Corona-Ausbruch im Erlanger Wohnstift Rathsberg doch früher

1.12.2020, 10:30 Uhr
Die Corona-Fälle im Erlanger Wohnstift Rathsberg sorgen für Aufregung.

Die Corona-Fälle im Erlanger Wohnstift Rathsberg sorgen für Aufregung. © Klaus-Dieter Schreiter

Aufgrund der Berichterstattung von nordbayern.de melden sich immer mehr Angehörige von Bewohnern zu Wort: Sie kritisieren die Darstellung des Vereinsvorstandsvorsitzenden Wolfgang Strittmatter und sprechen von Unwahrheiten.

Besonders verärgert zeigen sich die Hinterbliebenen des an Covid 19 verstorbenen Horst B. Dieses Medienhaus hatte den Chef der von einem gemeinnützigen Verein organisierten Einrichtung, Wolfgang Strittmatter, am Donnerstag, 19. November, nach der Zahl der Infizierten, des Zustands der positiv Getesteten und nach möglichen Todesopfern gefragt; erschienen ist  der Text an diesem Tag auf nordbayern.de 

In dem Text sagte der Vorstandsvorsitzende: "Wir müssen bisher Gott sei Dank noch keinen Todesfall beklagen". Das aber entspricht nicht den Tatsachen. Denn zum Zeitpunkt des Interviews war der mit dem Sars-CoV-2 infizierte Wohnstift-Bewohner Horst B. bereits verstorben. 

Protokoll zeigt zeitlichen Verlauf

Der 85-Jährige war, wie das Protokoll seiner beiden Kinder, Constanze Sachse und Dominik Brokelmann zeigt, am 10. November mit einem "akuten schlechten Gesundheitszustand" in das Universitätsklinikum eingeliefert worden, wo er wenige Stunden später die Diagnose Covid 19 erhielt. Am 14. November war er in der Klinik dem Virus erlegen.

Angesprochen auf den Fall reagiert der Vorstandsvorsitzende ausweichend: Die Mitarbeitenden des Wohnstifts hätten nichts von der Krankheit des Betroffenen gewusst, auch der für das Heim zuständige Arzt habe das Personal nicht über den Zustand des Bewohners informiert und keinen Coronatest gemacht. "Mir war der Fall bei dem Interview noch nicht bekannt." Er habe davon erst am Samstag, 21. November, durch eine Todesanzeige in der Zeitung erfahren.

Informelle Informationen

Zudem widersprechen mehrere Angehörige Strittmatters Äußerungen, wonach die ersten Corona-Fälle in der Seniorenresidenz am Freitag, 13. November, bestätigt worden seien. Auch H.’s Angehörige machen darauf aufmerksam, dass in der Einrichtung selbst bereits am Dienstag, 10. November, informell Informationen die Runde machten, nach denen es vier bestätigte Fälle im Haus gebe.

Strittmatter weicht in seiner Erklärung ebenfalls aus: "Ich hatte es damals eben so verstanden, dass ich berichten sollte über den Stand 19. 11." Doch die Frage der Erlanger Nachrichten zielte ganz klar auf die bestätigten Corona-Fälle im Haus seit Beginn der Pandemie ab. Im Lauf des zweiten Gesprächs sagt er dann an einer Stelle: "Wir hatten es mit unseren Hygienemaßnahmen sogar bis Anfang Oktober geschafft, dass wir null Covid-Fälle haben". Also gab es offenbar schon im Oktober Infektionen oder zumindest Verdachtsfälle.

Die Angehörigen einer anderen Bewohnerin wollen die oben genannte Aussagen von Strittmatter ebenfalls so nicht stehen lassen. Die 86-Jährige sei am 13. November auf das Coronavirus getestet worden und habe am 15. das positive Ergebnis erhalten.

Davon aber hätten Tochter und Schwiegersohn erst auf Nachfrage Tage später erfahren. Zudem sei die Frau mit für Covid 19 typischen Symptomen zunächst mehrere Tage lang vom Arzt, der die Pflegeeinrichtung betreut, auf Angina behandelt worden, ohne einen Corona-Abstrich vorzunehmen.

Auch hier sieht sich Strittmatter nicht in der Verantwortung: Das könne man dem Wohnstift Rathsberg nicht anlasten. "Wir betreiben keine Arztpraxis, wir vermieten nur die Räume an einen Arzt".

"Wir erfahren von dem Arzt gar nichts"

Auf den Einwurf, die Einrichtung trage doch auch eine Verantwortung für ihre Bewohner und Bewohnerinnen und müsse Bescheid wissen, wie es ihnen medizinisch geht und welcher Mediziner sie wie behandelt, erwidert er: "Im Wohnstift hat der Arzt locker seit 30 Jahren eine Praxis und wenn der nicht testet oder keine richtige Diagnose stellt, erfahren wir davon gar nichts."

Der betreffende Mediziner habe auch im Fall der 86-Jährigen keine Informationen an die Einrichtung weitergegeben: "Das habe ich jetzt auch in einem Schreiben an ihn sehr stark kritisiert." Seiner Verantwortung komme das Haus in allen Bereichen nach.

Das allerdings bezweifeln manche Angehörigen. Zwar betonen sie, wie wohl sich ihre Verwandten in der Einrichtung fühl(t)en, kritisieren aber den Umgang mit der Pandemie: "Herr Strittmatter schiebt die Schuld der Ansteckung auf die Angehörigen und unterstellt uns, wir würden die Hygieneregeln zu lax behandeln, damit das Haus gut dasteht", beklagt der Schwiegersohn der 86-Jährigen.

Angehörige: Kritik ist zu pauschal

Das aber sei zu pauschal und treffe auf viele nicht zu. Seine Frau und er etwa, die selbst zu Risikogruppen gehören, haben die 86-Jährige schon seit Längerem nicht gesehen.

In diesem Punkt hingegen bleibt Strittmatter bei seiner Einschätzung: "Ich weiß, dass ich da enorme Kritik entgegennehmen muss, aber es ist so: Die Ansteckungen finden nahezu bei Auswärts- und insbesondere Besuchen in der Familie statt".

 

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