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Montag, 30.11.2020

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Kontaktbeschränkungen: "Das trifft ins Herz der Gesellschaft"

Die Kontaktbeschränkungen haben nach Ansicht der Diplom-Psychologin Schweinzer gravierende Folgen. - 22.11.2020 06:00 Uhr

Oft spielen Kleinkinder und Schulkinder tatsächlich nur mit einem Freund. Aber die Freunde wechseln. Festgelegt auf genau einen besten Freund sind die wenigsten.

20.11.2020 © Foto: Uwe Anspach/dpa


In knapp einer Woche wollen die Regierungschefs der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut darüber beraten, ob weitere Kontaktbeschränkungen angeordnet werden sollen, nachdem bereits im März Kontaktverbote ausgesprochen, Kitas und Schulen dicht gemacht worden waren.

Frau Schweinzer, seit März herrscht der Corona-Ausnahmezustand. Würden Sie den Begriff "Ausnahmezustand" auch auf Ihre Arbeit übertragen?

Seit dem Beginn der Pandemie ist alles ganz anders. Die ersten Monate waren alle Familien quasi in "Schockstarre", die Anmeldezahlen gingen bei uns abrupt zurück. Sehr schnell haben wir gegengesteuert und andere Beratungswege aufgebaut, um den Zugang der Familien zu uns zu erleichtern. Wir haben festgestellt, dass Beratungen tatsächlich auch gut über Telefon oder als Videokonferenz funktionieren. Merken wir aber, dass eine Familie in einer echten Krise ist, dann suchen wir den direkten Kontakt, der gerade in so einer kritischen Situation wichtig ist.

Gibt es derzeit Corona-spezifische Auffälligkeiten. Oder sind die Fragen, mit denen Familien zu Ihnen kommen, prinzipiell doch immer die selben?

Sicher gibt es spezifische Fragen. Beispielsweise zum Homeschooling. Oder zur Doppelbelastung ,Beruf und Familie‘ bei der Arbeit im Homeoffice. Der Großteil der Fälle beschäftigt sich mit Beratungsinhalten, die es auch bereits vor Corona gab. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn das Leben von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien läuft ja ungebremst von Corona einfach weiter. Probleme, die vorher bestanden haben, bestehen weiter oder verschärfen sich sogar.

Elfriede Schweinzer (52) ist seit rund zehn Jahren Leiterin der Erziehungsberatungsstelle Roth-Schwabach. Die Diplom-Psychologin arbeitet hier zusammen mit einem zehnköpfigen Team von Fachberaterinnen und -beratern. Derzeit konzentriert sich die Beratungsarbeit auf Telefon-, Videotelefon- und E-Mail-Kontakte. Doch auch persönliche Gespräche sind natürlich weiterhin möglich.

20.11.2020 © Foto: Claudia Weinig


Wie meinen Sie das – Probleme verschärfen sich?

Bei Familien, wo das Fass an Schwierigkeiten – sei es in Erziehungsfragen oder aus sozialen oder wirtschaftlichen Gründen – schon randvoll war, bringt ,Corona‘ dieses Fass zum Überlaufen. Wenn in dem Fass aber noch Platz ist, wie bei den meisten intakten Familien, dann haben diese Familien noch Ressourcen, Probleme abzufedern.

Was meinen Sie mit "abfedern"? Wie gelingt es, dass Kinder und Jugendliche samt ihren Familien nicht an den Rand dessen kommen, was sie leisten können – was in den vergangenen Monaten ja immer wieder Thema war.

Eines mal grundsätzlich: Kinder spiegeln in den allermeisten Fällen ihre Eltern wider. Das heißt im Umkehrschluss: Wenn es Eltern gut geht, dann ist es auch wahrscheinlicher, dass Kinder und Jugendliche mit der derzeitigen Ausnahmsituation besser klar kommen.

Sie haben es vorhin selbst gesagt: Kurzarbeit, Homeschooling, Homoffice inmitten der Familie – das sind doch echte Stressfaktoren.

Das stimmt. Umso wichtiger ist es auch für Erwachsene, einen Ausgleich zu diesen negativen Erfahrungen zu finden. Also wenn ich Stress im Job habe, kann ich mich vielleicht dafür beim Radfahren austoben. Viele haben jetzt, während der Pandemie das Kochen angefangen. Warum auch nicht ?! Kurz: jeder Einzelne muss etwas für sich finden, das ihm oder ihr gut tut. Das trägt wirklich viel zur inneren Ausgeglichenheit bei. Das wiederum tut der ganzen Familie gut. Stichwort: Kinder spiegeln Eltern wider. Denn Eltern sind immer in der Vorbildrolle.

