Die "Windsor-AG": So reich sind Englands Royals

13.6.2021, 12:31 Uhr
Mit 21 Jahren gelobte sie, ihr ganzes Leben lang dem Volk zu dienen und tut es bis heute.

Mit 21 Jahren gelobte sie, ihr ganzes Leben lang dem Volk zu dienen und tut es bis heute. © Str/EPA/dpa

"Die Firma: Sex, Bruderkrieg, Tod des Patriarchen" – klingt wie der Anreißer für einen Mafia-Thriller. Doch bei dieser Firma handelt es sich um das Haus Windsor, dessen Marktwert durch eine ganze Reihe von Krisen und Skandalen angeschlagen ist. Für Hilary Mantel ist die Monarchie jetzt in der "Endphase". Die Erfolgsautorin prophezeit in ihrem Buch, dass die Institution nach dem Thronerben Prinz William nicht mehr überlebt.

Sie steht mit ihrer Meinung nicht allein. Die kleine, aber lautstarke Organisation der britischen Republikaner bekam durch eine Reihe von Skandalen und Krisen im Königshaus wieder Oberwasser. Da will die US-Staatsanwaltschaft Prinz Andrew (61) wegen dessen enger Freundschaft zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein belangen, der sich 2019 im Gefängnis das Leben nahm. Ein Epstein-Opfer hat den zweitjüngsten Sohn der Queen der Mittäterschaft beschuldigt.


Meghan und Harry packen aus: Selbstmordgedanken und royaler Rassismus


Da zerschneiden Prinz Harry, Enkel von Königin Elizabeth II., und seine Frau Meghan im vergangenen Jahr die Bande zum Königshaus und wandern nach Kalifornien aus. Und beklagen, wie schnöde sie von der königlichen Familie behandelt werden. Schließlich reißt am 9. April der Tod von Prinz Philip eine tiefe Wunde ins Leben der Königin, das sie mit ihm mehr als 70 Jahre geteilt hat. Am 10. Juni wäre er 100 Jahre alt geworden.

Die Schicksalsschläge trafen die Chefin des Königshauses, die am 21. April 95 Jahre alt wurde, nicht nur persönlich, sondern auch die mit 1200 Jahren älteste bestehende "Firma" der Welt. Historiker streiten darüber, ob der Begriff von König George VI. (1936 bis 1952) oder Prinz Philip stammt. Wie auch immer: "Die Firma" ist längst zum Synonym für die königliche Familie und die Monarchie geworden. Die "Royals" benutzen das Wort zwar eher selbstironisch, es beschreibt jedoch treffend eine Staatsform, die an politischer Macht in moderner Zeit stark abgenommen hat, aber immer noch gewaltige wirtschaftliche Stärke und enorme Bekanntheit in aller Welt genießt.

God save the Queen

"Es ist im 21. Jahrhundert einfach erstaunlich, dass eine kleine alte Frau eine der bekanntesten Persönlichkeiten auf diesem Planeten und die Chefin der wohl prestigeträchtigsten und beständigsten Marke der Welt ist", schreibt Stephen Bates in seinem Buch "Royalty Inc" (Die königliche Aktiengesellschaft). Die Queen blickt von Milliarden Banknoten, Münzen und Briefmarken und ist wohl die meistfotografierte Frau unserer Zeit. Ihr von Einhorn und Löwen flankiertes Logo ziert jeden britischen Pass, die Nationalhymne "God save the Queen" ist ihre Erkennungsmelodie.

Zum Missvergnügen überzeugter Republikaner gilt der königliche Familienbetrieb als Zentrale der parlamentarischen Demokratie Großbritanniens. Der amerikanische Philosophieprofessor Ben Burgis hält es für eine "abscheuliche Idee, dass einem Menschen nur aufgrund seiner Blutlinie eine Rolle im Staat zufällt. Man liebt die Monarchie als emotional wirksames Maskottchen für extreme Ungleichheit und Ehrerbietung." In einer TV-Debatte schnaubte der schottische Moderator Andrew Neill: "Den wohl größten Preis, den wir für die Monarchie zahlen, ist das deprimierende Signal, dass Reichtum, Macht und gesellschaftliche Stellung hier ererbt statt verdient werden."

Die Monarchie ist der Anker

Allerdings stärken alle Meinungsumfragen die "demokratische Legitimation" der Monarchie und ihrer Mitglieder. Im Durchschnitt sprechen sich mehr als zwei Drittel der Briten dafür aus, lieber Untertanen in einer konstitutionellen Monarchie als Bürger einer Republik zu sein. Der Kommunikationsexperte Zaki Cooper: "Die Familie ist eine altehrwürdige Institution, die sich im Laufe der Zeit behutsam angepasst hat."

Bei Paraden zelebriert das britische Königshaus seinen Glanz.
 

Bei Paraden zelebriert das britische Königshaus seinen Glanz.   © Daniel Deme/dpa

Die Monarchie ist der Anker für Staat und Gesellschaft Großbritanniens. Ein gekröntes Staatsoberhaupt stehe über dem politischen Tageszwist und gewährleiste Stabilität und Kontinuität. Auf dem königlichen Firmenschild steht, dass Elizabeth II. durch "Gottes Gnade und eigenes Recht" zur Chefin wurde. Dabei ist es die Gnade und Berechtigung des Parlaments, die ihr und ihren Nachfolgern den Job sichert. Der Pomp und Bombast einer Parlamentseröffnung täuschen darüber hinweg, dass die Queen sich selbst abschaffen müsste, wenn es das Parlament so beschließen würde.

