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Aufstieg und Fall eines Politik-Superstars: Vor zehn Jahren trat "KT" zurück

Karl-Theodor zu Guttenberg stürzte über die Plagiate in seiner Doktorarbeit - 27.02.2021 06:00 Uhr

Ein Bild, das zum Symbol für den steilen Karriere-Sprung von Karl-Theodor zu Guttenberg wurde: Im März 2009 reiste er als Wirtschaftsminister in die USA und posierte am Times Square in New York.

23.02.2021 © Gero Breloer, dpa


Komet: Das beschreibt die ebenso kurze wie intensive Politik-Karriere von „KT“ ziemlich treffend. Rascher Aufstieg, tiefer Fall – eine verglühte Hoffnung für viele. Und für manche Parteifreunde ein phasenweise extrem gefährlicher Konkurrent, der sich dann allerdings selbst aus jedem Rennen um Spitzenämter herausgeschossen hat.

"Promovierter Adliger mit adliger, attraktiver Frau"

Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Buhl-Freiherr von und zu Guttenberg: So heißt der Mann, der am 5. Dezember 50 Jahre alt wird, ganz amtlich. Aus altem, ehrwürdigem Adel – was offiziell seit 1919 keine Rolle mehr spielt, weil das Adelsprivileg damals wegfiel. Adels- und auch Doktor-Titel aber zeigen sehr wohl und nach wie vor Wirkung bei erstaunlich vielen. Ulf Poschardt, der aus Nürnberg stammende Chefredakteur der Welt, schwärmte damals, Guttenberg sei ein „promovierter Adliger mit einer ebenso adligen, attraktiven Frau“.

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Binnen weniger Monate stieg dieser Mann vom einfachen Bundestagsabgeordneten zum Superstar der CSU und zum Hoffnungsträger der deutschen Politik auf. „KT schien für den weiteren Aufstieg in höchste Ämter – Parteivorsitzender, Ministerpräsident – programmiert“, sagt Günther Beckstein. Er war zu Beginn des Karriere-Sprungs von Guttenberg, 2009, schon nicht mehr Ministerpräsident, Erwin Huber nicht mehr CSU-Chef. Beide Ämter übernahm Horst Seehofer – und er setzte stark auf diesen jungen, smarten, extrem publikumswirksamen Aufsteiger aus Oberfranken.

Söder will kein Statement zu Guttenberg abgeben

Auch deshalb, weil Seehofer damit den Mann unter Druck setzen konnte, der damals schon kaum Zweifel daran gelassen hatte, dass er selbst nach den Ämtern des Ingolstädters strebte: Markus Söder. Der Nürnberger war damals Umwelt- und Gesundheitsminister in Bayern – und musste erleben, wie der weit populärere Rivale in allen Umfragen locker an ihm vorbeizog.

Ein Statement in Sachen Guttenberg wollte Söder gegenüber unserer Zeitung zehn Jahre nach dessen Sturz nicht abgegeben. Vielleicht auch deshalb, weil der einstige Konkurrent gelegentlich nach wie vor stichelt – sehr gern gegen Söder. „Das intellektuelle und internationale Format eines Franz Josef Strauß oder eines Theo Waigel erreicht Markus Söder noch nicht“, ließ er etwa kurz vor Weihnachten 2018 wissen.

Karl-Theodor zu Guttenberg war stets der jüngste Ressortchef

Da blitzte es wieder auf, dieses gelinde gesagt gesunde Selbstbewusstsein Guttenbergs, das manche auch als Überheblichkeit bezeichnen. Davon war in der Phase seines Auf- und Abstiegs jede Menge zu erleben. Guttenberg wurde überraschend Bundeswirtschaftsminister, nachdem Michael Glos im Februar 2009 aus Altersgründen zurückgetreten war. Auf den 64-Jährigen folgte der mit 37 Jahren jüngste Ressortchef.


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Und wurde populär vor allem durch eine Rücktrittsdrohung: Als es um die Rettung des angeschlagenen Autobauers Opel ging, positionierte Guttenberg sich als Gegner staatlicher Hilfen – was ihm bei Ordoliberalen Punkte brachte. Ähnlich argumentierte er auch, als es um eine staatliche Beteiligung bei der möglichen Rettung der Quelle ging – auch da lag er im Clinch mit dem Nürnberger Söder.

