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Handball-EM: Eine Einschätzung zur Hauptrunde

Deutschland zittert sich in die Hauptrunde - Zwei Top-Favoriten sind schon raus - 16.01.2020 14:21 Uhr

Chance gewahrt: Deutsche Handballer können weiter von Medaille träumen. © Robert Michael, dpa


Am Montagabend atmete ganz Handball-Deutschland auf, als das Schlusssignal im Spektrum in Trondheim ertönte und den deutschen Hauptrundeneinzug besiegelte. Lange mussten das Team von Bundestrainer Christian Prokop und das schwarz-rot-goldene Fanlager zittern - trotz zwischenzeitlicher sieben Tore Führung - bis letztendlich das Minimalziel, also das Erreichen der Hauptrunde, geschafft war. Nach der Niederlage gegen Spanien (26:33) im zweiten Vorrundenspiel stand Deutschland gegen den Handball-Zwerg Lettland unter Druck. Und das nicht zu unrecht.

Meine Einschätzung: Als Gruppenzweiter einer machbaren Vorrundengruppe qualifiziert sich das Team von Christian Prokop für die Hauptrunde. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass dem DHB-Team gestandene Spieler wie Steffen Weinhold und Martin Strobel sowie aufstrebende Akteure wie Franz Semper fehlen, ein Ergebnis mit dem man leben kann. Unter Anbetracht der Tatsache, dass vor dem Turnier relativ offensiv von einer Medaille gesprochen wurde - unter anderem vom Bundestrainer gegenüber dem Fachmagazin Handball Inside: "Wir träumen von einer Medaille" - sind die Ergebnisse in der Vorrunde nicht wirklich zufriedenstellend.

Der Sieg gegen die Niederlande fiel zwar mit elf Toren Differenz relativ deutlich aus, doch ein wirklich gutes Spiel zeigte der EM-Sieger von 2016 nicht. Zwei Tage später geriet das deutsche Team gegen Spanien unter die Räder. Die sieben Tore Rückstand waren dabei noch schmeichelhaft. Die Iberer schlugen Deutschland mit erwartbaren Mitteln - unter anderem einer offensiven Abwehr, die einen deutschen Fehler nach dem anderen heraus provozierte. Gegen Lettland zeigte das DHB-Team zum Abschluss Licht und Schatten. Während Rückraum-Shooter Julius Kühn (MT Melsungen) positiv auf sich aufmerksam machte, ließen unterdessen seine Teamkollegen viel Luft nach oben - vor allem das Torhütergespann.


Handball-EM: Das muss man als Fan wissen


Auch wenn es glanzlos war, bekommen die Deutschen eine zweite Chance. In der Hauptrunde trifft das schwarz-rot-goldene Kollektiv in Wien auf Kroatien, Weißrussland, den Co-Gastgeber Österreich und Tschechien. Dabei muss sich Prokops Mannschaft deutlich steigern, um sich für das Halbfinale zu qualifizieren. Die Schlüsselspiele dürften hierbei die Begegnung gegen Kroatien und Österreich werden. Die Handballer aus der Alpenrepublik spielen nicht nur vor heimischem Publikum in der Wiener Stadthalle, sondern konnten sich auch in ihrer, wenn auch machbaren Vorrundengruppe, mit drei Siegen als Gruppenerster für die Hauptrunde qualifizieren.

Wenn das DHB-Team keinen Schritt nach vorne macht, dürfte das Ziel Medaille in weite Ferne rücken. Trainer Christian Prokop wird mit seinen Mannen jedoch nach Lösungen für die Schwächen der Vorrunde forschen und diese versuchen zu beheben. Und als Motivation kommt hinzu: Beim EM-Sieg 2016 verlor Deutschland im ganzen Turnier ein Spiel - die Vorrundenpartie gegen Spanien.

Paukenschlag: Zwei EM-Favoriten sind schon raus

Zwei der drei Top-Favoriten auf den Pokal sind bereits ausgeschieden. Lediglich Norwegen, einer der drei Gastgeber und gleichzeitiger Titelanwärter, ist voll im Soll und hat seine Vorrundengruppe souverän mit sechs Punkten gewonnen. Ein Pflichtsieg gegen Bosnien und Herzegowina, ein starker 28:26-Erfolg gegen Frankreich und ein sechs Tore Erfolg (34:28) gegen das Überraschungsteam aus Portugal spricht auch weiterhin für die Skandinavier. Im vorletzten der drei Spiele beendete das Team von Trainer Christian Berge (Norwegen) die EM-Träume von Frankreich (Weltmeister 2017). Nach dem direkten Aufeinandertreffen zwischen den beiden Titelanwärtern stand bereits am zweiten Vorrundenspieltag das Ausscheiden von Les Bleus fest. Die Franzosen verloren nämlich auch ihr Auftaktspiel gegen Portugal überraschend mit 25:28.

