Bierhoffs Brandrede: Verteidigung, Corona und die EM

9.11.2020, 15:47 Uhr
Mitteilungsbedarf: DFB-Direktor Oliver Bierhoff gab an einem fußballdeutschen Montag ordentlich Auskunft. 

Mitteilungsbedarf: DFB-Direktor Oliver Bierhoff gab an einem fußballdeutschen Montag ordentlich Auskunft.  © Sven Hoppe/dpa

Joachim Löw schlenderte gerade mit seinem Rollkoffer den kurzen Weg vom Leipziger Bahnhof hinüber zum Teamhotel, da setzte Oliver Bierhoff zu einer inbrünstigen Klagerede über die schlechte Stimmung rund um die junge deutsche Fußball-Nationalmannschaft an. Mehr als 15 Minuten monierte der DFB-Direktor bei der digitalen Pressekonferenz in einem Monolog noch vor der ersten Frage eine aus seiner Sicht falsche "Tonalität" und forderte die Rückkehr zu einem "positiven Spirit" in der öffentlichen Betrachtung der DFB-Auswahl.

"Es ist eine Wolke über der Mannschaft"

Auf dem steinigen Weg zur EM 2021 verlangte Bierhoff in bislang nicht gekannter Intensität mehr Vertrauen für den noch längst nicht beendeten Umbruch nach dem WM-Desaster vor gut zwei Jahren ein. Und er verteidigte zum x-ten Male die Haltung von Bundestrainer Löw zu den Personalien Mats Hummels, Jerôme Boateng und Thomas Müller.

"Wir sind in einer herausgehobenen Position und verdienen viel Geld. Aber es sind Menschen. Es ist eine Wolke über der Mannschaft, die kämpft, die arbeitet", klagte Bierhoff am Montag in Leipzig. Der ehemalige Stürmerstar sprach von "Anspannung" und "Frust" im Team über die zuletzt mäßigen Resultate. Doch die Vorwürfe an die Generation um Serge Gnabry, Leon Goretzka oder den verletzt fehlenden Joshua Kimmich seien unverhältnismäßig. "Sie stellen sich und gehen nicht den bequemen Weg", sagte Bierhoff. "Diese Mannschaft will ein neues Bild einer Nationalmannschaft angehen", warb er.

Kimmich "brennt" mit starker Stimme

Mit Kimmich habe er nach dessen Knie-OP am Sonntag schon telefoniert. Dessen Stimme sei "stark und sehr zuversichtlich gewesen", berichtete Bierhoff. Er sprach auch von der großen Erleichterung, dass der Führungsspieler schon bei den ersten Länderspielen des EM-Jahres im März nach seiner Meniskusblessur rechtzeitig wieder zur Verfügung steht. Kimmich sei ein Musterbeispiel für den Willen der Mannschaft. "Er brennt darauf herzukommen. Er hat zwei Kinder zu Hause. Er könnte auch sagen, ich tue mir das nicht an", schilderte Bierhoff.

Vor dem Testspiel am Mittwoch (20.45 Uhr/RTL) in Leipzig gegen Tschechien und besonders mit Blick auf den Abschluss in der Nations League am Samstag gegen die Ukraine sowie drei Tage später in Spanien forderte Bierhoff nach vier Unentschieden und neun Gegentoren in den vergangenen fünf Partien aber auch eine sportliche Antwort.

Schubwirkung gegen Tschechien?

"Es geht nur über Ergebnisse auf dem Platz. Da müssen wir leisten, da müssen wir da sein auf den Punkt", forderte er. Die Mannschaft müsse in "Alarmstellung" sein. Der weiter mögliche Gruppensieg in der Nations League könne ein Signal sein: "Es wird einen Schub geben, es würde Sicherheit geben." Eines Tages werde die neuformierte Auswahl das "Vertrauen zurückzahlen", versprach Bierhoff. "Sie haben noch nicht die emotionalen Momente aufbauen können. Einsatz, Leidenschaft und Herz ist bei den Jungen da."

Auch Löw, der vor seinem Gang in die Hotel-Lobby noch freundlich mit Mund-Nasen-Schutz für die Kameras posierte, sieht zum Ende des so schwierigen Corona-Jahres noch viel Arbeit auf sich zukommen. "Wir sind auf einem guten Weg. Aber wir haben auch noch ein ganzes Stück vor uns, wenn wir dahin kommen wollen, dass wir bei der EM wieder ein ernsthafter Konkurrent für alle sind", sagte der Bundestrainer in einem Interview dem Sportbuzzer.

Bierhoff verglich die aktuelle Auswahl, in der nach der Absage von Kimmich alle außer den Ex-Weltmeistern Toni Kroos (100) und Manuel Neuer (94) noch keine 40 Länderspiele absolviert haben, mit eigenen Kindern. Man wolle ihnen im Lebenslauf jede Schwierigkeit ersparen. "Aber eigentlich musst du ihnen Schwierigkeiten wünschen, sonst können sie nicht wachsen", sprach Bierhoff metaphorisch. Dennoch sollte künftig der öffentliche Fokus darauf liegen: "Was wird erreicht - und nicht, was wird nicht erreicht."

Angesichts eines nicht absehbaren Endes der Corona-Pandemie glaubt der DFB-Direktor übrigens nicht an eine Fußball-EM mit vollen Stadien und mit den von früheren Turnieren gewohnten Abläufen. "Wie stelle ich mir die EM 2021 vor? Nicht so, wie ich sie mir wünschen würde", sagte der 52-Jährige.

Volle Stadien? "Ein paar Zuschauer"

"Man muss davon ausgehen, dass Corona uns im nächsten Jahr nicht verlassen hat", meinte Bierhoff. Er gehe von strikten Regeln für die Teams bei der EM-Endrunde aus, die wegen des Virus um ein Jahr verschoben worden war und nun am 11. Juni 2021 beginnen soll.

Einer der zwölf Spielorte soll München sein, wo auch die deutsche Mannschaft ihre drei Gruppenspiele gegen Weltmeister Frankreich, Titelverteidiger Portugal sowie Island oder Ungarn bestreiten würde. "Man wird versuchen, das mit den Mannschaften durchzuführen", glaubt Bierhoff, der pessimistisch mit Blick auf die Fans hinzufügte: "Dass es volle Stadion geben wird, bezweifle ich. Aber ich glaube, dass ein paar Zuschauer dabei sein werden."