Bei über 50 Prozent fehlte der Impfstatus

Vier Wochen Blindflug: Bayerns Inzidenz-Statistik war schon lange mangelhaft

Tobi Lang
Tobi Lang

Online-Redakteur

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10.12.2021, 17:54 Uhr
Woche für Woche werden in Bayern Hunderttausende PCR-Tests gemacht. Oft fehlt bei Infizierten aber der Impfstatus. 

© Sebastian Gollnow/dpa Woche für Woche werden in Bayern Hunderttausende PCR-Tests gemacht. Oft fehlt bei Infizierten aber der Impfstatus. 

Dort, wo das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) sonst die Inzidenz von Geimpften und Ungeimpften ausweist, prangt ein rotes Ausrufezeichen. Die Fallzahlen seien zu hoch, heißt es dort, die Gesundheitsämter überlastet, die Statistik deshalb nicht mehr aussagekräftig. Damit ist vorerst Schluss mit einer Praktik, die dem Amt zuletzt massive Kritik eingebracht hatte.

Daten waren ungenau

Bis vor kurzem hatte die Behörde auf ihrer Seite Woche für Woche massive Unterschiede bei der Inzidenz von Geimpften und Ungeimpften verkündet. Ministerpräsident Markus Söder rechnete erst kürzlich vor, es gebe 16 Mal mehr Infektionen bei Menschen, die noch keinen Schutz gegen das Coronavirus erhalten haben. Auch unsere Zeitung berichtete von einem "drastischen Unterschied". Doch die Daten waren ungenau, die Statistik verzerrt. Nur: Wie lange schon?

Seit Tagen tobt die Diskussion in Bayern. Die FDP wirft der Staatsregierung vor, mit "manipulierten Zahlen" zu hantierten, forderte personelle Konsequenzen. Das LGL bestätigt, dass man für die Statistik Menschen, bei denen der Impfstatus unklar war, einfach den Ungeimpften zugerechnet hatte. In der letzten Novemberwoche wurde diese Praktik bei ganzen 70 Prozent der Fälle angewendet, ergaben etwa Recherchen der Welt. Heißt: 70 Prozent der Infizierten wurden vom LGL als ungeimpft aufgeführt, obwohl ihr Impfstatus bis dato lediglich unbekannt war.

Reagierte die Behörde zu spät?

Recherchen unserer Zeitung ergaben jetzt, dass der Wert bereits in der Kalenderwoche 45, also Anfang November, erstmalig über 50 Prozent lag. Schon damals hatte das LGL also in der Hälfte aller Fälle keine Daten zum Impfstatus - und ging deshalb einfach von Ungeimpften aus. Spätestens da, sagen Kritiker, hätte die Behörde reagieren müssen. Doch sie blieb bei der umstrittenen Methode.

Seit mindestens vier Wochen gibt das LGL diese fragwürdige Inzidenzaufschlüsselung im statistischen Blindflug heraus. Das, sagt die FDP, erschüttere das Vertrauen in die öffentlichen Gesundheitsdaten. In der Debatte um die Inzidenzaufschlüsselung sind viele Fragen noch unbeantwortet. Waren die Zahlen ungenau, verzerrt, womöglich sogar bewusst politisch inszeniert? Wenn die FDP von "manipulierten Zahlen" spricht, unterstellt das Vorsatz. Dafür gibt es keine Indizien.

Regierung portioniert Informationen in Häppchen

Zur Aufklärung trägt die Staatsregierung aber auch nicht bei. Informationen zur Inzidenzstatistik portioniert das Gesundheitsministerium allenfalls in Häppchen. Seit Tagen nennt das Ressort von Klaus Holetschek (CSU) keine konkreten Zahlen. Auch eine Nachfrage unserer Redaktion am Freitag blieb größtenteils unbeantwortet.

