Kommentar: Rassismus-Schwerpunkt im WDR war nötig, aber zu wenig

19.3.2021, 06:45 Uhr

"Aus Worten werden Taten!": Im WDR ging es einen Abend lang ums Thema Rassismus. © Federico Gambarini/dpa

"Die letzte Instanz" heißt die Sendung, mit der sich der Westdeutsche Rundfunk (WDR) heftig in die Nesseln gesetzt hat. Auf den Shitstorm folgten die Entschuldigungen. Neben einigen Gästen (nicht Thomas Gottschalk) gab sich auch der WDR selbst kleinlaut und organisierte jetzt einen Themenschwerpunkt mit dem Titel "Freiheit, Gleichheit, Hautfarbe! - Warum hat Rassismus mit uns allen zu tun?".


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Da saß eine divers zusammengestellte Runde beisammen, in der einzig WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn die Fraktion der weißen Männer vertrat - und sich prompt zum Einstieg entschuldigte. Da wurde in Einspielern ein erschütternder Blick in die Welt von strukturell benachteiligten Minderheiten geworfen. Da fiel kein N-Wort und kein Z-Wort, da wurden fleißig Begriffe benutzt wie "white passing" (wenn jemand optisch als weiß durchgeht), "PoC" (People of Colour, also farbige Menschen) oder "intersektionelle Realitäten" (schlagen Sie bitte nach, das wird sonst zu kompliziert). Da waren sich alle einig: Diversität muss in die Medien, in die Firmen, in die Politik, in die Öffentlichkeit.

Mein erster Gedanke als Zuschauer: Bravo! Hier zeigen Menschen, die zu den verschiedensten Minderheiten gehören, dass es den Sendern gut tut, sie einzuladen. Weil sie ebenso eloquent oder faszinierend oder überzeugend sein können wie der biodeutsche, weiße Durchschnitts-Talkshowgast.

Mein zweiter Gedanke: Genau das ist Rassismus. Ich habe den Impuls, diese Menschen zu loben, weil sie ihre Sache gut gemacht haben. Ich halte es für bemerkenswert, dass eine Diskussion von Schwarzen und Sinti genauso spannend, ja noch spannender sein kann, als eine klassische Runde bei Maischberger. Als ob es eine Ausnahme wäre, dass ein Schwarzer drei gerade Sätze herausbringt. Das ist Rassismus.

Und er steckt in mir, ohne dass ich das will, ohne dass es mir immer bewusst ist. Deshalb ist es richtig, wie Autor Mohamed Amjahid es formuliert, dass man Rassismus verlernen muss - als einen Akt der Anstrengung und der Übung. Guter Wille reicht nicht.


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Die Talkshow, die am Donnerstag im WDR lief, sollte die Regel sein, nicht die Ausnahme. Selbstverständlich können sich Angehörige von Minderheiten genauso kompetent (und manchmal auch inkompetent) über Themenkomplexe äußern wie weiße Menschen. Und dieser Schwerpunktabend reicht bei weitem noch nicht. Er tut nur das Allermindeste: Betroffene einzuladen, wenn über Rassismus gesprochen wird.

Das Problem ist aber größer, es geht um die Frage der Repräsentation. Schwarze nur dann einzuladen, wenn es um Rassismus geht, auch das ist Rassismus. Es gibt zwei Gründe dafür, dass in den Medien Minderheiten unterrepräsentiert sind. Die politische und wirtschaftliche Macht ist konzentriert in den Händen von weißen Menschen. Und: Die Redaktionen sind dominiert von weißen Menschen. Das gilt auch für unser Medienhaus.

Diese "Blasen", von denen auch im WDR oft die Rede war, diese homogenen Einheiten müssen aufgebrochen werden. Nicht rassistisch zu handeln, reicht dafür nicht, wir müssen bewusst antirassistisch handeln. Persönlich erkenne ich, dass noch ein weiter Weg vor mir liegt. In der Gesellschaft ist es genauso. Es ist kein gutes Zeichen, dass der WDR durch einen Shitstorm dazu genötigt werden musste, etwas Selbstverständliches zu tun.

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