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Zentraler Krisendienst in Mittelfranken: Leitstelle wird ausgebaut

Auch die Coronakrise haben die Helfer zu spüren bekommen - 16.06.2020 08:25 Uhr

Für schwer Depressive ist ein Anruf beim Krisendienst oft der letzte Ausweg aus einer verzweifelten Lage. © Foto: colourbox.de


Auf Nachdruck der Basis hat die bayerische Regierung das neue Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (PsychKHG) auf den Weg gebracht. Es sieht bis 2021 den Ausbau aller Krisendienste in den bayerischen Bezirken vor. In Nürnberg ist der Prozess bereits in vollem Gange.

Die Zentrale des Krisendienstes Mittelfranken in der Hessestraße 10 ist seit Anfang des Jahres eine Leitstelle, so will es das PsychKHG. Dahinter steckt allerdings mehr als ein bloßer Begriffswechsel. So hat der Träger, der Förderverein ambulante Krisenhilfe, etwa die Öffnungszeiten erweitert: Die Mitarbeiter sind jetzt täglich von 9 bis 24 Uhr erreichbar (Rufnummer: 0911 / 42 48 55-0).


Seelsorge in Höchstadt in Zeiten von Corona


War der Dienst vor dem 1. Januar 2020 noch 60 Stunden in der Woche zu erreichen, so sind es jetzt 105 Stunden. "Wir rechneten mit einer hohen Auslastung", berichtet Ralf Bohnert, der Leiter des Krisendienstes Mittelfranken. Und die stellte sich tatsächlich ein: Alleine im vergangenen Mai zählten die Mitarbeiter rund 1200 Kontakte.

Corona verschärft die Belastungen

Zum Vergleich: Im Rahmen der alten, kürzeren Öffnungszeiten wurden pro Jahr etwa 8500 Gespräche registriert, verteilt auf etwa 3000 Menschen. Denn Klienten rufen durchaus mehrmals an. "Rechnet man den vergangenen Mai aufs Jahr hoch, dann liegen wir heuer bei über 14.000", überschlägt Bohnert. Berücksichtigen müsse man jedoch dabei auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Menschen: Wer vorher schon seelisch belastet war, ist es jetzt wahrscheinlich noch mehr. Eine Auswertung der Zahlen mit Blick auf Corona und verlässliche Aussagen dazu seien aber erst Ende des Jahres möglich.

Die Erweiterung der Öffnungszeiten zieht einen Mehrbedarf an Mitarbeitern nach sich. "Bisher hatten wir fünf Hauptamtliche auf vier Stellen verteilt, ab diesem Sommer werden wir zehn Hauptamtliche verteilt auf acht Stellen haben." Verstärkung bekommen diese von 35 nebenamtlichen Mitarbeitern (vorher: 25), die ausschließlich in Nürnberg eingesetzt werden. Denn neben der Anlaufstelle in Nürnberg planen vier Koordinatorinnen und Koordinatoren bei den Sozialpsychiatrischen Diensten in Ansbach, Neustadt-Aisch, Hersbruck und Roth die Einsätze im Umland. Hauptamtliche und Honorarkräfte kümmern sich auch dort um hilfesuchende Menschen.

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Die Nebenamtlichen arbeiten auf 450-Euro-Basis, ihren Hauptberuf haben sie in anderen sozialen Einrichtungen, etwa in Frauenhäusern oder im Jugendamt. Dieser Mehraufwand kostet Geld. Die finanziellen Mittel dafür kommen von den Bezirken und vom bayerischen Gesundheitsministerium.

Anfangs gab es die Befürchtung, dass mit der gesetzlichen Vorgabe des Aufbaus einer "Leitstelle" eine Einrichtung gemeint ist, wie sie von Rettungsleitstellen oder Polizeieinsatzzentralen bekannt ist – also ein Ort, von dem aus ausschließlich disponiert und vermittelt wird. Das hätte sich nämlich mit einer Besonderheit des Krisendienstes Mittelfranken gebissen: "Wir sind kein Callcenter, sondern ein offenes Haus. Die Menschen können zu uns in die Hessestraße ohne Termin und Wartezeiten kommen", betont der Krisendienstleiter.

Um Leben und Tod

Ruft jemand mit einer schweren Depression an, kann das bis zu 45 Minuten und länger dauern. Bei jedem achten Anrufer, so Bohnert, geht es um Suizidalität, geht es also ums Weiterleben, um ja oder nein. "Eben hatte eine Kollegin so ein Telefonat. Sie fragte den Anrufer, was er davon hielte, wenn sie sich mit ihm persönlich austausche. Am Nachmittag will er vorbeikommen."

Auffallend ist, dass die Zahl der Anrufe von Dritten steigt, Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Nachbarn, die um ein Beratungsgespräch bitten. "Die Betroffenen selbst haben nicht mehr die Kraft und den Impuls, bei uns anzurufen. Wir versuchen dann, mit demjenigen in Kontakt zu treten", sagt er.

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Das neue Gesetz sieht auch vor, eine Dachmarke für alle bayerischen Krisendienste ins Leben zu rufen. Damit verbunden ist auch eine einheitliche Telefonnummer über die der Anrufer oder die Anruferin in den richtigen Bezirk vermittelt wird. Im kommenden Herbst soll die Rufnummer freigeschaltet werden. Bohnert: "Wir werden unsere Telefonnummer trotzdem parallel behalten, über sie werden wir weiterhin erreichbar sein."

Außerdem sollen die Krisendienste im Freistaat ab 2021 alle rund um die Uhr erreichbar sein. Jetzt klafft da noch eine Zeit-Lücke von Mitternacht bis 9 Uhr. Bis heute ist einzig in München die Schließung der Nachtlücke gelungen. In den übrigen Krisendiensten arbeitet man weiter daran.

InfoDer Krisendienst Mittelfranken ist täglich von 9 bis 24 Uhr unter der Telefonnummer (0911) 42 48 55-0 zu erreichen. Beratung in russischer Sprache unter der Durchwahl -20 (Di. von 18 bis 20 Uhr, Do. von 19 bis 21 Uhr und Sa. von 17 bis 19 Uhr) und in türkischer Sprache unter der Durchwahl -60 (Mo., Mi., Fr. und So. jeweils von 20 bis 22 Uhr).

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