OP in der Coronakrise: So einsam ist es im Krankenhaus

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Christoph Benesch

Erlangen

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8.5.2020, 06:00 Uhr
Sogar Spaß unter guten Kumpels war möglich, wie man sieht: Patient Konstantin Walter winkt aus der HNO-Klinik seinen Freunden auf der Straße zu, die ihn mit ihrem Besuch von der Straße aus aufmunterten.

© privat Sogar Spaß unter guten Kumpels war möglich, wie man sieht: Patient Konstantin Walter winkt aus der HNO-Klinik seinen Freunden auf der Straße zu, die ihn mit ihrem Besuch von der Straße aus aufmunterten.

Diese Stille, sagt Konstantin Walter, diese Ruhe: "Das war das auffälligste." Sicher, da war der Eingriff am Hals, ein sechs Zentimeter langer Schnitt, um einen gutartigen Tumor zu entfernen. Die Ärzte sprachen von einem Routineeingriff, doch das Internet erzählte auch von schlimmen Komplikationen. "Normalerweise wäre ich mit all den Zweifeln nicht allein geblieben", sagt der 23 Jahre junge Student. Seine Schwester, der beste Kumpel, die Eltern – sie alle hätten viel Beistand geleistet, Zuspruch in der Ungewissheit gespendet und viele Schultern geboten, auf denen man diese Last zumindest ein wenig verteilen kann.



"Als meine Schwester am Eingang zur HNO-Klinik abgewiesen wurde, ich plötzlich allein in dieser Klinik stand, da spürte ich, wie sehr einen das treffen kann so ganz auf sich gestellt." Die Operation, ein geplanter Eingriff, war bereits einmal verschoben worden, um nach Ausbruch der Corona-Pandemie die Krankenbetten freizuhalten. Nun waren die Beschränkungen gelockert worden, Konstantin Walter hatte einen neuen Termin erhalten, um diese Schwellung, die seit Monaten drückte, endlich entfernen zu lassen.

Weil Krankenbesuche noch nicht gestattet sind, außer für sterbende Menschen und kleine Kinder, musste er die letzten Untersuchungen allein über sich ergehen lassen, führte die Gespräche mit den Ärzten allein, erhielt die Narkose und wurde operiert. Auch erwachte Konstantin Walter wieder allein, und fand sich, als der Schleier der starken Schmerzmittel sich legte, der Dämmerzustand verschwand, auch im Klinikzimmer: ganz allein.

"Ich hatte vorher gedacht: So schlimm wird das schon nicht werden. Aber diese Phasen kommen, in denen man traurig wird, weil einem das Mitgefühl und der Zuspruch der Menschen eben doch fehlen, die einem nahe stehen und die zu anderen Bedingungen jetzt bei mir wären."

Selbst telefonieren konnte er nicht, das Sprechen fiel Walter schwer, mit der Zyste war auch das Zungenbein entfernt worden. "Ich glaube", sagt Konstantin Walter, "für alle Angehörigen, die nichts aus dem Krankenhaus hören, einen nicht besuchen und nicht sehen können, für die ist es noch viel schwerer."

Sieben Tage lag der BWL-Student allein im Krankenhaus, ohne Besuche. "Die Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger", sagt er, "waren alle auffällig positiv gestimmt. Alle, die sich um mich gekümmert haben, waren sehr, sehr nett. Vielleicht gerade deshalb, weil sie wissen, wie wichtig es da ist, da zu sein." Nur hätte er gern eben auch die Familie empfangen – was aber nicht ging. "Ich habe da großes Verständnis dafür und halte das auch für richtig", sagt er. "Aber für die Genesung ist auch die Psyche sehr wichtig. Und die leidet da sehr."

Ein Foto, geschossen mit seinem Handy, brachte dann Besserung: Die untergehende Sonne, wie sie in allen Farben den Himmel färbte, knipste Walter durch sein Klinikfenster im obersten Stockwerk und schickte das Bild per Kurzmitteilung an ein paar Freunde. Die erkannten darauf die Straße und schrieben am nächsten Tag eine SMS an ihren kranken Kumpel. "Ich dachte mir noch: Was soll ich denn jetzt unbedingt an dieses Fenster kommen?" Unten auf dem Gehsteig aber standen sie, nie mehr als zu zweit aufgrund der Abstandsregelungen, und winkten ihm zu.

"Dass sie extra für ein Winken gekommen waren, das hat mich sehr beeindruckt und mir in dieser komischen Situation wahnsinnig geholfen", sagt Konstantin Walter. "Natürlich konnte das einen richtigen Krankenbesuch bei mir am Bett nicht ersetzen, aber es bedeutete mir mehr als nur ein Winken am Fenster normalerweise ist."

Jeden Tag kündigten sich nun Freunde und Familienmitglieder an, alle winkten hinauf in das Zimmer, das sie nicht betreten durften. Als es Konstantin Walter besser ging, er wieder fast schmerzfrei sprechen konnte, telefonierten sie dazu.

Zaungespräche schafften Mut, Blicke schenkten Ablenkung

Ihm fiel auf, wie viele Menschen aus der HNO-Klinik auf diese Weise Kontakt zu Angehörigen und Bekannten hielten, getrennt durch die Fensterscheiben. Zaungespräche schafften Mut, Blicke schenkten Ablenkung, Winken Zuversicht für Menschen, die das Pech hatten, in so besonderen Zeiten ganz allein ins Krankenhaus zu müssen.

"Wenn das mit dem Besuchen nicht geht, finde ich das toll, wie es die Gesellschaft geschafft hat, trotzdem Wege zu finden, sich gegenseitig zu stützen in solchen Situationen", sagt Konstantin Walter.

Vor wenigen Tagen durfte er nach Hause. Die Operation verlief gut, sehr wahrscheinlich wird er sich zu hundert Prozent erholen. Er ist sich sicher: Auch, weil die Freunde und die Familie so ihren Teil zur Genesung beitrugen. "Ich kann Angehörige nur dazu ermuntern, es gleich zu tun", sagt er. "Ich hätte selbst nie für möglich gehalten, welch große Wirkung ein einfaches Winken durchs Fenster entfalten kann." Selbst wenn Stille und die Ruhe noch so groß sind.


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