Rehe-Schießen für den Waldumbau: Naturschützer wollen knallharte Linie

17.3.2021, 18:21 Uhr
Der Bayerische Jagdverband hält es für unklug, die Abschusszahlen für Rehwild pauschal zu erhöhen. Dadurch könne man selbst in Regionen mit wenig Rehen durch das eigene Handeln einen hohen Verbiss erzeugen - obwohl man eigentlich genau das verhindern möchte.

Der Bayerische Jagdverband hält es für unklug, die Abschusszahlen für Rehwild pauschal zu erhöhen. Dadurch könne man selbst in Regionen mit wenig Rehen durch das eigene Handeln einen hohen Verbiss erzeugen - obwohl man eigentlich genau das verhindern möchte. © Friso Gentsch/dpa

Es ist eine Premiere: Noch nie zuvor haben sich Bund Naturschutz (BN) und Bayerischer Waldbesitzerverband (WBV) auf oberster Ebene zusammengetan. Doch die Situation des bayerischen Waldes ist so ernst, dass es solche Allianzen braucht.

"Wir erleben eine Klimaveränderung, wie es sie seit der letzten Eiszeit nicht mehr gab. Die Lebensbedingungen für unsere Bäume ändern sich dramatisch. Und die Wälder können nun mal nicht vor der Erwärmung davonlaufen", verdeutlicht WBV-Präsident Josef Ziegler.


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Da vor allem Fichten und Kiefern reihenweise absterben, müsse man nun eine möglichst große Vielfalt von Baumarten schaffen. "Wir müssen das Risiko streuen, um künftigen Generationen alle Waldfunktionen erhalten zu können", betont Ziegler.

Rehe fressen Eichen und Tannen

Das Problem dabei: die großen Schalenwildbestände in vielen Regionen. Die Rehe fressen genüsslich all die jungen Eichen oder Tannen, die für den Waldumbau so dringend gebraucht werden. Ausgerechnet Kiefern und Fichten, die in vielen bayerischen Wäldern eigentlich kaum eine Zukunft haben, schmecken ihnen aber nicht.

BN und Waldbesitzer fordern deshalb einhellig "angepasste Wildbestände", sprich: eine deutliche Erhöhung der Abschusszahlen in Regionen, in denen der Verbiss an den jungen Bäumen zu groß ist.

"Der Wald muss sich dabei ohne künstliche Schutzmaßnahmen verjüngen können hin zu einem Klimaschutzwald", meint BN-Vorsitzender Richard Mergner. Anders als als früher, als man oft Flächen zur Wiederaufforstung einzäunte, seien Zäune bei einem so großflächig notwendigen Waldumbau gar nicht möglich. "Aus ökologischen Gründen ist das sowieso abzulehnen, genauso wie Plastikkappen auf jungen Bäumen", betont Mergner.

Freiherr Götz von Rotenhan, WBV-Vizepräsident, und seine Familie haben das bereits hinter sich. Nachdem in den 1990ern der Verbiss zu viel wurde, wurden in den Wäldern der Familie im unterfränkischen Landkreis Haßberge die Abschusszahlen verdreifacht. Nach etwa zehn Jahren hatte man die Rehwild-Bestände dann so weit unter Kontrolle, dass man zu den vorherigen Abschusszahlen zurückkehren konnte.


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"Heute haben wir auf großen Flächen vermischte und verjüngte Baumbestände – und da darf jetzt auch wieder mehr Wild leben", sagt von Rotenhan. "Um so weit zu kommen, braucht es aber eine mehrjährige Ruhephase mit verringerten Wildbeständen. Wir brauchen eine Regenerationsphase für die Selbstheilung des Waldes", meint von Rotenhan.

Jäger wehren sich gegen hohe Abschusszahlen

Doch um genau diese Ruhephase fürchten nun BN und WBV. Denn in Berlin steht eine Novellierung des Bundesjagdgesetzes an. Und da verhärten sich derzeit die Fronten. Viele Jäger und ihre Verbände nämlich wehren sich gegen höhere Abschusszahlen.

"Das sind Jäger, die ein Interesse an Trophäen haben. Und dafür brauchen sie einen hohen Wildbestand. Den Trophäen wird unser aller Zukunft geraubt", meint der BN-Ehrenvorsitzende Hubert Weiger. Der Wald sei der zentrale Garant für eine auch zukünftig noch sichere Trinkwasserversorgung. "Hier geht es nicht um kurzfristig motivierte Interessen der Jagd und um die Frage, wie viele Böcke wir dieses und nächstes Jahr abschießen, sondern um die Zukunft von Wäldern für Generationen", betont WBV-Präsident Josef Ziegler.

"Die These von den Trophäenjägern hält einer praktischen Überprüfung nicht stand", sagt hingegen Ernst Weidenbusch, Präsident des Bayerischen Jagdverbandes (BJV). Auf Hegeschauen könne man sehen, dass die Qualität von Trophäen nichts mit der Höhe des Abschusses zu tun habe, sondern mit der jeweiligen Lebensraumsituation.

"Auch wenige Rehe können hohen Verbiss erzeugen"

Um den Verbiss zu minimieren, müsse man klug vorgehen und sich jeweils die Situation vor Ort ansehen. "Die unqualifizierte, undifferenzierte Bejagung fördert den Verbiss, unabhängig von den Rehwildbeständen", betont Weidenbusch. Auch mit nur wenigen Rehen könne man durch unkluges Vorgehen einen gewaltigen Verbiss erzeugen.

"Wenn man das Wild ständig auftreibt, legt es sich nicht hin und erholt sich. Es verbraucht viel mehr Energie und frisst dann natürlich die jungen Bäume. Durch solches Vorgehen fördert man selbst den Verbiss", meint der BJV-Präsident. Das Prinzip der pauschal erhöhten Abschusszahlen funktioniere schon seit 20 Jahren nicht. Ohnehin bewege sich der Verbiss bei Naturverjüngung um die zehn Prozent. "Bei hochmineralisiertem Billigsaatgut sind es 80 bis 100 Prozent", verdeutlicht Weidenbusch.

Um Begriffe wie den eines "Mindestabschusses" aus dem Gesetz zu tilgen, hat sich auch das Netzwerk "Wald mit Wild" gegründet, das von Weidenbusch unterstützt wird. Es will auf den Gesetzgebungsprozess einwirken. Ursprünglich sollte das Bundesjagdgesetz Ende März im Bundestag abschließend beraten werden. Doch sicher ist dies angesichts der aktuellen Konflikte nicht.

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