Nationalkämpfer aus Franken

Welt- und Europameister im Taekwondo: Hasim Celik hört auf

Dominik Mayer
Dominik Mayer

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25.11.2021, 14:00 Uhr
Den Dobok, seinen Taekwondo-Anzug, hat Hasim Celik abgelegt. Nun sitzt er in Poloshirt auf der Matte im Bundesstützpunkt.

Den Dobok, seinen Taekwondo-Anzug, hat Hasim Celik abgelegt. Nun sitzt er in Poloshirt auf der Matte im Bundesstützpunkt. © Foto: Dominik Mayer

Auf den ersten Blick ist nicht zu sehen, dass hier einer sitzt, der fast alles erreicht hat, was es in seiner Sportart zu erreichen gibt. In Hasim Celiks Büro im Bundesstützpunkt Taekwondo in Nürnberg regiert funktionale Sachlichkeit. Ein großer Schreibtisch, zwei Bürostühle, ein Wandschrank voll mit Aktenordnern. Einzig die beiden eingerahmten Medaillen und ein paar Pokale auf einem Beistelltisch erinnern an die großen Erfolge des Taekwondoka. Einmal Gold und zweimal Bronze bei Para-Weltmeisterschaften, einmal Gold und zweimal Silber bei Para-Europameisterschaften lautet die beeindruckende Bilanz seiner Karriere.

Nun sitzt Celik an seinem Schreibtisch und versucht zu erklären, warum er sich entschlossen hat, nicht mehr auf die Matte zurückzukehren. "Ich habe mir die Frage gestellt, wie ich mir die nächsten Jahre vorstelle und ob ich noch 100 Prozent geben kann", erklärt der 31-Jährige. Die Antwort gibt er der Öffentlichkeit am 29. Oktober über seine Social-Media-Kanäle. Es ist Schluss, nach zwölf Jahren im Nationaltrikot.

Dabei hatte das im Frühjahr noch ganz anders geklungen. "Ich gebe meinem Traum nicht auf", sagte Celik damals unserem Medienhaus. Kurz davor hatte er, geschwächt durch eine Leistenverletzung, die Qualifikation für die Paralympischen Spiele in Tokio verpasst. In drei Jahren, 2024 in Paris, hätte es erneut die Chance zu einer Olympiateilnahme gegeben. Noch einmal drei Jahre hartes Training, drei Jahre voller Entbehrungen, drei Jahre als einziger Para-Taekwondoka im Nationaltrikot, ziemlich auf sich allein gestellt – das wollte sich Celik nicht mehr antun. "Ich bin jemand, der Dinge ganz oder gar nicht macht."

Er hätte sich mehr Wertschätzung gewünscht

Bei allen Erfolgen hatte er stets auch mit Widrigkeiten zu kämpfen. Ab 2008 tritt er zunächst für die türkische Nationalmannschaft an, weil sich die Funktionäre in Deutschland nicht so richtig für Para-Taekwondo interessieren. Erst nach seinem WM-Sieg 2013 gibt man Celik, der die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, die Möglichkeit für Deutschland auf die Matte zu gehen.

Ein Einzelkämpfer ist er trotzdem immer geblieben. Viel Wertschätzung hat er von offizieller Seite selten erfahren – auch nicht vom Deutschen Behindertensportverband. "Die haben nie angerufen", sagt er. Seit 2018 ist Celik in Doppelfunktion Nationalkämpfer und Leiter des Bundesstützpunkts Taekwondo gegenüber des Nürnberger Messegeländes. Auch das hat nicht jedem gefallen. "Es gab Kritik von den Verbandspräsidenten anderer Sportarten. Die haben gefragt, wie es sein kann, dass einer den Stützpunkt leitet, der noch als Sportler aktiv ist," berichtet er.

Doch diese Nebengeräusche – das ist Celik wichtig – waren nicht der Grund für sein Karriereende. Entscheidend war die Tatsache, dass er selbst sich nicht mehr zutraut, sein Leben so konsequent dem Sport unterzuordnen wie er das in der Vergangenheit getan hat. Training an fünf Tagen die Woche, die Doppelfunktion als Stützpunktleiter und Athlet, die schlaflosen Nächte im Hotel vor einem Wettkampf – das hält einfach niemand ewig durch. Jetzt, da er sich seit ein paar Wochen offiziell im sportlichen Ruhestand befindet, trainiert er aber noch immer fast täglich, nur etwas weniger intensiv. "Es ist gut, dass ich noch hier im Stützpunkt bin, mein gewohntes Umfeld habe", sagt er. "Ganz ohne Taekwondo würde es nicht gehen. Der Sport birgt ein hohes Suchtpotenzial, das ist weit mehr als nur ein Hobby", sagt er.

Der nächste Bundestrainer?

Auf seine Laufbahn blickt der Mann mit dem rundlichen Gesicht und dem sympathischen Lächeln zufrieden zurück. Angefangen hat er als Fußballer im Trikot der TSG Pappenheim (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen). Im Alter von zwölf Jahren, inspiriert von Aktion-Star Jackie Chan, absolviert er ein Probetraining im Taekwondo beim ESV Treuchtlingen. Obwohl seine Finger nicht voll ausgebildet sind, wird er schon mit 16 bayerischer Vizemeister. Bei den Männern ohne Behinderung, wohlgemerkt. Es folgt eine internationale Karriere, die nun, im Herbst 2021 endet. Über 500 Direktnachrichten hat Celik bekommen, als er via Facebook und Instagram seinen Rücktritt verkündete. "Die allermeisten Nachrichten waren positiv, ein paar Leute waren auch ein bisschen enttäuscht, dass ich aufhöre", berichtet er.

Im nächsten Jahr will er heiraten, Stützpunktleiter wird er bleiben, sich vielleicht auch wieder etwas mehr in seiner Partei, der SPD, engagieren. Zusätzlich könnte er Para-Bundestrainer werden, eine Nationalmannschaft aus Sportlern mit Behinderung aufbauen. Ob es dazu kommt, ist noch offen.

Aber was war für Celik der schönste Moment in all den Jahren? "Viele würden vielleicht die größten Momente mit den Titeln verbinden. Aber das ist es eigentlich nicht gewesen. Eher die vielen Begegnungen mit interessanten Menschen, die mir auch gezeigt haben, dass man mit Behinderung glücklich sein kann."

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