Verglichen mit einem amerikanischen oder französischen Präsidenten hat die Königin keine Macht und muss sich politische Einmischung verkneifen. Die königlichen Vorrechte wurden im Lauf der Jahrhunderte fast völlig der Regierung übertragen, was einem britischen Premierminister im Vergleich zu anderen europäischen Regierungschefs viel mehr Macht gibt. Deswegen ist die Firma den jeweiligen Hausherren in Downing Street 10 in London unantastbar.

Die Verwandtschaft der Chefin düst um den Erdball, um als Teil des Familienbetriebes die Krone zu repräsentieren. Rund 3500 öffentliche Termine nehmen die Mitglieder der Firma jährlich wahr. Dass Staatspräsidenten einer Republik ihre Söhne, Schwiegertöchter oder Enkel etwa zur Eröffnung eines Industrieparks schicken, ist ebenso unvorstellbar wie mit Märchenhochzeiten und Familienzuwachs das Ansehen und die Popularität des Amtes aufzupolieren.

Im vergangenen Abrechnungsjahr füllten die britischen Steuerzahler 82,4 Millionen Pfund (rund 95 Millionen Euro) in die Kassen der Royals. Die Summe wird alle vier Jahre neu berechnet und beträgt etwa ein Viertel der Gewinne aus den königlichen Ländereien, der große Rest wird vom Finanzministerium für den Staat vereinnahmt. Der Löwenanteil aus dem vom Parlament bewilligten "Sovereign Grant" fließt in die Löhne und Gehälter der 1300 königlichen Angestellten und den Unterhalt der Gebäude. Die Hofdamen und die Damen der Bettkammer allerdings arbeiten wie der königliche "Bratenaufschneider" ehrenamtlich und damit unbezahlt.

Mit den Einkünften aus den königlichen Ländereien entschädigt die Queen die Mitglieder ihrer Führungsriege für ihren Arbeitsaufwand und die Spesen, die bei öffentlichen Verpflichtungen anfallen. Dazu steuert sie auch Beträge aus ihrem Privatvermögen bei, das sie vor allem als "Herzog von Lancaster" – der Titel ist traditionell männlich – erhält. Der persönliche Besitz der Königin wird auf 350 Millionen Euro geschätzt. Als erster Monarch in der britischen Geschichte zahlt sie dafür Steuern.

Vom Finanzamt nicht veranlagt werden jedoch die Schwäne auf der Themse und die Wale und Delphine in britischen Gewässern, die traditionell persönliches Eigentum des Staatsoberhaupts sind. Die unermesslich wertvollen Kunstsammlungen, Kronjuwelen und die Paläste hingegen sind Nationaleigentum in der Obhut der Königin – und dienen dem Glanz und Prestige der Firma.

Der Bruch Harrys und Meghans mit dem Königshaus schadet der Marke wie das Ehefiasko von Prinz Charles und Prinzessin Diana. Deren Ehe war 1996 nach 15 Jahren geschieden worden, ihre Trennung hatten sie 1992 bekannt gegeben. Am 31. August 1997 starb "Lady Di" im Alter von 36 Jahren bei einem Autounfall in Paris. Elizabeth II. schwieg tagelang in der Öffentlichkeit über den Tod der im Volk äußerst beliebten Prinzessin und bezeichnete ihn als "Privatangelegenheit" – ein Verhalten, für das sie scharf kritisiert wurde.


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Die halb-afro-amerikanische Schauspielerin Meghan Markle und der beliebte Prinz Harry, nach der Königin das populärste Mitglied der Familie, schienen mit ihrer Hochzeit am 19. Mai 2018 frischen Wind in die multikulturelle Gesellschaft des Königreichs zu blasen. Sie hinterlassen eine schmerzhafte Lücke, doch die "Buckhouse Show", wie man in den USA die britische Monarchie nennt, geht weiter. In einem Branchenverzeichnis wäre die Firma wohl in den Rubriken "Wohltätigkeit und Unterhaltung" eingetragen. Mit der Schirmherrschaft über Tausende von karitativen Organisationen und gemeinnützigen Einrichtungen ist die königliche Familie eine große Stütze der Wohlfahrt, des Sports und der Jugendarbeit.

Affären stärken den Bekanntheitsgrad

Nach Schätzung des Marktforschungsinstituts "Brand Finance" trägt die Firma zudem jährlich umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro zur Wirtschaftsleistung des Königreichs bei. Die Hauptfaktoren dabei sind Tourismus und Mode. 160 Millionen Euro beispielsweise soll der Absatz von Kleidermarken eingebracht haben, die von Kate Middleton, Ehefrau von Prinz William, getragen werden. Selbst deren demnächst sechsjährige Tochter, Prinzessin Charlotte, soll den Verkauf von Kinderkleidung, die ihrem Stil entspricht, um 105 Millionen Euro angekurbelt haben. "Ich brauche nicht immer extra vorgestellt zu werden", meinte die Königin einmal.

Affären stärken den Bekanntheitsgrad der königlichen Marke. Als 1992 zu allem Unglück auch noch ein Flügel des Schlosses Windsor abbrannte, seufzte die Königin zwar über das "annus horibilis", das "schreckliche Jahr". Abdanken jedoch war für sie nie ein Thema – selbst in der aktuell für sie schweren Zeit nach dem Tod ihres Ehemannes. Mit 21 Jahren gelobte sie, ihr ganzes Leben lang dem Volk zu dienen. Und so nahm sie jetzt kurz nach ihrem 95. Geburtstag wieder zum 57. Mal zur Eröffnung des Parlaments auf ihrem Thron Platz, während Prinz Charles eine Stufe tiefer saß.

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