"Fassungslos, ehrlich!" Der FCN taumelt in Richtung Abstieg

Stefan Jablonka
Stefan Jablonka

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15.6.2020, 05:55 Uhr
Machte nach der Derbyniederlage keinen Hehl aus seiner Enttäuschung: FCN-Aufsichtsratschef Thomas Grethlein.

Machte nach der Derbyniederlage keinen Hehl aus seiner Enttäuschung: FCN-Aufsichtsratschef Thomas Grethlein. © Daniel Marr/ Sportfoto Zink, Daniel Marr / Sportfoto Zink / Pool

"FCN!, FCN!" Immer wieder schallte dieses "FCN!" durch das nahezu leere Max-Morlock-Stadion. Thomas Grethlein hoffte, dem 1. FC Nürnberg auf diese Weise ein wenig Halt geben zu können. So hatte er es zuletzt auch schon gemacht, wenn sich dieser "FCN!" vor einer Geisterkulisse ohne seinen frenetisch unterstützenden Anhang daran versuchte, wichtige Punkte im Kampf gegen den Abstieg einzufahren. Grethlein war es egal, dass manche über diesen verzweifelten einstimmigen Versuch, die Nordkurve zu simulieren, die Nase rümpften und es als unprofessionell oder lächerlich abtaten. Grethlein will seine Emotionen, seine Liebe zum Club auch in seiner offiziellen Funktion als Aufsichtsratvorsitzender nicht verbergen, er will sie als Fan leben. In guten wie in schlechten Zeiten. In vollen Stadien ging dieses Gekrächze bislang unter.

Doch auch Grethleins Leidensfähigkeit sind Grenzen gesetzt, auch wenn sie die Mannschaft des FCN und ihre Trainer gerne aufs Neue ausloten, um sie noch ein wenig mehr ins Unerträgliche zu verschieben. Die Enttäuschung darüber war nach Schlusspfiff bei Grethlein zu spüren: "Unglaublich, unglaublich!", stöhnte er lauthals von der Tribüne. Er klang jetzt nicht mehr flehentlich, er klang tief enttäuscht, traurig-erregt – weshalb ihm auch noch ein desillusioniertes "Ich bin fassungslos, ehrlich!" entfuhr. Grethlein stemmte sich dabei im Oberrang mit bebenden Händen erbost auf die Brüstung vor sich und versuchte, wachrüttelnd, wenn nicht einschüchternd zu wirken.

Erfolg weder mit Canadi, noch mit Keller

Fassungslos, ehrlich! muss eigentlich jeder gerade einmal wieder sein, der es mit diesem Verein hält, ihn interessiert verfolgt oder einfach nur wohlwollend wahrnimmt. In der vergangenen Saison hatten die Fans den Bundesligaabstieg voller Verständnis und angesichts der Unterlegenheit ungewöhnlich fürsorglich begleitet. Diesmal müssen sie corona-bedingt nicht einmal mehr dabei sein, wenn aus dem vom zu Saisonbeginn neuinstallierten Sportvorstandsnovizen Robert Palikuca euphorisch proklamierten Zweijahresplan der Rückkehr nichts mehr übrig bleiben wird. Dieser konnte weder von Trainer Damir Canadi noch von dessen Nachfolger Jens Keller mit Leben erfüllt werden. Die Frage lautet plötzlich sogar: Mündet das vollmundige Vorhaben nun sogar in eine Katastrophe? Denn für den FCN geht es mal wieder einzig und alleine darum, noch rechtzeitig Boden unter den Füßen zu finden und einen Abstieg zu verhindern. Es wäre der zweite in Serie – aber auch das hat dieser FCN ja schon einmal erlebt.

Seit Samstag ist der Vorrat an Strohhalmen, an die sich im Verein seit langem geklammert wird, wieder um einen ärmer und die verbleibenden noch kürzer geworden. Ausgerechnet im Nachbarschaftsderby gegen die SpVgg Greuther Fürth holte man sich die bereits zwölfte Saisonniederlage ab und kassierte mit nun 51 Gegentoren den Liga-Höchstwert. Der FCN präsentiert sich mit insgesamt nur sieben Saisonsiegen nicht in einer Verfassung, die eine baldige Besserung erwarten ließe und ist auf den Relegationsplatz 16 abgerutscht.

Keine Frische und Schema F

Ob Trainer Jens Keller nicht gut genug erklären kann oder ob ihm die Spieler einfach nicht gut genug zuhören, ist schwer zu beurteilen. Womöglich kommt auch beides zusammen. Die Fehler wiederholen sich. Wieder schaffte es der Club nicht, eine Partie ohne Gegentor zu beenden, wieder gingen diesem individuelle Fehler voraus. Wenngleich man in Fürth zu Recht von einem formidabel herausgespielten und durch David Raum vollendeten Treffer schwärmen darf.

Eine gute Antwort auf die Frage, warum dieser Derbysieg für das Kleeblatt bis auf einen Kopfball von FCN-Angreifer Felix Lohkemper in der Nachspielzeit nicht mehr ernsthaft in Gefahr geriet, vermochten die Protagonisten nicht zu geben. Sie demonstrieren lieber eine "Wird-schon-werden-Mentalität" und wirken doch nur hilflos. Seit sieben Spielen ist der FCN ohne Sieg. Gar nichts scheint zu werden. Daran hat sich vermeintlich auch Trainer Jens Keller schon gewöhnt. Stoisch lässt er die Fragen vor und nach den Partien über sich ergehen. Die Antworten gleichen sich. Sein Handeln ebenso. Die Startaufstellung birgt kaum einmal etwas Überraschendes, selten Funktionierendes. Auffällig: Die Einwechselspieler bringen keine Frische, die Stammspieler spielen nach Schema F. Überhaupt: Welcher Spieler befindet sich auch nur annähernd in seiner Bestform? Keiner. Und die taktischen Varianten: ausgelutscht.

Ist das noch eine Mannschaft?

Gegen Fürth lautete nach einem viertelstündigen offenen Schlagabtausch mit drei guten Chancen für Nürnberg und zwei für den Gegner die Devise: Lasst sie spielen, wir setzen auf Konter. Mehr scheint das ramponierte Selbstvertrauen einer Mannschaft, die vor Saisonbeginn zum erweiterten Kreis der Aufstiegskandidaten gezählt wurde und es sich auch selbst zutraute, nicht mehr zuzulassen. Auch hier eine Frage: Ist es noch eine Mannschaft aus Spielern, die für sich durchs Feuer gehen? Oder ist es nur noch ein Konvolut an Ich-AGs?

Die Rückendeckung für den Trainer kam indes prompt. So prompt, dass sie der TV-Moderator zunächst überhört hatte. Oder konnte er es einfach nur nicht glauben? Er wiederholte sie deshalb noch einmal. Und erneut erwiderte der angesprochene und selbst längst angezählte Sportvorstand Palikuca prompt: "Ja, das bleibt so." Keller bleibt bis zum Saisonende. "Unterm Strich über dem Strich zu sein", fasste Keller seine Rest-Mission unlängst zusammen. Und dann ein Schlussstrich!

Drei Spiele bleiben dem FCN noch, um auf diese drängenden Fragen Antworten zu geben und den vorgezeichneten Sturz in die Drittklassigkeit zu verhindern. Drei Spiele, in denen Thomas Grethlein wieder und wieder dieses FCN unter größter körperlicher Anspannung aus sich herauspressen wird. Danach werden auch er und die übrigen Mitglieder des obersten Vereinsgremiums sich der Kritik stellen müssen, die sich auf die Formel reduzieren lässt: "Unglaublich, unglaublich!"

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