Baerbock, Scholz, Laschet: Kandidaten-Check im Rennen ums Kanzleramt

24.4.2021, 05:54 Uhr
Zwei Kandidaten, eine Kandidatin: Berlin-Korrespondent Harald Baumer hat sich mit Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock (Grüne) und Armins Laschet (CDU) beschäftigt.

Zwei Kandidaten, eine Kandidatin: Berlin-Korrespondent Harald Baumer hat sich mit Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock (Grüne) und Armins Laschet (CDU) beschäftigt.

Armin Laschet: Der Kanzlerkandidat der Union

Armin Laschet: Der CDU-Politiker zieht bei der Bundestagswahl 2021 für die Union ins Rennen ums Kanzleramt.

Armin Laschet: Der CDU-Politiker zieht bei der Bundestagswahl 2021 für die Union ins Rennen ums Kanzleramt. © Kay Nietfeld, dpa

Woher kommt Armin Laschet, was hat er bisher gemacht?

Armin Laschet ist in Aachen geboren und lebt bis heute dort. Der Jurist und ausgebildete Journalist ist tief im katholisch-bürgerlichen Milieu des Rheinlandes verwurzelt. Stolz war der 60-Jährige, als er in den Karnevalsorden Ritter wider den tierischen Ernst aufgenommen wurde.

Wie sieht es mit den politischen Erfahrungen aus?

Er hat Erfahrungen auf allen Ebenen. Er war Stadtrat sowie Landtags-, Bundestags- und Europaabgeordneter. Als erster deutscher Landesminister kümmerte er sich um Integration. Sein Meisterstück 2017: der Sieg über die rot-grüne Koalition in NRW und das Amt des Ministerpräsidenten.

Hat der Kandidat Rückhalt in der eigenen Partei?

Im Januar 2021 setzte er sich mit einer emotionalen Rede gegen Friedrich Merz als CDU-Vorsitzender durch. Da schien er es geschafft zu haben. Doch die jüngste Debatte hat gezeigt: ein nennenswerter Teil der Partei hält ihn nicht für den besten Kanzler der Union.

Was sagen die Umfragen?

Die Union ist nach dem Streit um die K-Frage regelrecht eingebrochen – zuletzt auf 21 Prozent (laut Forsa). Damit hatte man rechnen müssen. Mindestens ebenso bedenklich ist die Tatsache, dass Armin Laschet nur 15 Prozent der Deutschen für sich als Kanzler begeistern kann.


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Wofür steht er programmatisch?

Auch wenn es in jüngster Zeit gewisse Differenzen gab, so kann Laschet als Merkelianer gelten. Er stand in der Flüchtlingsfrage an ihrer Seite, er ist ein ausgewiesener Europäer und sein ausgleichender Kurs ist weit mehr an der Mitte orientiert als am Rechtskonservativismus.

Welches wäre die Wunschkoalition?

In NRW führt er reibungslos eine knappe Regierungsmehrheit aus CDU und FDP an. Das dürfte im Bund kaum reichen. Eigentlich hat er nur eine realistische Machtoption: ein Bündnis mit den Grünen. Bis auf einzelne Punkte wie den Kohleausstieg dürfte das auch funktionieren.

Was sind die größten Stärken?

Wie die früheren CDU-Größen Helmut Kohl und Angela Merkel wird er – im Moment noch – viel verlacht. Doch beide regierten dann 16 Jahre. Laschet ist integrativ und nicht nachtragend, er hat in seinem Leben viele Widerstände überwunden. Machtworte sind ihm fremd.

Was sind die größten Schwächen?

So miserable Umfragewerte hatte kaum jemals ein Kanzlerkandidat. Er muss das Feld von hinten aufrollen und hoffen, dass seine Kritiker in der Union und vor allem Markus Söder im Wahlkampf mitziehen. Bis jetzt kann er die Massen nicht begeistern und wirkt oft eher linkisch.

Annalena Baerbock: Die Kanzlerkandidatin der Grünen

Annalena Baerbock zieht bei der Bundestagswahl 2021 für die Grünenins Rennen ums Kanzleramt.

Annalena Baerbock zieht bei der Bundestagswahl 2021 für die Grünenins Rennen ums Kanzleramt. © Paul Zinken/dpa, NNZ

Woher kommt Annalena Baerbock, was hat sie bisher gemacht?

Die Hannoveranerin Annalena Baerbock (40) studierte Politikwissenschaften, öffentliches Recht und Völkerrecht. Seit über zehn Jahren lebt sie mit Ehemann und zwei Töchtern (geboren 2011 und 2015) in Potsdam. In ihrer Jugend betrieb sie Trampolinspringen als Leistungssport.

Wie sieht es mit den politischen Erfahrungen aus?

Schon mit 25 Jahren arbeitete sie hauptberuflich in der Politik - als Büroleiterin einer Europaabgeordneten. Sie machte Karriere, wurde Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Europa, brandenburgische Landeschefin (2009), MdB (2013) und mit Robert Habeck Bundesvorsitzende (2018).

Hat die Kandidatin Rückhalt in der eigenen Partei?

Der Rückhalt könnte nicht größer sein. Annalena Baerbock wurde Ende 2019 mit dem besten Ergebnis bestätigt, das jemals ein(e) grüne(r) Bundessprecher(in) erreichte: 97,1 Prozent. Co-Vorsitzender Robert Habeck hat erklärt, dass er uneingeschränkt hinter ihr steht.

