590 Siemens-Stellen sind weg, die Menschen aber noch da

29.1.2017, 13:03 Uhr
Zur Hauptversammlung wird Konzernchef Kaeser ihnen seine Pläne für die Digitalisierung und den Börsengang der Medizintechnik erläutern. Auch eine wichtige Personalfrage dürfte wieder auf den Tisch kommen.

© dpa Zur Hauptversammlung wird Konzernchef Kaeser ihnen seine Pläne für die Digitalisierung und den Börsengang der Medizintechnik erläutern. Auch eine wichtige Personalfrage dürfte wieder auf den Tisch kommen.

Vor Umbrüchen steht vor allem das Geschäftsfeld Prozessindustrie und Antriebe (PD). Es leidet unter Marktproblemen und Auftragsschwäche. Abbau und Verlagerung von 2000 Stellen wegen geringer Nachfrage aus der Ölindustrie waren vor knapp einem Jahr angekündigt worden – betroffen ist auch Nürnberg. Allerdings ist die konjunkturelle Entwicklung nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist der Umbau des Geschäftszweigs, der sich auch in Verlagerungen nach Osteuropa ausdrückt.

Im Werk in der Vogelweiherstraße sitzt ein Teil der Antriebstechnik, insgesamt zählt der Standort rund 3000 Beschäftigte. Der Geschäftsbereich kümmert sich um Großanlagen etwa zur Öl- und Gasförderung, um elektrische Antriebe und große Pumpen. In Nürnberg werden etwa Elektroantriebe entwickelt für große Nutzfahrzeuge im Tagebau, in denen die Kraft von 550 Golfs steckt.

Zu den Kunden der Division PD zählt vor allem die Schwerindustrie und hier insbesondere die Rohstoffbranche, die die Siemens-Antriebe beispielsweise in Kohleminen oder bei der Erdölförderung einsetzt. Aufgrund der auf breiter Front gesunkenen Preise etwa für Öl und Gas würde in diesem Markt derzeit aber kaum jemand investieren, weshalb die Siemens AG als Ausrüster nun keine andere Möglichkeit sehe, als ebenfalls zu sparen, befand der Vorstand Anfang 2016. 590 Stellen werden in Nürnbergs Südstadt abgebaut, also deutlich weniger als im März vergangenen Jahres mit 750 gestrichenen Arbeitsplätzen angekündigt waren.

Doch die 590 sind happig genug. Der im vergangenen September abgeschlossene Interessenausgleich läuft bis Ende September 2020 und die Betriebsräte setzen darauf, einen Teil der "Verabschiedungen" auf einen möglichst späten Zeitpunkt zu schieben. Für manche sind die Bedingungen gar nicht schlecht. Wer für Altersteilzeit vom Jahrgang her infrage kommt, erhält zusätzlich 35.000 Euro Abfindung. Eine schöne Sache für jemanden, der sich unbedingt einen langjährigen Traum verwirklichen will: eine Tauchschule auf den Malediven zu eröffnen.

Der Betriebsratsvorsitzende Gerald Eberwein sieht den Hauptteil des Stellenabbaus in diesem und im nächsten Jahr kommen. "Im Sommer beginnen die heftigeren Dinge." Denn nicht für jeden ließen sich Lösungen finden, die alle Seiten zufriedenstellen.

Der Abzug rückt näher

Auch die angekündigten Verlagerungen nach Osteuropa "rücken nun näher an die Lebenswelt der Menschen hier", sagt Eberwein, "die Stimmung ist nicht gut." Was genau und in welchen Schritten aus Nürnberg abgezogen wird, konkretisiere sich. "Der Chef sagt den Leuten, was er tut — und das trägt nicht zur Beruhigung bei. Im Gegenteil: Die Erschütterung ist groß, die Menschen haben Angst."

Konzernchef Joe Kaeser findet es furchtbar, dass er in den Schlagzeilen so oft vom Stellenabbau bei Siemens liest und zu selten davon, wie viele Mitarbeiter das Unternehmen neu einstellt. Gegenwärtig hat Siemens 1000 offene Stellen in Deutschland.

