SGV Nürnberg-Fürth 1883

Ein Schlaks aus Fürth wird Bayerischer Box-Meister

19.7.2021, 13:22 Uhr
Boxtraining im Lockdown war immer nur mit angezogener Handbremse möglich für Raulo Agachi. Trotzdem wurde er Bayerischer Meister.

Boxtraining im Lockdown war immer nur mit angezogener Handbremse möglich für Raulo Agachi. Trotzdem wurde er Bayerischer Meister. © Foto: SGV Nürnberg-Fürth 1883

Groß und schlaksig ist der junge Mann, der in den Ring steigt. Rein optisch würde man eher an einen Langläufer denken, doch wenn Raulo Agachi sich Kopfschutz und Boxhandschuhe überstreift, verfliegen die Zweifel.


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Tänzelnd bewegt er sich im Ring, hält sich den Gegner vom Leib, taucht ab, um dann selbst blitzschnell zuzuschlagen. Der 15-Jährige ist Boxer mit Leib und Seele – und in seiner Altersstufe und Gewichtsklasse Bayerns Bester.

Bereits mit neun Jahren hat der Fürther mit dem Boxen begonnen, Vorbilder gab es reichlich in der Familie: "Mein Opa, mein Vater haben beide geboxt, auch mein Bruder kämpft. Boxen gehört zu uns in die Familie. Ich hab mir Videos von Mike Tyson und Muhammad Ali angeschaut und fand das sehr inspirierend."

Auch dass es eine Sportart ist, in der man selbst seine Dinge regeln muss, reizt ihn: "Ich will mich beweisen und auch mal alleine meine Grenzen austesten, auf mich gestellt sein. Dafür braucht man das Kämpfer-Gen in sich."

Trainer Smakotin ist voll des Lobes

Genau das hat er nun bei den Bayerischen Junioren-Meisterschaften in Eichstätt bewiesen. Raulo bezwang seinen Gegner in der Klasse bis 46 Kilogramm über drei Runden einstimmig nach Punkten.

Eine Leistung, die Alexander Smakotin, seinen Trainer bei der SGV Nürnberg-Fürth 1883, besonders stolz macht: "Raulo hatte einen wirklich starken Gegner, den er aber komplett beherrscht hat. Er hat jede einzelne der drei Runden gewonnen und wurde als bester Techniker ausgezeichnet."

Trainer und Sportler hatten sich dafür einen Plan zurechtgelegt, wie Smakotin erklärt: "Durch seine Größe von 1,72 Meter hat Raulo Vorteile bei der Reichweite. Wir wollten den Nahkampf verhindern, in dem sein Gegner stark ist und ihm Raulos Stärken aufzwingen. Das hat er super umgesetzt, ich war mit seiner Technik sehr zufrieden."

Eine gute Technik ist dem Box-Experten wichtig, darauf legt er Wert bei seinen Sportlern: "Wenn man viele Schläge einstecken muss, bringt es auch nicht viel, selber den Gegner häufig zu treffen. Schläge schaden immer, sowohl körperlich als auch bei der Konzentration, weil es auf den Körper geht. Es geht darum, sie zu parieren oder auszuweichen. Die Technik spielt da eine sehr große Rolle." Das einzustudieren, war alles andere als einfach.

Techniktraining statt Sparring

Zwar litten nahezu alle Sportarten unter dem Lockdown, doch das Boxen lebt vom Sparring, sich mit immer wieder anderen Gegnern zu messen, ist elementar in dieser Sportart. Wer immer gegen die selben Gegner kämpft, lernt nur wenig dazu.

Erst im Sparring kommt die Wettkampfpraxis, entdeckt man neue Bewegungen, Taktiken, Verhaltensmuster, mit denen man den eigenen Boxstil weiterentwickelt – oder man lernt, wie man in gewissen Situationen reagiert. Erst seit 16. Juni war Sparring wieder möglich. Zwar betraf das Verbot alle Athleten, doch wenn es wieder in den Ring geht, entsteht eine neue Situation, mit der jeder anders umgeht.


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Für Raulo Agachi war das nur im Halbfinale vor zwei Wochen so: "Im ersten Kampf war das wirklich ungewohnt. Wenn man seit über einem Jahr nicht mehr gekämpft hat, ist das ein komisches Gefühl." Rechtzeitig im Finale schließlich habe er sich besser gefühlt. "Ich war ein bisschen aufgeregt, aber ansonsten ruhig. Ein tolles Gefühl war, dass ich von der Familie, dem Trainer und Fans angefeuert worden bin."

"Quasi kein Gramm Fett"

Das nächste Ziel hat der Schüler schon klar vor Augen: die Deutschen Junioren-Meisterschaften im Oktober. Dann allerdings eine Gewichtsstufe weiter oben, bis 48 Kilogramm. Das hat ganz pragmatische Gründe, wie Alexander Smakotin erklärt: "Raulo ist in einer Phase, in der er auch nochmal einen Wachstumsschub bekommen kann. Dann steigt automatisch das Gewicht. Die 46 Kilo zu halten war schon schwierig, an ihm ist quasi kein Gramm Fett. Er soll sich auch wohlfühlen und darf auch mal was reinhauen."

Beim Ziel gibt es keine zwei Meinungen: Nach einem dritten Platz bei den jüngsten Meisterschaften soll nun der Meistertitel nach Fürth. Dass Raulo nicht nur ein bisschen für die Ehre kämpft, merkt man ihm an, er ist ehrgeizig: "Ich will über kurz oder lang auf großen Turnieren kämpfen. Die Europameisterschaft ist ein Ziel und langfristig ist es mein Traum, bei Olympia anzutreten."

Dafür gilt es weiter fleißig Sparring zu betreiben und Schritt für Schritt zu gehen. Vielleicht überragt der Schlaks dann alle anderen von der obersten Stufe des Podiums unter den fünf Ringen.

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