Nachdem Frankreich sich bereits nach zwei Spielen vorzeitig verabschiedet hat, zitterte der amtierende Weltmeister Dänemark noch ums weiterkommen. Doch noch vor der letzten Partie der Dänen besiegelte Kontrahent Ungarn mit seinem Sieg über Island das Ausscheiden der Nordländer. Dänemark konnte auch mit einem Sieg (31:28 gegen Russland) nicht mehr auf einen Platz springen, der zur Hauptrundenteilnahme berechtigt.

Die Dänen, vor dem Turnier als einer der drei Top-Favoriten gehandelt, verlor überraschend sein erstes Gruppenspiel gegen Island mit 30:31 und konnte sich am zweiten Spieltag der Vorrunde lediglich ein Unentschieden gegen Ungarn (24:24) erkämpfen.

Die Ungarn konnten durch ihren Erfolg über Island sogar noch auf den ersten Rang der Gruppe E springen und ziehen mit Island in die Hauptrunde ein.

Auch der dritte Gastgeber bei der EHF Euro 2020, Schweden, hat sich das Weiterkommen gesichert. In Gruppe F konnte sich Schweden den zweiten Platz hinter Slowenien, die verlustpunktfrei an der Spitze stehen, sichern. Freuen dürfte das auch den HC Erlangen, die unter der Woche die Verpflichtung von Simon Jeppsson (aktuell SG Flensburg-Handewitt) für den kommenden Sommer bekannt gaben. Jeppsson trägt bei der EM das gelb-blaue Trikot der Schweden.

Hauptrunde: Die spannende Phase der Handball-EM

Aber wie geht es nun weiter? In der deutschen Hauptrundengruppe, die in Wien ausgetragen wird, dürfte es vor allem spannend werden, wie das DHB-Team sich nach den glanzlosen Auftritten der Vorrunde präsentiert. Zudem sollte man mit den Österreichern rechnen, die bei ihrem Heimturnier über ihre Grenzen hinauswachsen könnten.

Mein Tipp für Hautprundengruppe I: Die zwei Halbfinalplätze dürften von einem Quartett ausgespielt werden - Österreich, Spanien, Kroatien und Deutschland. Tschechien und Weißrussland sollten in Hauptrundengruppe I eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Österreich könnte - von der Euphorie getragen - die Sensation schaffen und auch als Underdog in diesem Quartett das Halbfinal-Ticket lösen. Wenn Deutschland gegen Kroatien gewinnt, kann der Traum von der Medaille weiterleben, aber nach den Auftritten der Vorrunde lassen sich die Chancen schwer einschätzen. Dennoch würde ich sagen, ist Deutschland eines der beiden Teams mit einem Halbfinal-Ticket nach der Hauptrunde. Kroatien hat mit Domagoj Duvnjak nicht nur einen Weltklasse-Akteur in seinen Reihen. Doch ob es für die letzten Vier reicht, bleibt abzuwarten. Und dann noch Spanien. Gegen Deutschland gut eingestellt, aber im ersten Spiel gegen Lettland auch nicht mit einer überragenden Leistung. Sollten die Iberer weiterkommen, dürfte im Halbfinale Schluss sein.

Die Skandinavien-Gruppe bei der Handball-EM

In der zweiten Hauptrundengruppe sind mit Norwegen, Schweden und Island drei Nord-Mannschaften vertreten. Hinzu kommen unter anderem das Überraschungsteam aus Portugal, Ungarn und Slowenien.

Mein Tipp für Hautprundengruppe II: Der klare Favorit auf eines der beiden Halbfinal-Tickets sollte Norwegen sein - meiner Meinung nach auch die Mannschaft, die als Top-Favorit auf den Titel gilt. Dafür sprechen die Ergebnisse aus der Vorrunde und die Qualität des Kaders mit Top-Akteuren wie Sander Sagosen oder Magnus Rød. Der verbleibende Platz könnte an viele Teams gehen: Portugal - das Überraschungsteam, Island - die Handballnation aus dem hohen Norden, den Co-Gastgeber Schweden, Slowenien - den souveränen Gruppensieger, oder Ungarn, das seinen Teil zum Ausscheiden Dänemarks beigetragen hat. Wer sich das zweite Halbfinal-Ticket sichert, ist völlig offen. Erfrischend wäre aber bestimmt ein Weiterkommen von Portugal oder die Halbfinal-Qualifikation des Co-Gastgeberlandes Schweden.

Die Handball-EM ist gut für Überraschungen

Wie es ausgeht, kann man in Ergebnissportarten wie Handball dennoch nie voraussagen und das ist wohl auch das Schöne an einer solchen Veranstaltung wie der Europameisterschaft. Dass die EM für Überraschungen gut ist, hat der Turnierverlauf bisher schon bewiesen. Und sollte am Ende eine Mannschaft, mit der keiner gerechnet hat, den Titel gewinnen, wäre das zwar schade aus deutscher Sicht, aber dennoch Werbung für die Sportart Handball.

Der Artikel wurde nach Beendigung der Vorrundenspiele am 16.01.2020 um 14:25 Uhr aktualisiert.

Michi Endres Online-Redaktion

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