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Wie ein Ehepaar daran scheiterte, sich auf Corona testen zu lassen

Sie stellten sich selbst vorsorglich zwei Wochen unter Quarantäne - 11.03.2020 05:57 Uhr

Das Ehepaar wies nach dem Italienurlaub deutliche Symptome auf, die auf das Coronavirus hinwiesen. Zum Test kam es trotzdem nicht.

© Swen Pförtner, dpa


Als Thomas K. und seine Frau am 28. Februar von einem sechstägigen Winterurlaub in Livigno zurückkehrten, hatten sie die klassischen Coronasymptome wie Schnupfen, Husten, Kopf-, Hals- und Gliederschmerzen.

"Als verantwortungsvolle Bundesbürger haben wir natürlich sofort jeden Kontakt zu anderen Personen gemieden beziehungsweise auf einen Abstand von zwei Metern begrenzt", schreibt Thomas K. in einer Mail. Seit dem 29. Februar suche er ärztliche Unterstützung, heißt es darin weiter. Zunächst rief er bei der Hotline des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen an. Ergebnislos. Es folgten am 2. März mehrere Versuche, die Nummer 116 117 des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes zu erreichen. Auch dort kam er nicht weiter. "Danach wandte ich mich an meine Hausarztpraxis. Dort wurde mir erkennbar geholfen, indem mein Fall weitergeleitet wurde. Es hieß, dass ein Anruf eines weiteren Arztes bei mir erfolgen würde, der dann den Coronatest zu Hause veranlassen würde", schreibt er in der Mail weiter.



Schließlich erhielt Thomas K. in der Nacht auf den 3. März um 1:30 Uhr einen Anruf des Arztes der Bereitschaft. Der habe noch einmal genauer nachgefragt und dann die Notwendigkeit einer Untersuchung bestätigt. Es fehle aber hinten und vorn an Ressourcen, habe der Mediziner am Telefon gesagt. Es gäbe weder Schutzanzüge noch Teströhrchen in ausreichender Anzahl. Letztlich verwies der Bereitschaftsarzt den Ratsuchenden ans Gesundheitsamt. Nun sollte für Thomas K. und seine Frau also alles wieder von vorn beginnen?

Sich selbst zwei Wochen Quarantäne auferlegt

Die Mail, in der er seine mehrtägigen Bemühungen beschreibt, sich und seine Frau testen zu lassen, adressierte der 62-Jährige Ingenieur an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Ministerpräsident Markus Söder sowie an die Bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml. Eine Abschrift sandte er an unsere Zeitung.

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Wie geht es dem Ehepaar inzwischen? "Wir wissen bis heute nicht, ob wir infiziert sind", sagt Thomas K., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will – aus Sorge, auf der Straße angesprochen zu werden. Er und seine Frau ergriffen eigene Vorsichtsmaßnahmen – und erlegten sich selbst eine zweiwöchige Quarantäne auf, die am Wochenende abgeschlossen sein wird. Danach sei die Gefahr, jemanden anzustecken, gebannt, sagt Thomas K. am Telefon. Weil er als Vorruheständler zeitlich flexibel sei und auch seine Frau als Hausfrau keine weiteren Verpflichtungen habe, sei dieser freiwillige Hausarrest für sie kein Problem.


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Allerdings leben die Eheleute nicht wirklich gut mit der Ungewissheit. "Die Feststellung einer Infizierung wäre fast ideal gewesen, dann wären wir nämlich jetzt immun", sagt Thomas K. "Wenn wir wieder rausgehen, könnten wir uns ja morgen anstecken." Inzwischen haben die K.s von einer Bekannten erfahren, dass diese ebenfalls nicht beim Gesundheitsamt durchkam. Der 62-Jährige ist davon überzeugt, dass Ärzte und Behörden heillos überfordert sind.

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Allerdings gibt er der Politik Schuld an der Situation: "Warum fehlt es an den Ressourcen wie Teströhrchen und Schutzanzüge? Die Corona-Krise ist doch seit geraumer Zeit im Anmarsch!", sagt er. Und: "Wie will der Staat mich – und noch wichtiger – alte und kranke Menschen effektiv schützen? Durch ein solch unkoordiniertes Vorgehen werden betroffene Fälle nicht erkannt und es sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch Tote zu erwarten!" Er vermisst ein effektives und funktionierendes Krisenmanagement.

Eine Antwort auf seine Fragen hat Thomas K. noch nicht erhalten, nicht einmal Eingangsbestätigungen seiner Mails bei den drei Ministerien.

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Susanne Stemmler

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