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Wut über Impfdrängler: "Das ist kriminelle Energie"

Nach Vorfällen in Awo-Heimen werden arbeitsrechtliche Konsequenzen gefordert - 12.02.2021 18:28 Uhr

Auf die schützende Injektion wollen manche nicht länger verzichten und drängeln sich vor, obwohl sie eigentlich erst viel später zu einer Impfung berichtigt wären.

05.02.2021 © Laci Perenyi / Imago images


"Das ist eine absolute Schweinerei. Wenn sich solche Vorwürfe bewahrheiten, muss das aus meiner Sicht zwingend arbeitsrechtliche Konsequenzen haben", empört sich Thomas Beyer, Landesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Bayern.


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Die Vorwürfe haben es sich in sich: In Augsburger Awo-Heimen sollen Heimleiter ihre Lebenspartner auf die Impflisten geschmuggelt haben, obwohl sie keine Mitarbeiter sind. Sie wurden geimpft, obwohl sie eigentlich noch längst nicht an der Reihe gewesen wären.

Awo-Landesvorstand fordert Aufklärung

"Dazu gehört kriminelle Energie. Und natürlich auch ein System, das solche Vorfälle ermöglicht", sagt Beyer. Obwohl er Landesvorsitzender ist, kann er nicht durchregieren. Der Awo-Bezirksverband Schwaben ist eine selbstständige Organisation, der Dachverband hingegen ist nur die politische Vertretung und hat beratende Funktion.

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Trotzdem hat sich der Landesvorstand sofort nach Bekanntwerden der Vorfälle getroffen und mehrere Beschlüsse verabschiedet. Der Bezirksverband Schwaben wird aufgefordert, den Landesverband über den Fortgang der Angelegenheit, Ergebnisse der Prüfung und gezogene Konsequenzen laufend zu unterrichten.

Die Vorfälle in Augsburg sind längst nicht die einzigen Fälle von Manipulationen bei der Impf-Reihenfolge. In mindestens neun Bundesländern sind bereits Menschen gegen das Coronavirus geimpft worden, die noch gar nicht an der Reihe waren.

Landrat und Bischof ließen sich impfen

Auch in Bayern. Sowohl der Landrat des Kreises Donau-Ries als auch der Oberbürgermeister der Kreisstadt Donauwörth haben bereits im Januar eine Impfung aus übrig gebliebenen Dosen erhalten. Beide Politiker gaben an, sich heute anders entscheiden würden.


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Auch der Augsburger Bischof Bertram Meier und sein Generalvikar Harald Heinrich haben sich impfen lassen. Die Diözese begründete dies damit, dass beide als Seelsorger in Seniorenheimen arbeiteten und damit wie Altenpfleger als Personal einzustufen wären.

"In solchen Fällen ist das natürlich Auslegungssache. Man kann es aber zumindest als instinktlos bezeichnen, wenn man sich noch vor dem Personal impfen lässt", meint Bayerns Awo-Chef Thomas Beyer.

"Eigentlich sollte es durch das System völlig ausgeschlossen sein, dass so etwas wie in Augsburg passiert", wundert sich Ulrike Goeken-Haidl von der Koordinierungsstelle Impfzentrum der Stadt Nürnberg. Vor der Impfung müsse man Personalausweis und Impfpass sowie einen ausgefüllten Impfbogen und ein unterzeichnetes Merkblatt des Robert Koch-Instituts vorlegen. Dies alles wird vor Ort von Verwaltungsfachkräften überprüft.

Alle Seniorenheime in Nürnberg durchgeimpft

In Nürnberg sind schon alle 56 Seniorenheime durchgeimpft. Nirgendwo wurden solche Auffälligkeiten wie in Augsburg bekannt. Vor den Impfungen sind schon Verwaltungsangestellte vor Ort und verschaffen sich einen Überblick. "Wenn die Liste eingereicht wird, schauen wir da auch noch drüber. Und auch die Heimaufsicht, die ja genau über Bewohner und Mitarbeiter Bescheid weiß, bekommt Durchschläge. Wir haben da den kompletten Überblick", betont Goeken-Haidl.

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Gerade in der Anfangszeit sei es zwar häufiger vorgekommen, dass zu impfende Senioren noch kurz vorher verstorben waren. Die übrig gebliebenen Impfdosen würden aber streng nach Prioritätenlisten verimpft. Vorrang hat hier vor allem medizinisches Personal, dann kommen Angehörige von Feuerwehr und Polizei. "Seelsorger haben bei uns nur die Priorität drei", sagt Goeken-Haidl in Bezug auf den Augsburger Bischof Bertram Meier.

Neben den Seniorenheimen ist man in Nürnberg auch mit der Impfung der Rettungsdienste fast durch. Vom etwa 4000 Köpfe zählenden medizinischen Personal haben bereits 37 Prozent die heiß ersehnte Injektion in den Deltamuskel erhalten.

Mit Hütchen und Täschchen zur Impfung

Bei Impfungen im Impfzentrum wird in Nürnberg streng nach Alter vorangeschritten. Angefangen hatte es mit einer 106 Jahre alten Dame. "Zuletzt hatten wir das Impfzentrum voll mit Ü90. Bis zu 500 davon an jedem Tag. Das war schon eine ganz besondere Atmosphäre", erzählt Goeken-Haidl.

Mittlerweile sei man schon bei einem Alter von Mitte 80 angelangt. "Die älteren Leute freuen sich wahnsinnig über diese Impfung. Sie machen sich extra schick mit Hütchen und Täschchen und freuen sich so darauf, Ostern endlich wieder mit ihren Liebsten verbringen zu dürfen, dass einem selbst die Tränen kommen", sagt Goeken-Haidl.

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Umso bitterer ist es deshalb, wenn sich andere einfach die Impfung erschleichen. "Das könnte man sogar als Betrug bewerten", meint Awo-Landesvorsitzender Thomas Beyer. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will Sanktionen gegen Impfdrängler prüfen. Ob das Sinn, sei im Bundestag im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens zu prüfen. Das Infektionsschutzgesetz kenne bereits Sanktionen, angefangen bei Bußgeldern.

Söder kritisiert Vordrängler und Manipulationen

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kritisierte im Landtag Vordrängler und Manipulationen. Es dürfe nicht sein, dass auf der einen Seite „sozusagen eher ein Büro komplett geimpft wird, anstatt die über 80-Jährigen, die es dringend brauchen und darauf warten“.

Das bayerische Gesundheitsministerium spricht nur von "vereinzelten" Versuchen der Manipulation und betont, dass es den Impfzentren klare Handlungsrichtlinien gibt. "Ein Missbrauch im Rahmen der Impfpriorisierung kann zu juristischen Sanktionen führen. Dies hängt allerdings von den konkreten Umständen des Einzelfalls ab", teilt ein Ministeriumssprecher mit.

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Beispielsweise liege eine strafbare Fälschung von Gesundheitszeugnissen vor, wenn jemand – ohne hierzu berechtigt zu sein – ein ärztliches Attest herstellt und dies beim Impfzentrum vorlegt, um in eine höhere Priorisierungsgruppe zu gelangen.

"Wer manipuliert, fliegt sofort"

Rolf List, Sprecher des Landkreises Nürnberger Land, betont, dass immer wieder knallhart klar gemacht werde, welche Konsequenzen Manipulationen gerade auch für Impfpersonal hätte: "Wenn jemand mal schnell ein Döschen mehr aufmacht, um seinen Spezl oder seine Familie zu impfen, dann fliegt derjenige sofort."

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