Stattdessen verweist das Ministerium immer wieder auf September und Oktober, die Monate, in denen die Behörde die Statistik erstmals herausgab. Damals habe sich der Impfstatus durch Nachermittlungen in 80 bis 90 Prozent der Fälle geklärt. Die Abweichungen durch die Annahme, es handle sich um Ungeimpfte, seien gering gewesen - Anfang September waren es statt 14 Ungeimpften auf einen Geimpften nach der Ermittlung des Impfstatus zum Beispiel immer noch 12,2 Ungeimpfte auf einen Geimpften.

Nur: Das hat sich inzwischen grundlegend verändert. Mittlerweile lässt sich der Impfstatus in weniger als der Hälfte der Fälle ermitteln. Das LGL begründet das mit der enormen Belastung in den Gesundheitsämtern. Viele können wegen der hohen Infektionszahlen kaum noch Kontakte flächendeckend nachverfolgen. Doch auch vor diesem Hintergrund änderte die Behörde ihre Entscheidung nicht. Warum das Ministerium mindestens vier Wochen mit ungenauen Daten weiterarbeitete, lässt Holetscheks Ressort unbeantwortet.

Holetschek: Statistik hat keine kausalen Konsequenzen

"Wir kriegen partout keine Antwort", sagt auch Matthias Fischbach, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion. Für ihn drängt sich der Verdacht auf, dass sich die Inzidenz von Geimpften und Ungeimpften deutlich weniger unterscheidet, als vom LGL über Wochen ausgewiesen. "Wir bezweifeln nicht, dass sie bei Menschen ohne Schutz gegen das Coronavirus deutlich höher liegt", sagt Fischbach. Nur wie groß die Differenz genau ist, bleibt unklar.

Gleich mehrfach betonte Gesundheitsminister Holetschek, die Aufschlüsselung von Geimpften und Ungeimpften habe keine kausalen Konsequenzen für die Maßnahmen, die in Bayern gelten. "Das Entscheidende ist, dass heute 1068 Intensivbetten belegt sind und wir eine Inzidenz von 526,4 haben, die sich dadurch nicht verändert", sagte der CSU-Politiker in einer Pressekonferenz am Montag. Die Statistik sei nur einer von vielen Parametern im Corona-Monitoring.

"Damit würde kein Statistik-Student seine Prüfung bestehen"

Bayern machte mit den Zahlen aber ganz offensichtlich auch Politik. Söder nannte die verzerrten Daten am Freitag, bevor die Vorwürfe öffentlich wurden, um damit neue Einschränkungen für Ungeimpfte wie 2G im Einzelhandel zu begründen.

Die FDP jedenfalls will den Statistik-Wirrwarr nicht als Lappalie abtun. "Wenn die Inzidenz bei Geimpften steigt, ist das ein Indikator für Impfdurchbrüche", sagt Fischbach. "Wenn man das systematisch kleinrechnet und Fehler in Kauf nimmt, ist das nicht akzeptabel." Auf Nachfrage teilt das Ministerium immerhin mit: Bis Anfang Dezember seien dem LGL exakt 91.173 Impfdurchbrüche in Bayern gemeldet worden.

"Man muss sich vor Augen führen, dass im September, als die Annahme des LGL noch nicht so stark ins Gewicht fiel, die Impfungen frisch waren", sagt Fischbach. "Jetzt kommen die ganzen Durchbrüche dazu, das blenden wir mit dieser Methode völlig aus." Hinzu kommt, dass gerade im frühen Herbst fast alle Schüler ungeimpft waren. "Sie wurden alle regelmäßig getestet, allein dadurch kamen schon verhältnismäßig viele ungeimpfte Fälle direkt in die Statistik." Neben Ungeimpften, die in Wahrheit nur Menschen mit unbekanntem Impfstatus sind, tauchen also auch einige Ungeimpfte auf, die sich gar nicht impfen lassen konnten - nämlich Kinder. Für Fischbach ist klar: "Mit solchen Methoden würde in diesem Land kein Statistik-Student seine Prüfung bestehen."

