Pflegende Angehörige sauer: Stundenweise Entlastung soll gekürzt werden

21.4.2021, 16:42 Uhr
Für pflegende Angehörige, die etwa Menschen mit Demenz oder Behinderung zuhause betreuen, ergeben sich aus dem Eckpunktepapier zur Pflegereform Verschlechterungen.

Für pflegende Angehörige, die etwa Menschen mit Demenz oder Behinderung zuhause betreuen, ergeben sich aus dem Eckpunktepapier zur Pflegereform Verschlechterungen. © Bernd Thissen/dpa

24 Stunden, sieben Tage die Woche: Wer einen Angehörigen zuhause pflegt, ist oft rund um die Uhr gefordert. Entlastung bieten zum Beispiel Kurzzeit- und Verhinderungspflege. So stehen jedem Pflegebedürftigen bisher 1612 Euro im Jahr für die vorübergehende Unterbringung in einer stationären Pflegeeinrichtung und ebenfalls 1612 Euro für stundenweise Verhinderungspflege zur Verfügung, berichtet Barbara Lischka von der Angehörigenberatung Nürnberg. Weiterhin gilt bislang: Wenn der Betrag für die Kurzzeitpflege nicht genutzt wurde, kann die Hälfte davon, also 806 Euro, für die stundenweise Verhinderungspflege "umgewidmet" werden.

Die Mittel für Kurzzeit- und Verhinderungspflege will Gesundheitsminister Spahn nun in einen "Entlastungstopf" zu 3300 Euro zusammenlegen. Er plant, dass aus diesem Topf nur 40 Prozent für die stundenweise Entlastung im Rahmen der Verhinderungspflege genutzt werden dürfen.

Barbara Lischka hält das für keine gute Lösung: "Gerade pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz sind auf diese Stunden dringend angewiesen", sagt sie. Die Gründe sind vielfältig: Mal steht ein eigener Arzttermin oder Eingriff auf dem Terminkalender oder die Pflegenden brauchen einfach einmal eine kurze Auszeit, um selbst wieder Kraft zu schöpfen.


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Eine stationäre Kurzzeitpflege kommt für viele Betroffene dabei nicht in Frage, weiß Lischka: Die Unterbringung in ungewohnter Umgebung führe häufig zu Unruhe und einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Erkrankten. Besser eigne sich in diesen Fällen die Hilfe von Verwandten, Nachbarn und Freunden - teilweise mit Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst, so die Diplom-Sozialpädagogin. Aus ihrer Sicht wäre es sinnvoll, dass die Betroffenen das Gesamtbudget flexibel und nach ihren Bedürfnissen ausschöpfen können.

Weitere Verschlechterungen für pflegende Angehörige sieht Barbara Lischka, sollten die Vorschläge Spahns zur Tagespflege umgesetzt werden: Bisher wurde ihnen - je nach Pflegegrad - ein Pflegegeld plus ein Budget für die Tagespflege zugestanden. Künftig soll es, wenn die Angehörigen Pflegegeld beziehen oder die Hilfe eines ambulanten Pflegedienstes in Anspruch nehmen, nur noch die Hälfte des Tagespflege-Budgets geben. "Das ist eine deutliche Verschlechterung für Angehörige. Für viele Familien ist das finanziell nicht mehr leistbar", sagt die Pflege-Expertin. Schon bisher müssen sie etwa 20 Euro pro Tagespflege-Tag für Verpflegung und Investitionskosten aufbringen.


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Hintergrund der geplanten Novellierung sind einige Betreiber von betreutem Wohnen, die - um Mittel abzuschöpfen - zusätzlich Tagespflege anbieten. Oft preisen sie ihr Angebot als schönere Version einer stationären Pflegeheimunterbringung an. Tatsächlich können sie aber nicht die gleiche Rundumversorgung wie ein Heim bieten. Diese Fehlanreize im Versorgungssystem sollte man aber auf anderem Weg beseitigen, findet Barbara Lischka.

Generell gelte in der Pflege ambulant vor stationär. Mit den geplanten Neuerungen würde diese Grundidee konterkariert, so die Mitarbeiterin der Angehörigenberatung.

Auch Verbände für Menschen mit Behinderung fordern Gesundheitsminister Jens Spahn dazu auf, aus den Ansprüchen auf Kurzzeit- und Verhinderungspflege ein Budget zu bilden, das flexibel und zu 100 Prozent für die stundenweise Inanspruchnahme von Ersatzpflege in Anspruch genommen werden darf.


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Bis Ende April besteht die Möglichkeit, bei einer Online-Petition teilzunehmen, die diese Forderung unterstützt.

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