Er nannte den Krieg in Afghanistan auch "Krieg"

Knapp neun Monate war er im Amt, dann wechselte er am 28. Oktober 2009 ins Verteidigungsministerium – wiederum als bisher jüngster Ressortchef. Er folgte auf Franz Josef Jung, der nach nur 33 Tagen als Minister wegen des tödlichen Drohnenangriffs auf Taliban im afghanischen Kundus zurückgetreten war.

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Neunmal reiste Guttenberg, teils in Begleitung seiner Frau, selbst an den Hindukusch. Vor Kameras wusste er sich stets in Szene zu setzen. Und er brach ein Tabu, als er den Krieg in Afghanistan auch wörtlich als solchen bezeichnete, nicht nur als Bundeswehreinsatz.

Abschaffung der Wehrpflicht

Was vor allem von ihm in diesem Amt blieb: die Abschaffung der Wehrpflicht. In diesem Punkt „habe ich mich trefflich mit ihm gestritten“, erinnert sich Bayerns Innenminister Joachim Herrmann – der es begrüßen würde, wenn Guttenberg „uns weiter unterstützen würde und vor allem seine internationale Erfahrung einbringt“.

Warum er dies nicht mehr tut, liegt an seinem Umgang mit der Plagiats-Affäre. Am 16. Februar 2011 wurde erstmals darüber berichtet, Guttenberg habe in seiner Doktorarbeit mehrere Passagen wortwörtlich und ohne dies zu kennzeichnen aus anderen Arbeiten übernommen. Maßgeblich beteiligt an diesen Enthüllungen: der Nürnberger Martin Heidingsfelder mit dem „GuttenPlag-Wiki“.

"Grobe politische Fehleinschätzung"

„Abstrus“ nannte Guttenberg die Vorwürfe, die sich dann aber von Tag zu Tag erhärteten. Das Ausmaß der Plagiate war derart hoch, dass ihm die Uni Bayreuth am 23. Februar 2011 den Doktorgrad aberkannte – einen Rücktritt lehnte Guttenberg nach wie vor ab. Der Fürther CSU-Bundestagsabgeordnete Christian Schmidt war damals Staatssekretär im Verteidigungsministerium und erlebte diese Wochen mit: „Er unterlag in eigener Sache einer groben politischen Fehleinschätzung“, analysiert der Ex-Landwirtschaftsminister – und ergänzt: „Die besten Schuster haben selbst manchmal die schlechtesten Schuhe.“


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Schmidt: „Hätte er auf erste Hinweise seinen Fehler zugegeben und zu den Konsequenzen gestanden, hätten ihm die Wählerinnen und Wähler diesen Fehltritt später vielleicht politisch verziehen.“ Erst am 1. März aber, als der Druck auch aus den eigenen Reihen gewaltig gewachsen war, erklärte Guttenberg seinen Rücktritt.

Karl-Theodor zu Guttenberg betrieb Lobby-Arbeit auch für Wirecard

Nach einer Auszeit begann er dann seine Tätigkeit als Berater und Lobbyist. Und: Er holte eine (echte) Doktorarbeit nach, in den USA, wo er auch häufig tätig ist. Zuletzt geriet er in die Schlagzeilen, weil seine Firma „Spitzberg Partners“ auch für Wirecard (sehr gut dotierte) Lobby-Arbeit geleistet hatte – jenen spektakulär Pleite gegangenen Finanzdienstleister, der einst als Vorzeige-Unternehmen galt.

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Interessant, was Günther Beckstein über ein mögliches Comeback Guttenbergs sagt: „Ich bin sicher, er würde sofort wieder in die Politik gehen, wenn ihm ein hohes Amt auf dem Silbertablett gereicht würde (was nicht erfolgen wird).“ Selbst erarbeiten werde er sich dies aber nicht – dafür sei „seine Tätigkeit in der Wirtschaft zu attraktiv“.

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