Antiziganismus

Diskussion im Opernhaus: Der schwierige Umgang mit dem Z-Wort

26.11.2021, 17:26 Uhr
Wurde auch auf Antiziganismus hin untersucht: die von Peter Konwitschny in Nürnberg inszenierte Oper

Wurde auch auf Antiziganismus hin untersucht: die von Peter Konwitschny in Nürnberg inszenierte Oper "Der Troubadour". © Bettina Stoess

Als die Volksoper Wien kürzlich eine Neuinszenierung der Operette "Der Zigeunerbaron" vorbereitete, schickte sie dem "lieben Publikum" eine lange Erklärung voraus, in welchen Zusammenhängen sie den heiklen Begriff "Zigeuner" mit und in welchen ohne Anführungszeichen verwenden würde.

Unsere Sprache kann zum Käfig werden. Sie sperrt ein oder grenzt aus. Sie kann in aller Unschuld verletzen. Und man kann ihr die Unschuld nicht immer abnehmen, weil sie eine lange Geschichte hat. Ich schreibe "Zigeuner" im Folgenden mit Anführung.

Im Gluck-Saal des Nürnberger Opernhauses wurde am Sonntag meistens "Z-Wort" gesagt, wenn es um die prekären Betroffenen ging. Zusammen mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Erlangen hatte die Dramaturgie zu einem Symposium unter der Überschrift "Philoziganismus und Antiziganismus in Oper und Operette" geladen. Denn auf dem Spielplan stehen mit Bizets "Carmen" und Verdis "Der Troubadour" gerade zwei Werke, in denen "Zigeuner" eine maßgebliche Rolle spielen.

Wie damit umgehen, wenn laut Verena Lehmann vom Landesverband der Sinti und Roma in Baden-Württemberg rund eine halbe Million Menschen unter dem Nationalsozialismus mit der rassistischen Begründung ermordet wurden, sie seien "Zigeuner"?

Und wenn es im akademischen Umfeld osteuropäischer Staaten größte Selbstverständlichkeit ist, das Wort "Zigeuner" mit negativer Bedeutung zu gebrauchen? Das berichtete Frank Reuter von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

Reuter hielt einen spannenden Vortrag über die Konstruktion des "Zigeuner"-Bildes auf Bühnen und in Medien. Für seine Forschung hat er in alten Schminkbüchern geblättert. Alle schlugen den gleichen dunkelbraunen Farbton für die Maske eines "Zigeuners" vor, ähnliche Bart- und Haartrachten. Ein "Zigeuner" tritt also nicht als Individuum auf, sondern folgt einem Stereotyp.

Der Musterfall eines Stereotyps ist (oder besser: kann sein) die Figur der Carmen in Bizets Oper: verführerisch, frei in der Liebeswahl, eine Magierin (sie schlägt die Karten), zuletzt tödlich für sich selbst und den Helden.

In Prosper Mérimées Novellen-Vorlage ist das besonders deutlich. Über diese "inszenierte Alterität" referierte Kirsten von Hagen von der Justus-Liebig-Universität Heidelberg. Der Nürnberger Inszenierung durch Vera Nemirova bescheinigte sie weitgehende Klischee-Freiheit und lobte das Verschwinden des "Z-Wortes" aus den eingeblendeten Texten der Übersetzung ins Deutsche.

Verbrannte Hexe

Diese Einschätzung teilte Clemens Risi von der Erlanger Theaterwissenschaft. Intensiver ging er allerdings auf Peter Konwitschnys "Troubadour"-Regie ein. Vor allem auf die Brechung von Verdis folkloristischem Auftritts-Chor der "Zigeuner" durch die Darstellung einer brutalen Hexen-Verbrennung.

Freilich stellte Risi auch die berechtigte Frage, ob die szenische Kritik an Stereotypen nicht immer wieder in Gefahr laufen könne, das Kritisierte gerade zu bekräftigen und zu verlängern.

Wie in Wien macht man sich also auch in Nürnberg dramaturgisch viele Gedanken, wenn man zu Stoffen greift, die in diese oder jene Richtung Ärgernis erregen können. Nürnbergs Dramaturg Georg Holzer (er hat die diskutierten Produktionen betreut) berichtete tatsächlich, dass man eine geplante Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" nach ausführlichen Gesprächen mit dem Regisseur verschoben habe, weil der ironische Umgang mit dem Islam derzeit zu bedenklich erscheine.

Das ist traurig. Denn gerade im Abschluss-Gespräch wurde der Mut des Theaters gerühmt, brisante Themen anzusprechen und sein Publikum mit ungewohnten Sichtweisen zu konfrontieren. "Dazu sind wir da", sagte Holzer. Und das wünschen wir uns vom Theater, egal ob Wörter in Anführungszeichen gesetzt werden, oder nicht. Es muss (und will doch eigentlich auch) Ausrufungszeichen setzen!

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