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Kann mein Kind mit Schnupfen in die Kita? Experte klärt auf

Viele Familien sind empört über die Regelungen - Politik plant neue Kriterien - 21.07.2020 15:25 Uhr

Bisher dürfen Kinder mit Schnupfen, Husten oder Halskratzen nicht in die Kita. Das könnte sich bald ändern.

© Foto: Uwe Anspach/dpa


Viele Eltern fühlen sich allein gelassen von der Politik, fürchten sich vor neuen anstrengenden Wochen, gerade im Herbst, wenn laufende Nasen Dauerzustand sind: Tobias Thiem weiß, wie sehr die aktuelle Kita-Regelung Familien aufwühlt. Schon bei leichtem Schnupfen, Husten oder Halskratzen werden Kinder von der Betreuung ausgeschlossen – und Mütter und Väter müssen wie schon im Lockdown Lösungen finden.

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Im Fürther Jugendamt ist Thiem zuständig für den Bereich Kindertagesstätten. Er bekommt mit, dass zurzeit viele Eltern verunsichert oder aufgebracht anrufen, fast immer geht es um die Corona-Hygienekonzepte. Auch auf Facebook verfolgt er die Empörung über die Schnupfennasen-Regelung.

Mit Schnupfen in die Kita: Unmut richtet sich gegen das Personal

Es sei wichtig, betont er, die Nöte der Familien zu sehen und ihnen Gehör zu verschaffen. Und trotzdem: Die Vorgabe, die gerade für so viel Wirbel sorgt, findet Thiem hilfreich. Die Diskussion werde leider zu einseitig geführt, bedauert er, der Ärger von Eltern und Ärzten dominiere. Zu kurz komme dabei der Blick auf die Lage der Kitas, zu oft richte sich der Unmut zu Unrecht gegen das Personal.


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Thiem ist auch skeptisch, ob sich an der Handhabung so viel ändern lässt, wie es viele Familien nun vermutlich hoffen: Am Donnerstag kündigten das bayerische Sozialministerium und das Gesundheitsministerium an, neue Kriterien zu erarbeiten, wann Kinder mit Krankheitssymptomen betreut werden können. "Zeitnah" soll es für die Erzieherinnen einen "leicht verständlichen" Leitfaden geben. Man wolle den Kita-Besuch in Corona-Zeiten planbarer machen und, so Familienministerin Carolina Trautner (CSU), "praktikable Regelungen für die Erkältungszeit" finden.

Thiem hofft, dass dabei alle relevanten Seiten gehört werden: Träger-, Arbeitnehmer- und Elternvertreter sowie Vertreter des Kommunalen Unfallversicherungsverbandes - es gehe auch um Haftungsfragen.

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Die Spielräume für Lockerungen sind begrenzt, glaubt er. Hinter der aktuellen Regelung stecke ja keine Willkür – sondern das Ziel, Kinder und Mitarbeiter bestmöglich vor Corona zu schützen. Zudem wolle man damit umfangreiche Kita-Schließungen vermeiden. Ein Aufweichen der Regel könnte nach hinten losgehen, fürchtet der Experte aus dem Fürther Jugendamt.

Strikte Regeln sorgen für Beruhigung

Er denkt an das pädagogische Personal, das weitgehend schutzlos arbeitet – ohne Maske und immer wieder ohne Abstand, weil gerade kleine Kinder Mimik und Nähe brauchen. Die strikten Regeln ließen die Beschäftigten "wenigstens einigermaßen beruhigt" in die Arbeit gehen.

Erkältungen und Magen-Darm-Infekte machen die Erzieherinnen jedes Jahr mit, sagt Thiem. "Das ist Berufsrisiko." Covid-19 aber kann gravierende Folgen haben – er könne jeden verstehen, der vorsichtig ist. Wird die Ansteckungsgefahr größer, sei zu befürchten, dass nicht jeder Mitarbeiter sich dem aussetzen mag. Das könnte zu Engpässen führen, zu eingeschränkten Betreuungszeiten oder gar Schließungen – was wiederum die Familien belaste.

Die Träger, so Thiem weiter, hätten nicht nur die Verantwortung, ihr Personal, sondern auch alle Kinder zu schützen. Selbst wenn ein Attest vom Arzt oder ein Test bestätigt, dass ein Kind coronafrei ist: Schon am Folgetag könnte die laufende Nase von einer Covid-19-Erkrankung herrühren. Wie sollten die Mitarbeiter dies erkennen?


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Halten sich Kinder mit Symptomen in der Einrichtung auf, käme es außerdem noch häufiger zur Schließung von Gruppen oder ganzen Kitas, um Verdachtsfällen nachzugehen, vermutet Thiem. Schon jetzt gebe es in Fürth jede Woche mehrtägige Zwangspausen in etwa drei Einrichtungen.

Fast alle Eltern sind einsichtig

Sein Eindruck: Auch wenn es die Träger "viel Energie und Zeit" koste, Eltern die Gründe für den resoluten Ausschluss zu erklären – am Ende seien beinahe alle einsichtig. Zugleich stoße man in der Elternschaft auf viel mehr Verständnis, als dies "diverse Facebook-Posts" und Medienberichte nahelegen. Die klare Linie schütze Kitas vor dem Vorwurf, "eigenmächtig" zu handeln.

Insbesondere dann, wenn sich die niedrigen Corona-Fallzahlen nicht halten lassen, dürfte der Besuch von Kindern mit leichten Infekten zur großen Herausforderung für die Einrichtungen werden, prophezeit Thiem.

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Dass sich Eltern nach Monaten ungeheurer Belastung, oft gepaart mit finanziellen Einbußen, in schwierigen Situationen befinden, steht auch für ihn außer Frage. Er glaubt aber, dass etwas anderes sinnvoller wäre als eilige Lockerungen: eine Diskussion über die Erhöhung, ja die Verdoppelung der Fehltage von berufstätigen Eltern bei Krankheit der Kinder (Kinderkrankengeld) während der Pandemie.

Auch in anderer Hinsicht müssten politische Lösungen entwickelt werden, findet der Fürther Kita-Verantwortliche, der die Sorgen der Experten im Ohr hat: Ob es um häusliche Gewalt oder um Mangelernährung geht – das Kindeswohl dürfe nicht in Gefahr sein, wenn die regelmäßige Kita-Betreuung fehlt.


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