1989 und 1991

Verpasste Chancen: Als Nirvana in Nürnberg spielten

23.9.2021, 14:58 Uhr
Das Cover des legendären Nirvana-Albums Nevermind.

Das Cover des legendären Nirvana-Albums Nevermind. © Not On Label, NNZ

„Es hört sich nicht so anders an“, sagte Sänger und Gitarrist Kurt Cobain dem kleinen US-Magazin Dirt in einem Interview 1990. Er sprach da über das kommende neue zweite Album seiner Band mit Bassist Krist Novoselic und Drummer Dave Grohl. Dessen Songs sich doch anders als ihr Debüt anhören sollten.

Kein halbes Jahr zuvor, am 16. November 1989, hatten Nirvana gemeinsam mit der völlig zurecht vergessenen US-Band Tad im Nürnberger „Trust“ gespielt. Für 15 DM pro Ticket im Vorverkauf gab es beim Auftritt zum Großteil Songs ihres Debüts „Bleach“ – knochentrockener Grunge mit treibendem Rhythmus.

Kurt Cobain 1993 bei einem Live-Konzert.

Kurt Cobain 1993 bei einem Live-Konzert. © Robert Sorbo, dpa

Ebenfalls auf der Setlist war aber schon eine Version von „Breed“, ein Song, der es auf das bald kommende Album „Nevermind“ schaffen wird. (Inspiration für das Stück war laut Legende das Anti-Durchfall-Medikament des Sängers von Tad.)

Ließ sich die kommende Popularität von Nirvana bereits vorhersagen? Eher weniger. Macht aber nichts, schließlich lag ja selbst Kurt Cobain daneben. Denn weil es anders klingt, wird das zweite Album zu so einem kommerziellen Erfolg für die Band.

Mit Sonic Youth im Serenadenhof

Keine vier Wochen vor der Veröffentlichung im Herbst 1991 machten Nirvana erneut einen Stopp in Nürnberg. Dieses Mal im Vorprogramm der New Yorker Avantgarde-Band Sonic Youth im Serenadenhof. Und jeder Nürnberger kennt mindestens eine Person, die bei diesem Konzert gewesen ist – und sich lieber ein Bier in der Nähe statt die Vorband gönnte. (Buße tun diese Seelen in diversen Internetforen und sozialen Medien.)

Das war am 30. August 1991. Karten gab es im Vorverkauf für 24 DM. Die Presse besprach das Konzert ausführlich. Die Vorband fand – wie üblich – keine besondere Erwähnung. Bereits in der Setlist: „Smells Like Teen Spirit“. Heute einer der bekanntesten Songs des Planeten.

Durch „Nevermind“ und mit zunehmender Bekanntheit über die eingeweihten Kreise der Indie- und Grunge-Szene hinaus waren Nirvana schnell ein Massenphänomen. Zu ihrem eigenen Unwohlsein.

Besonders Kurt Cobain bekam eine Rolle in diesem Welttheater namens Popkultur, die ihm nicht passte: Statt des Narren war er plötzlich Erlöser. Die Stimme einer Generation. Eine existenzielle Angst brach aus der Musik von Nirvana hervor, die auf „Nevermind“ so geschliffen, so sauber und klar klang, dass sich die Band hinterher für die Produktion schämte.

Auf dem dritten und letzten Studioalbum „In Utero“ aus dem Jahr 1993 wandten sich Nirvana davon komplett ab. Cobains einmaliges Songwriting und seine Stimme blieben die Kraft ihres letzten Albums. Doch der Pop war komplett verschwunden und einer Verweigerungshaltung gewichen. Am 5. April 1994 beging Cobain Selbstmord. Das Ende von Nirvana. Die Verehrung für die Band hält bis heute an.

Hat „Nevermind“ nun verdientermaßen seinen Platz in der Musikgeschichte? Das Album schafft es zuverlässig in Bestenlisten von Kritikern und Musikmagazinen. Über 30 Millionen Kopien verkauften sich weltweit. Und „Smells Like Teen Spirit“ funktioniert noch in jedem Club mit gitarrenlastigem Sound.

Die sehr klare Produktion der CD mag zwischen der gegenwärtigen Musik des 21. Jahrhunderts kaum auffallen. Doch im Vergleich zum Vorgängeralbum „Bleach“ oder anderen Rockplatten aus dieser Zeit wird klar, was für einen Bruch, was für einen Richtungswechsel der damalige Produzent Butch Vig in den Sound eingebaut hatte. Das war neben Grunge genauso Popmusik.

Die Popkultur geprägt

Dass sich heute bei der Klamottenkette H&M Shirts mit dem Bandnamen verkaufen, liegt einzig an diesem Album. Wie viele andere Dinge. Zum Beispiel die endlosen Neuauflagen und Boxsets der eher überschaubaren Diskographie der Band. Nirvana kamen für keinen weiteren Auftritt nach Nürnberg.

Nur wenige Alben dürften die Popkultur so geprägt haben. Auch wenn Cobain seine Worte wohl sarkastisch meinte, beschrieb er es in „Smells Like Teen Spirit“ selbst am besten: „Our little group has always been and always will until the end“: Unsere kleine Gruppe war schon immer und wird es bis zum Ende immer sein.