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Verlierer der Krise: Kinder mit Förderbedarf

Sonderpädagoge Florian Kohl von der GEW über die Lage an den Förderschulen - 04.05.2021 12:34 Uhr

Der Schulbesuch bedeutet für Kinder mit einer Behinderung oft mehr als nur Stoff lernen.

29.04.2021 © Bernd Wüstneck/dpa, NN


Herr Kohl, Sie sind Sonderpädagoge und in der GEW der Experte für Fragen aus dem Förderbereich. Wie ist die Lage derzeit an den Förderschulen?

Im Grunde ist es die selbe Situation wie an allen anderen Schulen auch. Das Brennglas Corona verschärft die schon vorhandenen Problematiken ganz massiv. Um es noch genauer beschreiben zu können, muss man allerdings nach dem Förderbedarf der Kinder und Jugendlichen differenzieren. Die wohl größte Gruppe sind Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen, und die trifft es gerade auf vielen Ebenen besonders hart.

Warum, was zeichnet diese Kinder und Jugendlichen aus?

Bei ihnen geht es um Sprach- und Lernförderung und sozial-emotionale Unterstützung. Häufig kommen diese Kinder und Jugendlichen aus den sogenannten bildungsschwachen Familien, sonst wären sie in vielen Fällen nicht auf der Förderschule. Diese Kinder benötigen oft ganz dringend eine Tagesstruktur, sie haben vielfach gravierende Probleme zu Hause: suchtkranke oder psychisch belastete Eltern, manche erleben Gewalt im Elternhaus. Familiäre Strukturen also, die das Kind wenig unterstützen. Für diese Kinder ist es oft nicht selbstverständlich ein Frühstück zu bekommen oder ein Pausenbrot oder drei feste Mahlzeiten am Tag.

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Das bedeutet ja eigentlich, dass die Förderschulen die sozialen Problemen der Gesellschaft auffangen.

Das ist richtig und wie wir mit diesen Kindern umgehen, hat aus meiner Sicht wenig mit Inklusion zu tun. Diese Kinder haben besondere Bedürfnisse und werden von Anfang an ausgebremst. Sie scheitern an den hohen Anforderungen der Grundschule und werden dann in die Förderschulen verfrachtet. Klar, hier gibt es kleinere Klassen, mehr Lehrerstunden und damit mehr Zeit für sie, aber es beinhaltet auch ganz viel Benachteiligung. Das ist normalerweise schon so und verschärft sich jetzt mit Corona.

Können Sie das näher beschreiben?

Die Kinder und Jugendlichen erfahren zu Hause keine Unterstützung. Das fängt damit an, dass man mit vielen dieser Familien nicht per Mail kommunizieren kann. Es ist oft kein digitales Know-How vorhanden. Oft gibt es gar keinen Computer oder Wlan, oft existieren Sprachbarrieren, die die Kommunikation mit den Eltern zusätzlich erschweren, auch am Telefon.

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Das hört sich wirklich schlimm an. Sind Sie und viele Ihrer Kollegen gerade am Verzweifeln?

Ich bin mir ganz sicher, dass derzeit viele Sonderpädagogen am Verzweifeln sind, weil sie die Schülerinnen und Schüler gerade nicht unterstützen können, obwohl sie wissen, dass es so notwendig wäre und für viele einen Rückschritt in ihrer Entwicklung bedeutet. Denken Sie zum Beispiel an Kinder im Rollstuhl, deren körperlich-motorische Entwicklung unterstützt werden muss. Sie brauchen Assistenz im Alltag, müssen ihre Selbstständigkeit trainieren, Alltagskompetenzen entwickeln. Sämtliche Handlungsorientierte Lernangebote können derzeit nicht angeboten werden. Von meinen zehn Schülerinnen und Schülern können gerade mal zwei lesen, der digitale Unterricht ist da wirklich eine Herausforderung.

Und wie geht es Kindern und Jugendlichen mit körperlichen Handicaps zu Hause?

Viele sind pflegebedürftig, mache werden beatmet oder tragen einen Katheder. Wir haben an den Schulen Pflegepersonal und unterstützen die Familien normalerweise, doch derzeit müssen sie es alleine schaffen. Zum Glück sind mittlerweile wieder die familienentlastenden Dienste im EInsatz. Das war eine Zeit lang nicht der Fall und sehr belastend für die betroffenen Familien. Auch für die mit einem Kind aus dem Autismusspektrum. Denn sie brauchen unbedingt eine klare Struktur, die jetzt weggefallen ist. Außerdem zeigen sie in der Regel unangemessenes Verhalten, Lautieren zum Beispiel. Für die Familien, die durch die Schule ein paar Stunden Entlastung hatten, ist das jetzt sehr schwer, diese Kinder sieben Tage die Woche ununterbrochen alleine zu managen.


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Wird denn die Notbetreuung gut genutzt?

Sie wird genutzt, doch viele Kinder gehören zu den Risiko-Gruppen oder sind von der Konstitution her so schwach, dass es für sie zu riskant ist.

Und wie sieht es mit den Abschlussklassen aus? Sind die nicht gerade im Präsenzunterricht?

Wenn es gesundheitlich geht, dann ja, denn viele haben eine Freistellung. Ich unterrichte gerade so eine Klasse, allerdings im Distanzunterricht.

Und das funktioniert? Viele können doch gar nicht lesen, sagten Sie.

Das ist ja das Tolle. Das einzig positive an der Situation gerade ist, dass Kinder und Jugendliche, die zwar nicht lesen können auf einmal digitale Kompetenzen entwickelt haben, die sie vorher nicht hatten. So haben meine Schülerinnen und Schüler zum Beispiel gelernt, im Netz zu surfen und sich Texte vorlesen zu lassen und sie schicken mir plötzlich Sprachnachrichen.

Und wie ist es mit den Hygieneregeln oder den Selbsttests? Klappt das Ihrer Meinung nach in der Regel ganz gut oder gibt es Probleme?

Das kommt darauf an, von welcher Gruppe in der Förderschule wir sprechen. In jedem Fall lernen Kinder bei uns vor allem durch die Beziehung zur Lehrkraft. Das ist im Förderbereich noch intensiver als an anderen Schulen. Die Maske nimmt aber einen Großteil der Mimik, das ist für unsere Klientel schwierig. Zumal wir es auch mit Menschen zu tun haben, die noch nicht mal ihre Brotdose allein öffnen können, geschweige denn sich selbst eine Maske korrekt aufsetzen. Auch das Abstandhalten fällt vielen schwer. Was das Testen angeht: Da erhoffen wir uns medizinische Unterstützung, wenn die Schulen wieder öffnen dürfen.

Wir sind nun seit fast 14 Monaten im Lockdown. Wie lange verkraftet das System Förderschule die Schulschließungen noch?

Wir brauchen dringend eine Perspektive. Die einzige, die ich gerade sehe, ist das Impfen. Doch die Kinder und Jugendlichen brauchen so schnell wie möglich Entlastung, also Freizeitmöglichkeiten. Das muss ihnen gestattet werden. Ich fordere von der Politik, dass sie schnellstmöglich die Bedingungen schafft, damit die Förderschulen wieder öffnen können - und wenn das bedeutet, dass wir nochmal fünf Wochen in einen harten Lockdown müssen, um die Inzidenzwerte zu senken.


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