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Suche nach dem Nazi-Gold: Hunderte Raubgrabungen in Bayern

Im Allgäu träumen viele Raubgräber von einem wertvollen Fund - 01.08.2020 13:49 Uhr

Eine Hacke und ein Spaten liegen an einem von einem Bagger abgetragenen Steilhang auf dem Falkenstein. Schatzsucher hatten dort gegraben, bis der Boden abzurutschen drohte.

© Karl-Josef Hildenbrand, dpa


An Beharrlichkeit mangelte es den Einbrechern nicht. "Die haben das Zeug auf die Seite geräumt, den Boden aufgerissen und gegraben", sagt Hubert Haf. Mehrmals brachen die Täter innerhalb weniger Wochen in seinen Stadel ein - um Nazi-Gold zu heben. "Aber da ist nur ein Steinbrocken rausgekommen", sagt Haf. "Der Stadel ist ja auch erst 1975 gebaut worden."


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Hubert Haf ist 82 Jahre alt, wohnt zeit seines Lebens in Pfronten und hat dort 30 Jahre lang ein Lebensmittelgeschäft geführt. Die Gemeinde im Ostallgäu an der Grenze zu Österreich ist ein Anziehungspunkt für Touristen, die Deutschlands höchstgelegene Burgruine auf dem Falkenstein besichtigen wollen - und für die Jäger eines vermeintlich verlorenen Schatzes. Auch 75 Jahre nach Kriegsende locken Gerüchte um Nazi-Gold Schatzsucher ins Allgäu.

Schatzsucher baggerten Steilhang ab

Haf kennt den Ort, an dem sie sich zuletzt zu schaffen machten. An einem Forstweg am Falkenstein sind noch die Spuren des Baggers zu sehen, mit dem die Täter mitten im Wald losbuddelten. An einem Steilhang trugen die Schatzsucher im Juli Boden ab - bis der Bagger abzurutschen drohte. Unverrichteter Dinge ließen die Täter das von ihnen verursachte Trümmerfeld und den Bagger zurück.

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Das sei die erste entdeckte Grabung am Falkenstein seit vielen Jahren, sagt Pfrontens Hauptamtsleiter Richard Nöß. Die Sicherung und die Räumung des Geländes dürften mehrere Tausend Euro kosten.

Das Gerücht um einen vergrabenen Nazi-Goldschatz an der Ruine auf dem Berg hält sich seit Jahrzehnten hartnäckig. Versuche, den Schatz zu finden, blieben aber bis heute erfolglos. "Die haben auch von Hand gegraben und sind meistens nur bis zur Felsplatte gekommen", sagt Haf. "Danach war dann Schluss."

SS soll den Berg 1944 abgesperrt haben

Zu den Gerüchten um den Goldschatz am Falkenstein gehört, dass die SS von Oktober 1944 bis März 1945 den Berg abgesperrt habe. Zudem gibt es Erzählungen über einen Goldtransport Anfang 1945 von München nach Kempten, dessen Spur sich danach verliert. Haf sagt, dass nach Kriegsende Grenzschützer am Berg unterwegs gewesen seien.

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Legenden über einen Goldschatz gibt es auch im Zusammenhang mit König Ludwig II., der die Burgruine Falkenstein 1883 kaufte, um an ihrer Stelle eine romantische Märchenburg im Stil von Schloss Neuschwanstein zu errichten. Nach den Erzählungen soll er bei einer Flucht mit einer Kutsche königliches Gold hinaufgebracht haben. "Konkrete Hinweise und plausible Erklärungen gibt es jedoch für die Existenz eines Schatzes nicht", sagt Hauptamtsleiter Nöß.


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Davon lassen sich die Schatzsucher aber nicht abhalten - auch nicht am Alatsee, knapp zehn Kilometer von Schloss Neuschwanstein entfernt. "Es gibt keinen See in Deutschland, über den so viele Lügen verbreitet werden", sagt der Vorsitzende des Heimatvereins Alt Füssen, Magnus Peresson. Hartnäckig hält sich zum Beispiel der Verdacht, dass dort das Gold der Familie Rothschild liegen könnte - auch weil der Alatsee von 1938 bis 1958 Sperrzone war. Erst führten die Nationalsozialisten dort Strömungsversuche durch, dann riegelten die Alliierten das Gelände nach Kriegsende ab.

Magnetfischer ließ Phosphorgranate entzünden

Gold wurde im Alatsee bisher nicht gefunden, dafür aber immer wieder Munition. "Diese tiefen Bergseen haben sich geeignet, um Waffen darin zu versenken", sagt Alexander Beck, Schriftführer des Kreisfischereivereins Füssen, der dort Fischrechte besitzt. "Sonst ist da nichts drin", betont Jürgen Geisenfelder, der als Rettungstaucher immer wieder die Tiefen des Alatsees erkundet hat.

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Dass die Schatzsuche dort gefährlich werden kann, erlebte im April ein Magnetfischer. Er zog nach Polizeiangaben eine Phosphorgranate aus dem See. Als die sich entzündete, flüchtete der Unbekannte und ließ sie am Ufer zurück. "Brandgefährlich" sei das, sagte ein Polizeisprecher. "Die Granate hätte schon beim Kontakt mit Luft auslösen können."

Bayern ist aber nicht nur wegen der Gerüchte um Nazi-Gold und König Ludwig II. ein Hotspot für Schatzsucher - sondern auch, weil sich ein Fund hier besonders lohnen kann. Im Freistaat gibt es - im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern - kein sogenanntes Schatzregal, wonach wissenschaftlich bedeutsame Funde staatliches Eigentum werden. In Bayern gehört ein Schatz zu 50 Prozent dem Entdecker - die andere Hälfte steht dem Grundstückseigentümer zu.

Eisenriegel zum Schutz vor Raubgräbern

Bei illegalen Funden werde der Eigentümer-Anteil aber regelmäßig unterschlagen, sagt eine Sprecherin des bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Doch selbst wenn ein Raubgräber wegen Unterschlagung verurteilt wird, dürfe er die ihm zustehende Hälfte des Funds behalten. Eine Gesetzesinitiative, diese Regelung zu ändern, sei vor einigen Jahren gescheitert - obwohl die Behörde jedes Jahr einige Hundert Hinweise auf Raubgrabungen erhält.

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Gegen die Schatzsucher von Pfronten ermittelt die Polizei wegen Sachbeschädigung und Verstößen gegen das Naturschutzgesetz - und macht Fortschritte. "Es steht jetzt fest, wer den Bagger gemietet hat", sagt ein Sprecher. Außerdem werde anhand von Zeugenbeschreibungen nach den Tätern gesucht.

Für die Einbrecher in Helmut Hafs Stadel endete die Schatzsuche mit der Zahlung von mehreren Tausend Euro - als Schadenersatz und für Gerichtskosten. Die Scheune auf Hafs Grundstück ist seitdem mit einem schweren Eisenriegel versperrt. "Warum die genau hier gesucht haben, weiß kein Mensch", sagt Haf. Dann lacht er und fügt an: "Aber wer weiß schon, was der Adolf alles so vergraben hat?"


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dpa

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