Auch Experten blicken kritisch auf die Methode des LGL. "Das ist aus statistischer Sicht natürlich grob falsch", sagt etwa Daniel Haake. "Allein für die Aussagekraft der Zahlen halte ich es für geboten, die Kategorie 'unbekannt' mit aufzuführen." Nur dann, wenn das Verhältnis zwischen geimpft und ungeimpft bei den Unbekannten annähernd gleich sei, ließen sich die Daten gut nutzen, sagt der Datenwissenschaftler. Genau das sei bei der LGL-Methode aber nicht der Fall. "Da kann es zu Verzerrungen kommen."

Statistik-Experte sieht Probleme

Das deutlich größere Problem bei der Statistik liege aber ganz woanders. "Wenn das Dunkelfeld durch vermehrte Tests bei Ungeimpften heller ausgeleuchtet ist als bei den Geimpften, erhöht auch das den Faktor", sagt Haake, der einen Abschluss in Data Science hat und für seine Arbeit vom Statistischen Bundesamt ausgezeichnet wurde. Genau das sei etwa durch 3G am Arbeitsplatz und im ÖPNV sowie regelmäßige Tests bei ungeimpften Schülern der Fall. Vereinfacht gesagt: Wo mehr getestet wird, werden auch mehr Infektionen erkannt. Was für die Bekämpfung der Pandemie vielleicht sinnvoll sein mag, führt bei der Inzidenzstatistik aber zu Verzerrungen.

Wie hoch die ausfallen, darüber kann auch Haake nur spekulieren. "Mit genaueren, auch nachträglich korrigierten Zahlen, könnte man das besser einschätzen", sagt er. "Die Zahlen sollte das LGL liefern." Bislang blieb die Behörde das aber schuldig.

Eine der Hauptfragen bleibt also unbeantwortet: Warum entschied sich das LGL überhaupt, Menschen mit unbekanntem Impfstatus als ungeimpft einzuordnen? Und: Wenn sich die Erfassung des Impfstatus im Falle einer Infektion als schwierig herausstellt - warum wird dieser nicht bereits vor der Testung erfasst, um Datenlücken zu verhindern?

Bislang schicken Labore oder Ärzte bei positiv Getesteten einen Rumpfdatensatz an die Gesundheitsämter, den diese prüfen und dann an das Robert-Koch-Institut weiterleiten. Warum nicht vor dem PCR-Test der Impfstatus ermittelt wird, lässt das Ministerium auch auf Nachfrage hin offen. Die Labore hätten "sehr häufig keinen direkten Patientenkontakt", heißt es lediglich. Die Testzentren, in denen der Abstrich gemacht wird, aber sehr wohl.

Kubicki fordert Verfassungsklage

Beendet ist der Streit um die Inzidenzaufschlüsselung deshalb noch lange nicht. Gleich sieben Anfragen zum Plenumhat die FDP im Landtag bisher gestellt. "Bis auf viele Allgemeinplätze beruft sich die Regierung aber auf die bisherige Verteidigungslinie", sagt der Abgeordnete Fischbach - nämlich, dass die Verzerrungen geringer seien, wenn Menschen mit unbekanntem Impfstatus als Ungeimpfte gezählt werden, als wenn sie schlicht als "unbekannt" in der Statistik auftauchen.

Zahlen dazu bleiben LGL und Gesundheitsministerium auch einige Tage und viele Anfragen später noch schuldig. Die FDP hat deshalb Beschwerde bei Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) eingereicht. Der Bundesvorsitzende der Liberalen, Wolfgang Kubicki, geht sogar noch weiter - und fordert eine Verfassungsklage. Gegenüber der Welt warf er der Staatsregierung "eine dreiste Missachtung des parlamentarischen Fragerechts" vor. "Söder meint offensichtlich, der Staat und die ihm vorliegenden Informationen gehörten ihm."

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