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Radeln statt Urlaub: Ansturm auf die Fahrradhändler

Während Zwangsschließung waren Online-Bestellungen explodiert - 08.05.2020 06:00 Uhr

Seit die Fahrradgeschäfte wieder aufsperren dürfen, können sich die meisten vor Kunden kaum retten. Teilweise muss man deshalb etwas Geduld mitbringen. © Koelnmesse, NN


Die Corona-Zeit war vor allem auch eine Lektion in Geduld. In Deutschland, wo man sonst schon bei nur einem Kunden vor dem eigenen Einkaufswagen nach einer zweiten Kasse schreit oder über den lahmen Service mault, stehen die Leute plötzlich geduldig Schlange. "Die Gelassenheit ist deutlich gestiegen", hat auch Oliver Seitz von Zentralrad in Fürth erlebt.

Zum Glück für ihn, denn auch in der Zeit der stärksten Einschränkungen durfte die Werkstatt seines Fahrradgeschäfts offen bleiben. "Das hat uns zumindest ein bisschen über die Zeit gerettet. Trotz aller Vorsicht und Unsicherheit war sogar mehr los als sonst", erzählt er. Die Folge: Die Kunden mussten Schlange stehen – nahmen das diesmal aber erstaunlich geduldig in Kauf.

"Die Leute haben uns die Bude eingerannt"

Am 28. April sperrte Seitz seinen Laden dann zum ersten Mal wieder auf. "Drei Tage lang haben uns die Leute die Bude eingerannt, das war schon krass", sagt er. Wieder bildeten sich Schlangen vor der Tür. Die Leute hatten viel nachzuholen, wollten sich bei dem schönen Wetter aufs Rad schwingen, einige von ihnen sogar komplett umsatteln von ihrer üblichen Fortbewegungsmethode. "Ich habe jetzt schon öfter gehört, dass Kunden ihren Arbeitsweg jetzt lieber mit dem Fahrrad als mit Öffentlichen oder dem Auto zurücklegen wollen. Das gab es vorher so noch nicht", berichtet Seitz.

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Trotzdem: Bis das dicke Minus in der Bilanz ausgeglichen ist, wird es noch lange dauern. Schließlich ist Ostern die absolute Hauptsaison im Fahrradgeschäft. Und trotz des guten Neustarts ist die Situation noch sehr unsicher. "Viele Menschen haben jetzt ja Kurzarbeit. Die überlegen sich natürlich gut, ob sie sich ein neues Fahrrad anschaffen. Das Geschäft läuft gut. Aber bis auf die ersten drei Tage ist da kein großer Nachholeffekt zu spüren", meint Seitz.

"Momentan läuft das Geschäft so gut wie noch niemals zuvor, teilweise verkaufen wir mehr als 20 Räder am Tag", sagt dagegen Rudolf Fenner über sein Fahrrad-Fachgeschäft in Oberferrieden. So gut sogar, dass die Mitarbeiter kaum mehr hinterherkommen. "Es gibt einen großen Nachholbedarf. Und weil viele andere Freizeitbeschäftigungen gerade nicht möglich sind und der Urlaub ausfällt, gibt es auch einen größeren Bedarf, die Freizeit mit dem Fahrrad zu verbringen", meint Fenner.

Vormontierte Räder gehen langsam aus

In der Zwangspause hat er lang aufgeschobene Arbeiten im Laden erledigt, Räder vormontiert und repariert, einige auch noch ausgeliefert. "Da war natürlich ein Loch drin im Geschäft. Aber ich mache das jetzt seit 30 Jahren, da wirft einen das nicht gleich um", betont Fenner. Langsam muss man aber auch in Oberferrieden Geduld haben. Die vormontierten Räder gehen langsam aus, für den Nachschub ist jetzt viel Montage-Aufwand nötig.

Die Hölle los ist auch im Fahrrad & E-Bike-Zentrum Schreiber in Erlangen. "In der ersten Woche hatten wir doppelt so viel Umsatz. Aber ich glaube nicht, dass das jetzt fünf Wochen so anhält und wir das Verlorene komplett nachholen können", meint Georg Schreiber.

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In der Zeit, in der die Fahrradgeschäfte geschlossen bleiben mussten, haben viele Menschen online bestellt. Doch auch dabei musste man oft Geduld haben. Als etwa von einem Tag auf den anderen die 20 Filialen des Fahrradhändlers Zweirad Stadler schließen mussten (darunter die Geschäfte in Nürnberg und Fürth), explodierten sofort die Online-Bestellungen. Plötzlich mussten die Mitarbeiter die fünffache, in manchen Bereichen sogar die zehnfache Menge abarbeiten. "Aber wir sind nicht Amazon. Wir betreiben schon lange und gut einen Online-Shop. Aber der ist natürlich nicht auf solche Bestellmengen ausgelegt", betont Geschäftsführerin Bärbel Stadler.

Monteure fuhren von Nürnberg nach Regensburg

Man bemühe sich sehr, jeden Kunden zufriedenzustellen. Leiste Wochenendarbeit und viele Überstunden. Monteure seien eigens aus Nürnberg in die Zentrale nach Regensburg gefahren, um dort auszuhelfen. Trotzdem müssen etliche Kunden länger als sonst auf die Lieferung warten.

"Die Kunden sehen natürlich nicht, wie sehr wir uns bemühen und ärgern sich dann teilweise sehr", erzählt Stadler. Manche beschweren sich auch, weil die Kunden-Hotline derzeit schwer zu erreichen ist. "Wir haben aufgestockt und mehrere Mitarbeiter, die nur den Bestellungen hinterherarbeiten. Es ist aber schwer, wenn plötzlich das 20- bis 50-fache an Anrufen kommt, das Telefonsystem ist ja noch dasselbe wie zuvor", erklärt Stadler. "Die Kunden können sich aber auch in den einzelnen Filialen über den Stand ihrer Bestellung informieren", rät Stadler.

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Seit die Filialen wieder öffnen dürfen, hat das Online-Geschäft etwas nachgelassen, beträgt aber immer noch ein Vielfaches von normalen Zeiten. "Wir bräuchten jetzt zum Beispiel viermal so viele Packstationen. Aber man kann das nicht von einem Tag auf den anderen umbauen. Außerdem brauchen wir die in normalen Zeiten dann nicht mehr", verdeutlicht Stadler.

Online-Geschäft kann Verlust nicht ausgleichen

Sie empfiehlt den Kunden, Geduld zu haben und hofft auf Verständnis. Die Bestellungen seien nicht verloren oder vergessen, das schon abgebuchte Geld ist nicht für immer verloren.

Doch auch das gute Online-Geschäft konnte fehlenden Einnahmen aus den Filialen nicht ausgleichen. Umso wichtiger für das Unternehmen, dass die Läden jetzt wieder aufsperren dürfen. "Wir sind glücklich über den großen Zuspruch momentan und hoffen, dass das noch länger so anhält. Dann kommen wir noch mit einem blauen Auge durch die Krise", meint Stadler.


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