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Pestizid bereitet Bienenfreunden im Kreis Fürth Sorge

Rübenbauern dürfen zur Bekämpfung eines Virus eigentlich verbotenes Insektizid verwenden - 06.04.2021 21:00 Uhr

Blühende Weiden sind im Frühjahr die wichtigste Nahrungsquelle für Bienen. Zuckerrüben dagegen, sagen Landwirte, sind wenig attraktiv für die emsigen Insekten. Die Feldfrucht wird weit vor der Blüte geerntet.

05.04.2021 © Reiner Bernhardt


Dieser Tage werden die Zuckerrüben-Äcker angesät. Die Südzucker AG hat für ihre Erzeuger eine Notfall-Zulassung für ein Insektizid erwirkt, das seit 2018 in der EU verboten ist. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat entschieden, dass in Unter-, Ober- und Mittelfranken – ausnahmsweise – Saatgut ausgebracht werden darf, das mit Neonicotinoid gebeizt ist.

Bienenfreunde schlagen Alarm. Sie halten das Pestizid selbst in geringster Dosierung für enorm schädlich für Bienen und andere Insekten. Fachbehörden und Landwirte besänftigen.

Im Fürther Landkreis spielt die Zuckerrübe keine allzu große Rolle, die Böden sind zu schlecht, dazu kommt die Trockenheit, das birgt viel Unsicherheit für den Ertrag. Auf etwa 360 Hektar wird die Frucht im Landkreis angebaut, auf etwa 140 Hektar bringen 23 Landwirte das gebeizte Saatgut aus, sagt der Cadolzburger Johannes Strobl. Er vertritt die hiesigen Erzeuger in der Genossenschaft der Südzucker AG und ist mit 21 Hektar Anbaufläche einer der größten Rübenanbauer in der Region.

Rübe spielt im Kreis Fürth eine Nebenrolle

Das bedeute, auf etwa ein Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Kreis komme das Pestizid zum Einsatz, bricht Strobl die Zahlen herunter. Und das in einer Dosierung von 45 Gramm je Hektar. Bei einer Halbwertszeit von einem Monat dürften die Rückstände im Boden binnen eines Jahres minimal sein, sagt er.

Den Vorwurf, er würde einzelne Flächen auf Jahre schädigen, mag Strobl nicht auf sich sitzen lassen. "Hätte ich die Befürchtung, dass das gebeizte Saatgut den Bienen schadet, würde ich es nicht verwenden." Er vergleicht die strengen Auflagen der Notfall-Zulassung mit der Zulassung eines Impfstoffes.


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Doch das eine Prozent der Anbaufläche ist für den Langenzenner Frank Flohr, der an seinem Wohnort, bei seiner Firma in Veitsbronn und am Dillenberg Bienen hält, ein Prozent zu viel. "Das ist eine Katastrophe ohnegleichen", schädige das Nervengift doch nicht nur die Bienen, sondern sei in der Folge auch für Mikroorganismen im Boden toxisch.

Schließlich dürfe im Jahr darauf auf keiner der betroffenen Flächen eine blühende Frucht angebaut werden. Im Landkreis sei in den Vorjahren kein Befall festgestellt worden, trotzdem werde nun quasi "vorsorglich die Giftkeule ausgepackt und einzelne Flächen auf Jahre verseucht". Die Nachwirkungen, etwa auch aufs Grundwasser, könne keiner absehen.

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Strobl widerspricht. Er hat das Virus, das von der Blattlaus übertragen wird, die Blätter vergilbt und dadurch die Entwicklung der Rüben einschränkt, auf seinen Feldern bereits beobachtet. Da die Erfahrung lehre, dass sich der Befall von Jahr zu Jahr ausweite, sei das gebeizte Saatgut das Mittel der Wahl: "So kann ich mit minimalem Einsatz die Rüben vor der Blattlaus schützen, statt später breitflächig mit erlaubten Insektiziden gegen den Schädling spritzen zu müssen." Das würde höhere Mengen erfordern. Auch Peter Köninger, Fürths Kreisobmann im Bauernverband, hält den Wirkstoff in den verwendeten Dosen für ungefährlich.

An strenge Auflagen geknüpft

Der Einsatz des Saatguts ist an strenge Auflagen geknüpft, wie Dieter Proff von der Fachstelle für Pflanzenbau am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Ansbach versichert. Seine Behörde ist auch für die Überwachung der Zuckerrüben-Felder im Kreis Fürth zuständig. Die Aussaat werde kontrolliert, die Entwicklung der Felder intensiv beobachtet.

Außerdem ist ein Monitoring vorgesehen, Bienenvölker an den betroffenen Flächen werden von der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau untersucht. Rückstände in eingetragenen Pollen und im Nektar werden erfasst. "Das Risiko, dass Bienen geschädigt werden, ist absolut minimiert, andernfalls hätten die Behörden das Mittel gar nicht zugelassen", sagt Proff. Auf Anfrage gibt er Listen der betroffenen Flächen an Imker weiter.

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"Bienen oder Schmetterlinge fressen keine Rüben", erklärt Strobl, "zur Blüte kommt die Frucht gar nicht, sie wird zuvor geerntet." Und die sogenannte Guttation, die Absonderung von Flüssigkeit durch die Pflanze, die sich mit Tautropfen vermische, und Bienen auf Wassersuche locke, sei so gering wie bei keiner anderen Feldfrucht.


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Strobl selbst wird das gebeizte Saatgut nur auf sechs seiner 21 Hektar ausbringen. Auf den anderen Flächen sieht seine Fruchtfolge Blühpflanzen vor, das schließt den Einsatz von Neonicotinoid aus. Bei einem Gespräch vor einer Woche im Wirtschaftsreferat des Landratsamts habe er sich mit Imkern darüber hinaus darauf verständigt, auch seine Flächen und deren Insektenbestand gemeinsam genau zu beobachten.

Einen Unterstützer hat Strobl unter den Imkern aus seiner Nachbarschaft: Konrad Müller, Ehrenvorsitzender des Imkervereins Cadolzburg, sucht versöhnliche Worte: "Im Moment haben die Zuckerrübenbauern eben keine bessere Alternative. Oder wollen wir den Zuckermarkt ganz dem Weltmarkt überlassen?", fragt er.

Aussaat-Technik und die Art der Beize seien optimiert, bei Bienen hätten in der Vergangenheit keine Schäden mehr nachgewiesen werden können. Und für einzelne Betriebe sei die Zuckerrübe eine wichtige Einnahmequelle. Er, so Müller, sehe die Nöte der Landwirte, "wir müssen in einem konstruktiven Dialog bleiben".

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