Läuft für die Kinos schon der Abspann?

Regina Urban

Leben / Kultur

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28.1.2021, 17:13 Uhr

"Keine Zeit zu sterben" - der Titel des schon mehrmals verschobenen 25. Bond-Films klingt wie ein Menetekel und wie eine Hoffnung zugleich. Denn noch hofft die Kinobranche darauf, dass es für sie ein Leben nach nach der Corona-Pandemie gibt. © stefan zeitz via www.imago-images.de, NNZ

Noch bis vor kurzem hatte der Hauptverband Deutscher Filmtheater gehofft, dass die Kinos am 31. März – unter den weiter notwendigen Hygieneauflagen, aber spektakulär – mit dem neuen James Bond wiedereröffnen könnten. Davon ist inzwischen keine Rede mehr. „Keine Zeit zu sterben“, ursprünglich für einen weltweiten Start am 14. Februar 2020 terminiert, wurde nun zum wiederholten Mal verschoben. Neues (Wackel-)Datum: 8. Oktober 2021. Nicht auszuschließen aber ist, dass bis dahin für die Kinos die Zeit des Sterbens begonnen hat.

Am schlimmsten trifft der zweite Lockdown samt ungewisser Zukunftsperspektiven die Großen. Während die kleineren Kinos dank zahlreicher Hilfsprogramme bislang relativ gut durch die Krise gekommen sind, warten Ketten wie die CineStar-Gruppe bislang vergeblich auf nennenswerte Beträge.


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Von den November- und Dezemberhilfen, die 75 Prozent der Vorjahresumsätze abdecken sollen, hat das CineStar, das 406 Leinwände an 49 Standorten betreibt, darunter das Multiplex in Erlangen, und rund 2500 Mitarbeiter beschäftigt, bislang 50 000 Euro als Abschlagszahlung erhalten. Laut Geschäftsführer Oliver Fock macht das gerade 0,14 Prozent der angekündigten Hilfen aus.

Für Unternehmen seiner Größenordnung sind die von der Bundesregierung zugesagten 75 Prozent ohnehin Makulatur. Damit sie ausgezahlt werden könnten, müsste das EU-Beihilferecht geändert werden, das eine Obergrenze von vier Millionen Euro vorsieht. Im Fall der CineStar-Gruppe wären das maximal zehn Prozent der Vorjahresumsätze – nicht mehr als „ein Tropfen auf den heißen Stein“, so Fock.

Hans-Joachim Flebbe, der bundesweit zehn Premium-Kinos betreibt, darunter den Zoo Palast in Berlin, macht aus seiner Wut auf die „Ankündigungsweltmeister Scholz und Altmaier“ keinen Hehl. „Wie kann es sein, dass von dem ,Wumms’-Paket von 25 Mrd. Euro (im März 2020 verkündet) noch nicht einmal zehn Prozent bei den am Rande der Existenz taumelnden Unternehmen angekommen sind“, fragt Flebbe in der Branchenzeitschrift „Blickpunkt: Film“ und vermutet, dass man all das versprochene Geld nie wirklich ausgeben wollte.

So hart geht Wolfram Weber, Inhaber des Nürnberger Cinecittà, mit 23 Sälen das größte Multiplex Deutschlands, nicht mit der Politik ins Gericht. Zwar hatte er gehofft, dass die November- und Dezemberhilfen unbürokratischer fließen. Magere 5000 Euro hat er für das Cinecittà bislang als Abschlagszahlung bekommen.

Würde die 75-Prozent-Zusage wahrgemacht, stünden ihm über drei Millionen Euro zu.
„Aber mit allen Hilfen zusammen kommen wir über die Runden“, sagt Weber und nennt neben den Überbrückungshilfen des Bundes vor allem die bayerische Anlaufhilfe.

