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Ärger um Amanda Gormans Gedicht: Kultur lebt vom Austausch

Argumentation, nur eine Schwarze könne den Text übersetzen, ist absurd - 05.03.2021 18:47 Uhr

Sorgte bei der Amtseinführung von Joe Biden für Furore: Die junge Dichterin Amanda Gorman.

08.02.2021 © Erin Schaff, dpa


Mit ihrem Gedicht "The Hill We Climb" und ihrem Auftritt bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden wurde die junge schwarze US-Amerikanerin Amanda Gorman über Nacht zum Star. Schon zählt das Time Magazin sie zu einer der 100 künftig einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit. Ihr Buch wird nun in Windeseile in möglichst viele Sprachen übersetzt, denn es dürfte für die Verlage ein lukrativer Bestseller werden. Die Frage ist nur: Wer soll, wer kann es übersetzen? Zwangsläufig nur eine Frau? Nur eine junge Frau? Nur eine schwarze Frau?

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Junge Karrieren

In den Niederlanden ist darüber ein so heftiger Streit entbrannt, dass die vom dortigen Meulenhoff Verlag engagierte Übersetzerin Marieke Lucas Rijneveld hingeschmissen hat. Gorman selbst hatte die Wahl von Rijneveld ausdrücklich begrüßt. Die niederländische Kollegin, 29, gewann 2020 den Internationalen Booker Preis, hat also ähnlich wie Gorman in jungen Jahren Karriere im Literaturbetrieb gemacht. Aber sie ist eben weiß. Und bezeichnet sich selbst als nicht-binär. Deshalb, so die Kritiker, sei sie nicht die passende, um den Text Gormans zu übernehmen. Eine Argumentation, die in eine Sackgasse führt.


"Einem Friedensengel gleich": Amanda Gorman bei der Amtseinführung


Zu Ende gedacht hieße das: Texte von Männern können nur von Männern übersetzt werden, die von Christen nur von Christen, die von Missbrauchsopfern nur von Missbrauchsopfern, weil nur sie die Erfahrungen und Lebenswelten, die in den Texten zum Ausdruck kommen, wirklich verstehen können.

Kultur lebt vom Austausch

Man kann das in aller Konsequenz noch weiter denken: Nur jüdische Kunsthistoriker können Gemälde von Chagall angemessen beurteilen und ausschließlich über 70-Jährige das Spätwerk von Liszt dirigieren? Absurd! Wo soll das hinführen? Dass man am besten gleich alles der Künstlichen Intelligenz überlässt, die persönlicher Merkmale unverdächtig ist?

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Überträgt man Texte professionell in andere Sprachen oder führt Musikstücke auf, dann geht es immer um eine Form des Transfers, der Übersetzung. Kultur lebt vom Austausch. Der wird sicherlich nicht fruchtbarer, wenn dafür nur Menschen in Betracht kommen, die mit dem Schöpfer oder der Schöpferin größtmögliche Gemeinsamkeiten haben.

Schlecht bezahltes Schattendasein

So unglücklich die Argumentation im aktuellen Fall ist, so richtig und wichtig ist die ihr zugrundeliegende Stoßrichtung: Alle Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht, ihrer Religion und sexuellen Orientierung müssen gleichberechtigt am öffentlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben. Auch und gerade der Kulturbetrieb muss diverser werden.

Und speziell für den Literaturbetrieb gilt, dass Übersetzer oft ein schlecht bezahltes Schattendasein führen. Wer die Biografien von Barack Obama oder Kamala Harris übersetzt hat, interessiert niemanden. Wie sehr wiederum die Qualität eines Textes von seiner Übersetzung abhängt, hat erst kürzlich die Neuausgabe von Haruki Murakamis "Mister Aufziehvogel" gezeigt. Die Frankfurterin Ursula Gräfe überträgt seit Jahren mit sicherer Hand die Romane des japanischen Star-Autors ins Deutsche. Vielleicht verhilft die jetzt im Windschatten von "Metoo" und "Black lives matter" geführte Identitätspolitik-Diskussion zu Gormans Gedicht dieser wichtigen Übersetzer-Sparte zu mehr verdienter Aufmerksamkeit.

Für Deutschland bringt der Verlag Hoffmann und Campe eine zweisprachige Ausgabe von "The Hill We Climb – Den Hügel hinauf" auf den Markt – bearbeitet von der Deutschtürkin Kübra Gümüsay, der afrodeutschen Autorin Hadija Haruna-Oelker und Uda Strätling, die unter anderem Werke des Nigerianers Chinau Achebe übersetzt hat. Erscheinungstermin ist der 30. März.

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