bislang überschaubar waren. Sondern tatsächlich auch, weil das nun einmal mein erster Film seit der Geburt war. Nach neun Monaten Schwangerschaft hat man ja manchmal schon die Sorge, dass das mit dem Körper nie wieder so wird, wie es mal war. Schließlich bin ich auch keine 20 mehr. Aber die Rolle und das damit verbundene Training waren hilfreich, denn dadurch gewann ich die Kontrolle über meinen Körper zurück. Das hat mir enorm viel Selbstvertrauen gegeben.

Sie sind ja aber normalerweise auch nicht unsportlich.

Kruger: Nein, aber was man beim Yoga oder im Fitnessstudio macht, ist dann doch eine andere Nummer als das Training für so einen Film. Da haben wir etwa zum Aufwärmen viel geboxt. Ansonsten ist vieles vor allem ein Tanz, bei dem man wirklich Bewegungen einstudieren und gleichzeitig mit der Kamera arbeiten muss. Da geht es um echte Präzision. Aber mir hat das Spaß gemacht. Allemal besser als das Waffentraining.


Warum mochten Sie das nicht?

Kruger: Ich mag einfach keine Waffen, deswegen fühlt sich der Umgang damit für mich immer irgendwie unbehaglich an. Aber die Agentin, die ich in "The 355" spiele, ist natürlich absoluter Vollprofi, deswegen hatte ich eine echt lange Vorbereitungszeit, was die Waffen angeht, um wirklich überzeugend zu wirken.

Sie haben bereits betont, dass das Set von "The 355" trotz eines männlichen Regisseurs von Frauen dominiert war. Dass das heutzutage noch etwas Besonderes ist, ist eigentlich traurig, oder?

Kruger: Ja, und erst als ich es erlebte, wurde mir bewusst, wie sehr man sich an das Gegenteil gewöhnt. Es war früher kaum je der Fall, dass außer mir mehr als ein paar andere Frauen am Set waren. Aber ich meine damit nicht nur, was den sonst sehr viel niedrigeren Frauenanteil angeht, sondern auch das Arbeitsklima. Das war wirklich eine Art Aha-Moment, so nach dem Motto: So angenehm kann die Stimmung also auch sein! Ich habe mich wohl und geschätzt gefühlt, und abends kam man glücklich nach Hause, weil man wusste, dass man einen echt guten Arbeitstag hinter sich hat. Nicht, dass ich sonst nur schlechte Erfahrungen gemacht hätte. Aber normalerweise habe ich in der Vergangenheit doch deutlich mehr Konflikte am Set erlebt. Und früher einige Dreharbeiten mitgemacht, bei denen ich mich im Rückblick frage, warum ich mir das angetan habe.

Heißt das, dass Sie sich gewisse Dinge künftig nicht mehr bieten lassen wollen?

Kruger: Auf jeden Fall, wobei ich diese Devise schon ein bisschen länger habe. Ich bin inzwischen an einem Punkt meiner Karriere, wo ich das Gefühl habe, dass ich sagen darf, was mir im Kopf herumgeht. Egal, ob es eine gute oder eine schlechte Idee ist. Ich habe genug gearbeitet und bewiesen, was ich kann, dass man mir zumindest mal zuhören kann. Aber trotzdem gibt es leider nach wie vor immer wieder Produzenten, bei denen ich mich frage: Wie redest du eigentlich mit mir?!

Das klingt nicht, als hätte sich schon eine echte Veränderung in der Branche durchgesetzt.

Kruger: Doch, es hat sich schon einiges verändert, auch wenn es weiterhin viel zu tun gibt. Immerhin gibt es inzwischen den Raum, um über all diese Themen überhaupt zu reden. Und gerade die großen Studios und Produktionsfirmen sind nach Fällen wie dem von Harvey Weinstein sehr sensibel geworden, weil sie alle negative Publicity fürchten. In manchen Fällen sind sie vielleicht sogar übervorsichtig. Aber auch die Frauen in der Branche haben sich verändert.

In welcher Hinsicht?

Kruger: Die wenigen Produzentinnen, die es gab, als ich in Hollywood anfing, waren oft noch viel härter als Männer. Da hatte man oft das Gefühl, die müssen auf diesem Weg beweisen, dass sie mithalten können in dieser Männerwelt und genauso ernst genommen werden wollen. Das erlebe ich kaum noch. Jessica Chastain ist das beste Beispiel dafür. Die ist nicht nur Schauspielerin und Geschäftsfrau, sondern hat auch echt ein Herz. Mit der kann man wirklich reden und hat nie das Gefühl, überrumpelt zu werden.


Um noch einmal den Bogen zurück zu Ihrer inzwischen dreijährigen Tochter zu schlagen: Wie leicht fällt es Ihnen, Ihre Privatsphäre so zu schützen, dass bis heute die Öffentlichkeit weder den Namen noch das Gesicht der Kleinen kennt?

Kruger: Tatsächlich ist das gar nicht so schwer, wenn man es will. Manchmal warten Fotografen vor dem Haus, und dann kann es auch schon mal vorkommen, dass ich aggressiv werde. Einmal hätte ich fast einen tätlich angegriffen, wenn mein Mann mich nicht zurückgehalten hätte. Die Faust war schon geballt! Aber solche Fälle sind die Ausnahme, seit ich 2019 sehr öffentlich darum gebeten habe, die Privatsphäre vor allem unserer Tochter zu respektieren. Ich möchte einfach, dass sie ihr Leben selbst entdecken darf und nicht irgendwann ihre gesamte Kindheit im Internet wiederfinden muss. Dafür werde ich immer kämpfen.


Diane Kruger, eigentlich Diane Heidkrüger, 45, wuchs im niedersächsischen Algermissen auf. Sie startete ihre Karriere als Model in Paris, bevor sie als Schauspielerin mit den Filmen "Troja" (2004) und "Inglourious Basterds" (2009) berühmt wurde.

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