FCN-Keeper Mathenia: "Wir haben alle versagt"

Stefan Jablonka
Stefan Jablonka

E-Mail zur Autorenseite

25.6.2020, 06:00 Uhr
Will den Abstieg mit dem Club unbedingt verhindern: Christian Mathenia.

Will den Abstieg mit dem Club unbedingt verhindern: Christian Mathenia. © Sportfoto Zink

NZ: Herr Mathenia, mit Verlaub, Sie erleben in Ihrer Karriere nicht das erste Mal Abstiegskampf pur. Schon mal Gedanken über Ihr Karma-Konto gemacht?

Christian Mathenia: Im Moment ist sicher nicht die Phase, in der man sich über so etwas Gedanken macht. Dafür bin ich zu sehr in der aktuellen Situation drin. Für mich geht es jetzt nur darum, die Situation anzunehmen, Leistung zu bringen und den Club in der Liga zu halten.

NZ: Der Existenzkampf scheint jedoch Ihr Thema zu sein. Schon in Darmstadt und beim Hamburger SV war das so. Mit dem HSV stiegen Sie vor zwei Jahren aus der Bundesliga ab, ein Jahr später mit dem Club . . .

Mathenia: Mit Darmstadt habe ich zum Beispiel aber auch sehr gute Erfahrungen im Abstiegskampf gemacht. Das Karma hat mich also vielleicht auch zu dem Fußballprofi gemacht, der ich heute bin.

NZ: Sie sind also prädestiniert für Endspiele dieser Art. Können Sie mit diesem Erfahrungsschatz der Mannschaft helfen?

Mathenia: Ich versuche meine Erfahrungen einzubringen. Das habe ich, wenn ich ehrlich bin, auch in den letzten Wochen schon gemacht. Aber gerade vor so einem Spiel, in dem es um Alles oder Nichts geht, versuche ich schon noch einmal, verschiedene Dinge in die Mannschaft reinzubringen, von denen ich denke, dass sie hilfreich sein können.

NZ: Was konkret?

Mathenia: Das betrifft nur die Mannschaft.

NZ: In der Öffentlichkeit würde es sonst nur frühzeitig verpuffen?

Mathenia: Im Fußball muss alles gelebt werden. Es nützt nichts, etwas künstlich aufzubauschen. So eine Woche muss man sicherlich auf die emotionale Schiene bringen. Und das werde ich mit aller Macht versuchen.

NZ: Das 0:6 gegen Stuttgart dürfte nur kurz Thema in der Kabine gewesen sein, um nicht das letzte Selbstvertrauen zu zerstören, gefährden?

Mathenia: In so einer Phase nach so einem Spiel bringt es nichts, zu sehr in die Einzelheiten zu gehen. Klar können wir einige Sachen ansprechen. Aber im Großen und Ganzen sind wir uns alle bewusst, dass das gegen Stuttgart ein Spiel war, in dem wir, zu gut Deutsch, alle versagt haben. Jeder wird sich bestimmt schon selbst hinterfragt haben, was an diesem Tag gefehlt hat.

NZ: Sie sprachen im Anschluss davon, dass Sie sich schämen würden. Wie lange hat das Gefühl angehalten?

Mathenia: Bis Dienstag. Ich war richtig niedergeschlagen, weil ich nicht verstehen konnte, dass wir in dieser Situation auch noch unser bis dahin besseres Torverhältnis weggeben und überhaupt so ein schwaches Spiel abliefern können. Auf eine Antwort bin ich nicht gekommen. Aber wir haben es noch in der eigenen Hand und können es aus eigener Kraft schaffen. Der Karlsruher SC wäre sicherlich gerne in unserer Situation.

NZ: Haben Sie sich vielleicht von dem 6:0 in Wehen Wiesbaden blenden lassen?

Mathenia: Nein. Wir sind eine sehr geerdete Mannschaft. Klar war nach dem Wiesbaden-Spiel die Stimmung nach einem enorm wichtigen Sieg gelöst. Wir waren uns einen Tag danach klar, woran wir sind und dass wir noch nichts geschafft haben. Warum es gegen Stuttgart dann so gelaufen ist, ist wirklich schwierig zu sagen.

NZ: Trainer Jens Keller steht schwer in der Kritik. Trotzdem verliert er öffentlich kein böses Wort über das Team. . .

Mathenia: Sie können sich sicher sein, dass in der Kabine eine andere Sprache gesprochen wird. Mir ist das zu einfach, alles auf den Trainer zu schieben. Am Ende des Tages sind wir Spieler, diejenigen, der auf dem Platz alles geben müssen, um den Verein in der Liga zu halten.

NZ: Wie geht man nun so ein Endspiel an? Ein Remis könnte reichen, Gewissheit verschafft am Sonntag aber letztlich nur ein Sieg bei Holstein Kiel. . .

Mathenia: Unser Ziel ist es deshalb auch, dort zu gewinnen. Es bringt nichts, auf die anderen zu schauen. Wir müssen unsere Leistung auf den Platz bringen, alles, was wir gegen Stuttgart haben vermissen lassen. Und dabei müssen wir immer im Hinterkopf haben, dass wir für eine ganze Region und einen riesen Traditionsverein spielen. Da muss jeder seinen Mann stehen.

NZ: Ohne verärgerte Fans im Stadion fällt das momentan sicher leichter, oder?

Mathenia: Ich sage es echt ungern, aber in so einer Situation fällt dieser Druck bei einem vollen Stadion natürlich weg. Es gibt kein Raunen bei einem Fehlpass. Nichtsdestotrotz möchte ich mich nicht an die Gegebenheiten ohne Zuschauer gewöhnen.

NZ: Was macht Ihnen für die Partie bei Holstein Kiel denn noch Hoffnung?

Mathenia: Das Spiel gegen Wiesbaden macht mir Hoffnung, und vielleicht auch den Fans, die nicht mehr so an uns glauben. Da haben wir ein anderes Gesicht gezeigt und wir waren der Drucksituation gewachsen. Wir werden in Kiel alles geben und versuchen, den Verein in der Liga zu halten.