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Im März durften Kinder und Jugendliche gar keine Altersgenossen treffen, jetzt ist wieder eine strikte Kontaktbeschränkung im Gespräch. Meine Kindheit und Jugend sah da ganz anders aus. Wie sehen Sie die Situation jetzt?

Kontaktbeschränkungen treffen uns alle. Menschen sind soziale Wesen, die den Umgang und Kontakt zu anderen und vor allem auch zu Gleichgesinnten brauchen, um sich wohl zu fühlen. Insofern treffen die Kontaktbeschränkungen mitten ins Herz der Gesellschaft. Mit Auswirkungen, die man sich derzeit noch nicht genau vorstellen kann.


Nur noch einen Freund treffen? Viele Kinder werden übrig bleiben


Auch für Erwachsene, für Mütter und Väter ist es eine Herausforderung, unter den bestehenden Bedingungen psychisch gesund und ausbalanciert zu bleiben. Dazu braucht es schon ein bisschen Kreativität und ein ,In-sich-reinhören‘, wie ich vorhin ja schon ausgeführt habe. Wem das nicht gelingt, darf und sollte sich nicht scheuen, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen! Dafür gibt es viele Ansprechpartner – darunter eben auch uns, die Erziehungsberatungsstelle.

Was die Kinder angeht, ist für mich offensichtlich, dass besonders die jüngeren Kinder von Kontaktbeschränkungen in ihrer gesunden Entwicklung behindert werden können.

Wieso das?

Je jünger das Kind ist, umso weniger Ressourcen hat es bis jetzt aufgebaut, umso weniger soziale Kompetenzen bringt es mit. Der Umgang mit Gleichaltrigen ist für die Entwicklung der sozialen Kompetenz extrem wichtig. Man muss sich mal überlegen, was ein achtmonatiger Ausnahmezustand für einen Dreijährigen bedeutet. Das heißt: In einem Viertel seines Lebens läuft vieles, wenn nicht sogar alles, anders als üblich. Und ein Ende ist ja noch nicht wirklich absehbar. Teenager sollten bereits über eine sichere Grundlage verfügen. Aber auch sie brauchen den Kontakt zu Gleichaltrigen, um sich beispielsweise messen zu können; um die beginnende Abgrenzung zum eigenen Elternhaus "einüben" zu können.

Unbeschwerte und spontane Treffen mit Freunden, abseits von Hygiene- und Abstandsregeln und frei von jeder Angst, als „Superspreader“ zu gelten, sind derzeit für Jugendliche so gut wie unmöglich. Und bald sogar vielleicht wieder verboten.

20.11.2020 © Foto: Odilon Dimier/Colorbox


Ich meine, dass man bei weitem nicht absehen kann, wie sich die Pandemie und ihre Folgen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken werden.

Im Gespräch ist ja, dass sich Kinder und Jugendliche nur noch mit einem besten Freund oder einer besten Freundin treffen dürfen? Was aber, wenn Sohn oder Tochter gar keinen "besten Freund" hat. Sondern vielleicht viele verschiedene, lose Kontakte pflegt.

Im Frühjahr hatten die Schulen und Kindergärten völlig geschlossen und den Kindern war keinerlei Kontakt außerhalb ihrer Familie erlaubt. Somit ist es immerhin schon etwas, wenn die Schulen und Kindergärten geöffnet bleiben und die Politik auch den freundschaftlichen Beziehungen von Kindern ein Augenmerk widmet – was ich im Übrigen in dieser Ausnahmesituation für ganz wesentlich und wichtig halte. Damit wir nicht langfristig gesehen eine Nation einsamer Einzelgänger werden! Ob diese Art der Kontaktbeschränkung allerdings sinnvoll ist, hinterfrage ich als Psychologin schon. Und wie dies im Alltag umgesetzt werden kann, überlässt die Politik einmal mehr den Familien selbst. Die Folgeprobleme, die dadurch entstehen, werden meiner Ansicht nach nicht ausreichend mitbedacht.

Soll das Kind jetzt ein Freunde-Ranking machen, wen es am meisten gern hat? Ist es nicht für Kinder emotional ungeheuer belastend, wenn sie sich für eine beste Freundin oder einen einzigen besten Freund entscheiden müssen? Und was machen Kinder, die keinen besten Freund haben, sondern nur lose Bekanntschaften, mit denen im eigenen Viertel gespielt wird – was ja ebenfalls völlig normal ist. Da ist ein kaum lösbares Dilemma für Kinder und Familien programmiert.