Häuser mit neun und mehr Leinwänden erhielten dadurch für die Monate Juli bis Dezember 40 Cent pro Anzahl der im Vorjahreszeitraum verkauften Kinotickets. Bei Spielstätten mit zu drei Leinwänden waren es 70 Cent, bei vier bis acht Leinwänden 55 Cent pro verkaufter Kinokarte im Vorjahr. Das Programm ist bis 30. Juni 2021 verlängert und um weitere 12 Millionen Euro aufgestockt worden.

Standortvorteil in Bayern

Die Anlaufhilfe, loben sowohl Kinomogul Weber wie Matthias Damm, Leiter des kleinen, von einem Verein getragenen Nürnberger Programmkinos Casablanca, sei schnell und unkompliziert ausgezahlt worden. Das gilt im Prinzip auch für sämtliche andere Maßnahmen – sofern sie, wohlgemerkt, die kleineren Kinos betreffen. Befinden diese sich außerdem in Bayern, ist das ein erheblicher Standortvorteil. Die Landesregierung habe ihre Hilfen frühzeitig gestartet und vorbildlich ausgebaut, so Damm. „Andere Bundesländer hinken da weit hinterher.“

Wenn die für die Film- und Kinowirtschaft zuständige bayerische Digitalministerin Judith Gerlach nun in einer Pressemitteilung den Bund auffordert, „endlich seine zugesagten Hilfen schnell auf den Weg zu bringen“ und das „Wirrwarr verschiedener Hilfsprogramme“ zu lösen, darf sie ihr eigenes Haus zu Recht als Vorbild nennen.

Allein nach Nürnberg flossen vom Digitalministerium bisher über 591 000 Euro an Kinoanlaufhilfen. Bayernweit gab es gleich zu Beginn des ersten Lockdowns für 155 kleine und mittlere Filmtheater einen Zuschuss von 5000 Euro. Außerdem wurden die bayerischen Kinoprogrammprämien auf 860 000 Euro verdoppelt und vorzeitig im Juli (statt im Herbst) ausbezahlt.

Verdoppelte Investitionshilfen

Auch bei den Bundeshilfen haben die kleineren Spielstätten die Nase vorn. Für die Erlanger Lamm-Lichtspiele, so Betreiber Peter Zwingmann, habe er „sehr schnell“ eine erste Abschlagszahlung von 10 000 Euro auf die Novemberhilfe bekommen, das Casablanca erhielt bisher 11000 (von zugesagten 15 000 Euro), Wolfram Weber hat für seine Programmkinos Meisengeige und Manhattan die Novemberhilfe inzwischen komplett bekommen.

Wichtigste Unterstützung seitens des Bundes aber war neben den ebenfalls deutlich aufgestockten Programmprämien der Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM) das Zukunftsprogramm Kino I. Ursprünglich aufgelegt, um Arthouse-Kinos und Kinos im ländlichen Raum durch nachhaltige Investitionen zukunftsfähig zu machen, wurde die Förderung wegen der Corona-Krise von 40 auf 80 Prozent verdoppelt. „Das ist fantastisch und hat wunderbar funktioniert“, sagt Matthias Damm, der das Casablanca mit neuer Klimaanlage und Schallschutztüren ausstattete und auch die Kinotechnik teilweise erneuern will.

Das Programm wird 2021 mit nochmals um drei auf dann 25 Millionen Euro erhöhtem Volumen fortgeführt. Inzwischen wurde zusätzlich das Zukunftsprogramm Kino II gestartet, das auch große Kinobetriebe unterstützt. Gefördert werden damit allerdings vorerst nur Investitionen im Zusammenhang mit den Corona-Schutzmaßnahmen.