Was sagen die Umfragen?

Wenn am nächsten Sonntag Wahltag wäre, dann würde Annalena Baerbock vermutlich Kanzlerin. Die Grünen liegen aktuell laut Forsa als stärkste Kraft bei 28 Prozent, andere Institute sehen sie nicht so stark. Die Kandidatin selbst läge mit 32 Prozent klar vor den beiden Konkurrenten.


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Wofür steht sie programmatisch?

Das Thema Klimaschutz steht bei ihr ganz oben – alles andere wäre bei einer Grünen-Vorsitzenden auch überraschend. Auch Europa ist ihr ein Herzensanliegen, schon in jungen Jahren engagierte sie sich dafür. Finanz- und Sozialpolitik sind bisher nicht ihre Stärken.

Welches wäre die Wunschkoalition?

Baerbock gilt als ausgesprochene Realpolitikerin, die zur Nato und zu Bundeswehreinsätzen im Ausland steht. Das würde es mit den Linken – im Falle von Rot-Rot-Grün – nicht leicht machen. Mit der Union und auch mit einer Ampel hätte sie wohl kein ernstes Problem.

Was sind die größten Stärken?

Sie liest sich rasch in Themen ein. Bei Sitzungen, Parlamentsreden und Talkshow-Auftritten ist sie sehr präsent und konzentriert. Im Gegensatz zu Robert Habeck mit seinen ungewöhnlichen Ideen wirkt sie eher nüchtern und sachorientiert. Patzer leistet sie sich nur selten.

Was sind die größten Schwächen?

Es dürfte ihr bis zum Wahltag von der gesamten Konkurrenz vorgehalten werden, dass sie keinen einzigen Tag einem Ministerium, einer Stadtverwaltung oder einem Bundesland vorstand. Sie wäre nicht nur eine junge Kanzlerin, sondern eine ohne Verwaltungserfahrung.

Olaf Scholz: Der Kanzlerkandidat der SPD

Olaf Scholz zieht bei der Bundestagswahl 2021 für die SPD ins Rennen ums Kanzleramt.

Olaf Scholz zieht bei der Bundestagswahl 2021 für die SPD ins Rennen ums Kanzleramt. © picture alliance/dpa, NNZ

Woher kommt Olaf Scholz, was hat er bisher gemacht?

Der Jurist Olaf Scholz (62) gilt vielen als der typische Hanseat. Er wurde im niedersächsischen Osnabrück geboren, wuchs aber in Hamburg auf. Er ist mit der brandenburgischen Bildungsministerin Britta Ernst verheiratet und lebt in Potsdam – ebenso wie Annalena Baerbock.

Wie sieht es mit den politischen Erfahrungen aus?

Mehr Erfahrung als er kann man nicht haben. Seine bisherigen Aufgaben: Innensenator und Erster Bürgermeister von Hamburg, stellvertretender Juso-Bundesvorsitzender, SPD-Generalsekretär, Bundesminister für Arbeit und Finanzen, Vizekanzler. Das macht 40 Jahre Politik.


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Hat der Kandidat Rückhalt in der eigenen Partei?

Seit er im August 2020 zum Kanzlerkandidaten ausgerufen wurde, ist in der Partei kein böses Wort mehr über ihn zu hören. Doch linke Sozialdemokraten nehmen es ihm immer noch übel, dass er eine der Stützen von Kanzler Schröder und dessen Agenda 2010 mit Hartz IV war.

Was sagen die Umfragen?

Trotz der frühen Nominierung von Scholz und seines Amtes als Vizekanzler konnte die SPD seit einem Jahr nicht zulegen. Im Gegenteil, die Partei ist nach der jüngsten Umfrage auf 13 Prozent abgerutscht. Ihr Kanzlerkandidat Scholz steht mit 15 Prozent nur minimal besser da.

Wofür steht er programmatisch?

Als Finanzminister hat er in der Corona-Krise die "Bazooka" ausgepackt, sprich: Er hat Milliardenschulden des Bundes mitverantwortet. Scholz steht für eine ausgesprochen soziale Ausrichtung der SPD und für eine stärkere Belastung von Gutverdienern.

Welches wäre die Wunschkoalition?

Eine erneute GroKo hätte weder eine Mehrheit im Bundestag noch wäre sie der Sozialdemokratie zuzumuten. Scholz muss, will er Kanzler werden, auf die ihm näherstehende Ampel oder auf Grün-Rot-Rot setzen. Die SPD hinkt aber den Grünen um über zehn Prozent hinterher.

Was sind die größten Stärken?

Er verkörpert eine Kombination aus Ruhe, Gelassenheit und Regierungserfahrung. Früher verspottete man ihn wegen der Knappheit und Formelhaftigkeit seiner Äußerungen als "Scholz-o-Mat", heute gilt diese Unerschütterlichkeit als sein Markenzeichen.

Was sind die größten Schwächen?

Eine Last wird er nie loswerden: dass er der Basis 2019 nicht gut genug war für den Posten des SPD-Chefs. Das deutlich linkere Team überholte ihn klar. Saskia Esken ließ sich sogar zu der später korrigierten Aussage hinreißen, Scholz sei kein aufrechter Sozialdemokrat.

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