Insofern wäre es wünschenswert, die Politik könnte es weiter fassen. Wie wäre es denn beispielsweise, wenn Kinder wochenweise jeweils einen Freund treffen dürften. Dann müsste es nicht gleich "der beste Freund" oder "die beste Freundin" sein. Insgesamt geht es ja nur darum, die Anzahl der Kontakte zu reduzieren und nicht darum zu bewerten, wer ist nun ein guter Freund, wer ein weniger guter.

Eltern sollten versuchen, ihre Kinder aus diesem Entscheidungsdruck herauszunehmen und eher mit ihren Kindern besprechen, wie und auf welchen Wegen sie gut zu ihren unterschiedlichen Freunden und Bekannten Kontakt halten können.

Ob sie telefonieren, chatten oder gar ein Videospieldate ausmachen wollen. In meinem Bekanntenkreis haben sich beispielsweise Dart-Freunde zusammengetan und spielen gegeneinander mittels Webcam. Das funktioniert und alle haben ihren Spaß. Es geht darum, Wege zu finden, wie Kinder trotz aller Einschränkung ihre sozialen Bedürfnisse leben können. Da sind alle gefordert. Keine Frage.

Bleiben die Singles auf der Strecke?

Bereits vor der Pandemie gab es einsame Singles. Allerdings ist es jetzt noch schwieriger für Singles, weil alle anderen Formen der Kontaktaufnahme über Hobbys, Freizeitaktivitäten, ablenkende Reisen wegfallen. Eltern, Geschwister oder Großeltern wohnen manchmal weit weg und fallen somit als soziales Netz weg. Allerdings gibt es viele kreative Wege auch über das Internet Kontakt zu anderen Menschen zu pflegen. Ob jemand auf der Strecke bleibt, entscheidet jeder Single auch ein Stück weit selber.

Manche Familien gewinnen dieser Zeit, in der mehr gemeinsam gearbeitet, aber auch unter einem Dach gelebt wird, sogar viel Gutes ab. Gibt es tatsächlich positive Entwicklungen?

Die Zeit der Pandemie ist sicher eine außergewöhnliche Zeit und eine außergewöhnliche Herausforderung für alle Familien. Allerdings können solche Zeiten auch zusammenschweißen. Im Frühjahrslockdown hat man auch sehr viele Eltern mit ihren Kindern Fahrradfahren oder Spazierengehen sehen. Da viele Aktivitäten außerhalb der Familie wegfallen, kann sich die eigentliche Familie mehr um sich selbst kümmern.

Der Alltag ist nicht mehr eingespannt zwischen ’Montag gehe ich zum Yoga, Dienstag mein Kind zum Fußball, Mittwoch der Papa zum Kumpels-Stammtisch’... Der Stress, den viele Familien sonst haben, nämlich alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, fällt weg. Die jetzigen Zeiten bieten die Chance, als Familie auch einmal zur Ruhe zu kommen, die Beziehungen untereinander zu stärken und sich nicht im Angebot unserer Freizeitgesellschaft aus den Augen zu verlieren. INTERVIEW: CLAUDIA WEINIG


Die Erziehungsberatung: Offen für alle

Die Erziehungsberatung Roth-Schwabach, Beratungsstelle für Erziehungs-, Familien und Lebensfragen, hat Büros in Roth und Schwabach und bietet darüber hinaus Außensprechstunden in Thalmässing an. Getragen wird die Stelle gemeinsam von Caritas und Diakonie. Die Beratungen – unabhängig, ob persönlich, telefonisch oder per Mail – ist immer kostenfrei und für jedermann und jederfrau, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene offen.

Ein weiterer Beratungsschwerpunkt ist die Schreibaby-Ambulanz für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern. Über die Internetadresse: roth-schwabach-efl.lagbw.net können sich Ratsuchende für einen sicheren E-Mail-Schriftverkehr registrieren.

Adressen: Erziehungsberatungsstelle Roth, Münchener Straße 33, Telefon (09171) 4000, Mail: info@eb-roth-schwabach.de; Web: www.eb-roth-schwabach.de; Erziehungsberatungsstelle Schwabach, Wittelsbacherstraße 4, Telefon (09122) 9256-500. Telefonsprechstunde: Jeden Werktag zwischen 12 und 13 Uhr steht eine Fachkraft für kurze Fragestellungen zur Verfügung.


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Claudia Weinig

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