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Ziemlich düster hingegen sieht es für die kommunalen Kinos aus. Zwar haben auch sie Geld aus dem ersten Zukunftsprogramm erhalten, doch gehen die nicht-gewerblichen Betriebe bei den Anlaufhilfen leer aus, so Christiane Schleindl vom Nürnberger Filmhaus. Auch der Kinemathekenpreis des BKM – das Pendant zu den Programmkinopreisen – wurde nicht erhöht. Es blieb bei insgesamt 30 000 Euro; das Filmhaus, das wie alle städtischen Einrichtungen 2021 weniger Geld aus dem Corona-gebeutelten Haushalt bekommen wird, erhielt einen Tausender.

Auch für das vom Filmhaus auf den Weg gebrachte digitale Kino 3, das mit einem hochkarätigen „kino on demand“-Angebot den Bildungsauftrag der kommunalen Kinos in Corona-Zeiten vorbildlich hochhält und bundesweit auf große Resonanz stößt, gibt es keine Förderung. Das sei kein Kino, hieß es laut Schleindl lapidar von der Filmförderungsanstalt des Bundes.

„Fast kafkaeske Situation“

Weitgehend durchs Raster der Hilfsprogramme fallen auch die Filmverleiher. Anspruch auf die November- und Dezemberhilfen hat nur, wer 80 Prozent seines Umsatzes mit den Kinos macht. Da mit den Filmen jedoch auch Einnahmen aus den späteren DVD-Verkäufen und TV-Auswertungen erzielt werden, „liegen alle Verleiher knapp darunter“, sagt Björn Hoffmann. Er ist Geschäftsführer von Pandora Film und Vorsitzender der AG Verleih, dem Verband der unabhängigen Filmverleiher.

Im „Neustart Kultur“-Programm des BKM wurde die Verleihförderung zwar um 14 Millionen Euro erhöht, doch kommt das Geld nur den Filmen zugute, die in der ersten Jahreshälfte 2021 starten. Angesichts der ungewissen Wiedereröffnung der Kinos eine „fast kafkaeske“ Situation, so Hoffmann. Er hofft nun auf eine Verlängerung bis Jahresende. Nach fast elf Monaten Pandemie sei die Not der Verleiher, die nicht selten Millionenbeträge in die Vermarktung ihrer Filme investieren und zwingend auf die Kinoeinnahmen angewiesen sind, „unsagbar groß“.

Unmittelbar betroffen ist auch der auf internationale Arthouse-Filme spezialisierte Nürnberger Grandfilm-Verleih, der mit dem diesjährigen Berlinale-Gewinner „Doch das Böse gibt es nicht“ von Mohammed Rasoulof einen Hochkaräter in den Startlöchern hatte und vom zweiten Lockdown kalt erwischt wurde. 200 000 Euro hatte Grandfilm in die Vorkosten wie Werbung und Untertitelung investiert. „Der Film ist jetzt fertig da, aber die Werbeausgaben waren komplett umsonst“, erzählt Geschäftsführer Patrick Horn.

Erschwerend kommt hinzu, dass im Sommer wegen der Hygieneauflagen in den Kinos kein Film gewinnbringend eingesetzt werden konnte. Auch Horn ärgert es, dass die Verleiher „durch alle Hilfen durchrutschen“. Immerhin: Das große Interesse der Kinobetreiber an dem iranischen Bären-Gewinner lässt Horn hoffen, dass er nicht in der Masse all der verschobenen Filme untergeht, die nach dem Ende des Lockdowns auf die Leinwand drängen.

Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino, die über 400 Programmkinos vertritt, erlebt trotz aller Sorgen noch Optimismus in der Branche. Alle spürten den Hunger der Menschen nach Kino. Wichtig sei, dass angekündigte Förderungen auch abrufbar sind und nicht ständig neue Anträge gestellt werden müssen.

Auch wenn derzeit völlig unklar ist, ob es im Frühjahr wieder Kino gibt, mahnt Bräuer mit Nachdruck: „Sobald die Geschäfte öffnen dürfen, muss auch das kulturelle Leben wieder stattfinden können. Die Städte müssen aufpassen, dass ihnen die Kultur vor Ort nicht wegstirbt“

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