Die Belegschaft im Heimatland erreichte Ende September 2016 mit 113 400 Beschäftigten beinahe Vorjahresniveau (140.000 Mitarbeiter), die Inlandsbelegschaft schrumpft also nur leicht. Weltweit zählte der Konzern 351 000 Beschäftigte, 3000 mehr als vor Jahresfrist.

In den USA beschäftigt Siemens übrigens starke Belegschaften — mit Trend nach oben. Mit über 60.000 Mitarbeitern und 40 Werken sei Siemens "etablierter Bestandteil der Vereinigten Staaten", sagte Kaeser kürzlich. Mit der Übernahme des US-Softwarespezialisten Mentor Graphics erhöht sich die Zahl auf rund 70.000 Mitarbeiter, was beinahe zwei Drittel der Beschäftigtenzahl in Deutschland ausmacht.

Die Gewerkschaft fürchtet allerdings ein weiteres Schrumpfen der deutschen Mitarbeiterschaft. Bayerns IG-Metall–Chef Jürgen Wechsler wirft Kaeser glatten Wortbruch vor. Er habe bei seinem Antritt als Vorstandschef im August 2013 versprochen, dass keine neuen Restrukturierungen drohten, knöpfte sich dann aber erst den Energiesektor und später die Antriebstechnik PD vor. "Wir hatten akzeptiert, dass Siemens dessen Struktur in Europa anpasst. Dann aber hat der Vorstand Europa mit Bayern verwechselt, denn uns hat der Personalabbau in der Hauptsache getroffen", sagt Wechsler. "Dabei ist Kaeser gebürtiger Niederbayer, aber das interessiert ihn wohl nicht."

"Dem Frieden nicht trauen"

Wechsler selbst hatte im vergangenen Jahr vorgeschlagen, alle Verlagerungspläne auszusetzen, doch aus dem Moratorium wurde nichts. Mit etwas mehr Unterstützung aus der Politik hätte es klappen können, meint er. Immerhin seien sozialverträgliche Lösungen mit Abfindungen für die "überzähligen" Mitarbeiter herausgeholt worden.

Wer sollte an die Spitze des Aufsichtsrats rücken, wenn "der ewige Cromme" seinen Sessel räumt? Personen, so Wechsler, seien weniger wichtig als die Kräfteverhältnisse. "Wer bekommt die Oberhand: die Finanzmärkte oder die Befürworter eines integrierten Technologiekonzerns? Für mich ist das auf längere Sicht die entscheidende Frage." Kaeser denke wie die Finanzanalysten in Kategorien wie Aktienkurs, Profit, Margen. "Deshalb kann man dem Frieden nicht trauen."

Friedlich bis zufrieden dürften die Siemens-Aktionäre bei der Hauptversammlung auf die aktuellen Geschäftsergebnisse und den Kursverlauf des Konzerns reagieren. Zahlen und Aktienwert belegen, dass es dem Unternehmen in den meisten Sparten prächtig geht.

Spannend wird die Frage, wie die verselbstständigte Medizintechnik mit Sitz in Erlangen die Zukunft meistert. Siemens Healthineers könnte frühestens im Herbst einer der größten Börsengänge in Deutschland werden, auch wenn der Konzern nur einen Minderheitsanteil an die Börse bringen und die Mehrheit auf Dauer behalten will.

Mit der Börsennotiz soll Healthineers Zugang zum Kapitalmarkt bekommen, um seine Expansion zu finanzieren, aber auch um Übernahmen stemmen zu können. Siemens-Chef Kaeser bezeichnete den Börsengang im November als "logischen Schritt". Healthineers gilt als Marktführer bei bildgebenden Verfahren wie Computer-Tomografie (CT), will aber weiter in Wachstumssegmente vorstoßen. Dafür will der von E.on zu Siemens zurückkehrende Manager Michael Sen neue Partner suchen und Bündnisse knüpfen.

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