Anzahl der Baustellen so hoch wie noch nie

Bahnchef zum ICE-Werk bei Nürnberg: "Wir haben keinen Plan B"

Arno Stoffels
Arno Stoffels

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30.5.2022, 14:38 Uhr
Auf dem teils maroden und überlasteten Schienennetz droht der Kollaps. Eine Generalsanierung soll laut Bahnchef Richard Lutz in den nächsten Jahren für Entlastung sorgen.

© Hauke-Christian Dittrich, dpa Auf dem teils maroden und überlasteten Schienennetz droht der Kollaps. Eine Generalsanierung soll laut Bahnchef Richard Lutz in den nächsten Jahren für Entlastung sorgen.

13,5 Millionen Fahrgäste alleine im Mai: Noch nie stiegen so viele Bahnreisende in einem Monat in die Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn.

Nach über zwei Jahren der Pandemie mit entsprechenden Einnahmerückgängen für die DB ist das einerseits ein Grund zur Freude. Andererseits gibt es aber massive Probleme im täglichen Betrieb, die jeder Kunde mitbekommt.

Insgesamt lag die Pünktlichkeit der ICE und IC in den letzten fünf Monaten bei nur noch knapp 70 Prozent, zum Teil spürbar darunter. "Die Fahrgäste und Güterverkehrskunden kommen schneller zurück, als erwartet", sagt Bahnchef Richard Lutz. Noch nie seien im gesamten Schienennetz mit seinen rund 33.000 Kilometern Länge so viele Züge unterwegs gewesen wie dieser Tage - mit gravierenden Folgen.

Denn in den letzten Jahren sei die Infrastruktur nicht mitgewachsen. "Die Substanz hat sich verschlechtert, die Überalterung der Anlagen hat zugenommen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist der Rückstau größer geworden. Um vor die Welle zu kommen, muss gebaut werden", so Lutz.

Die aktuelle Betriebslage zeige ebenso deutlich wie schmerzhaft ein kurzfristig kaum auflösbares Dilemma: "Gleichzeitig Wachsen und Modernisieren ist an zu vielen Tagen und auf zu vielen Korridoren nicht mehr mit guter Betriebsqualität und Pünktlichkeit möglich", sagt Lutz.

Noch nie so viele Baustellen

Bund und Bahn hätten zwar seit einigen Jahren umgesteuert. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass dieses Modernisierungsprogramm eine nie dagewesene Anzahl an Baustellen mit sich bringe, die zusätzliche Kapazität kosten und massive betriebliche und verkehrliche Auswirkungen nach sich ziehen. Auch im Freistaat und in der Region werden Rekordsummen in die Sanierung von Gleisanlagen und Bahnhöfen gesteckt.

Das Problem zeige sich somit auch in Bayern deutlich, etwa auf der Strecke Nürnberg - Würzburg oder auch rund um den Bahnknoten München: Zwei von deutschlandweit insgesamt acht Korridoren, die zu den am höchsten belasteten Bahnstrecken in ganz Europa gehören und entsprechend störanfällig sind, wie Lutz sagt. Hier liege die durchschnittliche Auslastung bereits bei 125 Prozent, kämen Baustellen hinzu, würde der Wert schnell auf 150 Prozent ansteigen.

Mit einer "Generalsanierung" soll aus diesen acht Flaschenhälsen mit einer Gesamtlänge von 3500 Kilometern von 2024 an ein "Hochleistungsnetz" werden. Gelinge dies nicht, drohe der Kollaps. "80 Prozent der Qualität des Eisenbahnsystems entscheiden sich im Schienennetz", so Lutz.

ICE-Werk nötig

Zu einer guten Infrastruktur gehören auch ausreichend Werke für die Wartung der Fernverkehrszüge, wie Lutz auf Nachfrage unterstreicht. Mit Blick auf das laufende Raumordnungsverfahren für ein neues ICE-Werk im Großraum Nürnberg, gegen das sich Bürgerinitiativen und Naturschützer stemmen, erklärte Lutz, er würde sich die Verwirklichung dieses Projekts mit Blick auf Klima- und Umweltschutz sowie rund 450 neue Arbeitsplätze wünschen.

"Ich kenne keinen Plan B", erklärte Lutz auf die Frage hin, was die DB tut, sollten alle drei Areale, die aktuell von der Regierung von Mittelfranken geprüft werden, im Raumordnungsverfahren durchfallen. "Ich würde gerne am Plan A festhalten", so Lutz.

Das gesamte Schienennetz müsse "fit für die Verkehrsverlagerung" werden, so Lutz weiter. Dies sei aber mit "Wachstumsschmerzen" verbunden, die vor allem auch die Reisenden in den nächsten Jahren spüren würden.

Maßnahmen bündeln

Bei der Sanierung der hochbelasteten Korridore sollen alle notwendigen Baumaßnahmen der kommenden Jahre gebündelt werden. Dafür seien zwar längere Sperrpausen notwendig, diese gingen aber durch bessere Vorplanung mit höherer Verlässlichkeit und längeren Vorlaufzeiten für alle Beteiligten einher, so Lutz.

Dazu gehöre auch, dass eventuell im Vorfeld Nebenstrecken hergerichtet werden, um insbesondere Ausweichmöglichkeiten für den Güterverkehr zu schaffen.

Wichtig sei, dass nach Durchführung der Korridormaßnahme Baufreiheit für mehrere Jahre herrsche und dadurch positive Impulse für Kapazität und Qualität im gesamten Netz entstünden. Die Konkretisierung dieser Konzepte solle Teil der gemeinsamen Arbeiten von Bund, Bahn und Branche werden.

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