Düsteres Stimmungsbild

Entsetzt: Veranstalter kritisieren neue bayerische Coronaregeln als De-facto-Lockdown für die Kultur

24.11.2021, 05:55 Uhr

"Abgesagt" - dieses Wort hat nun wieder Konjunktur in der Kultur- und Veranstaltungsbranche. Die neuen bayerischen Coronaregeln lassen vielen Veranstaltern keine andere Wahl. © Bernd Weißbrod, dpa

Enttäuschung und Entsetzen in der Kunst- und Kulturszene: Kaum jemand hatte dort damit gerechnet, dass die Verkündung schärferer Coronamaßnahmen in Bayern durch Ministerpräsident Söder am Freitag, 19. November, auch wieder massive Restriktionen für die Platzauslastung bei Veranstaltungen mit sich bringen würde.

Doch im sogenannten Bayern-Corona-Paket, das am Mittwoch, 24. November, in Kraft tritt, ist festgelegt, dass nur noch 25 Prozent der Plätze bei einer Veranstaltung belegt werden dürfen.

Für das Publikum gilt zudem die nochmals strengere 2Gplus-Regel. Zusätzlich zum Nachweis "geimpft" oder "genesen" braucht es dann noch einen tagesaktuellen Corona-Schnelltest, der nicht älter als 24 Stunden sein darf. Darüber hinaus gilt eine durchgängige FFP2-Maskenpflicht.

Vorerst sind diese Regelungen bis zum 15. Dezember befristet, doch Söder hat bereits angedeutet, dass eine Verlängerung der Maßnahmen zu erwarten ist, sollte sich die derzeitige Corona-Lage nicht bessern.

Das Staatstheater Nürnberg als einer der größten Kulturveranstalter der Metropolregion spielt zwar zu den neuen Bedingungen weiter, Staatsintendant Jens-Daniel Herzog spricht aber ganz offen von einem "Nackenschlag für den eben erst wieder angelaufenen Spielbetrieb".

Manche Theater in der Region blieben ab jetzt so leer wie dieses. Zum Beispiel das Fürther Stadttheater.

Manche Theater in der Region blieben ab jetzt so leer wie dieses. Zum Beispiel das Fürther Stadttheater. © imago images/ingimage

Andererseits räumt er ein: "Die Situation ist ernst, insbesondere natürlich, was die drohende Überlastung der Kliniken angeht, aber auch für die Kultur." Deshalb hofft er, dass die gegenwärtige Situation doch noch die Impfbereitschaft erhöht: "Unser aller Fokus muss nun darauf liegen, die noch viel zu große Impflücke zu schließen", appelliert Herzog. Impfen sei die derzeit einzige Chance, ein immer wiederkehrendes Herunterfahren des kompletten Kulturlebens zu verhindern. "Davon würde sich selbst das Staatstheater Nürnberg nur schwer wieder erholen."

Was die Rückgabe bzw. Rückerstattung von bereits gekauften Tickets für Veranstaltungen zwischen dem 24. November und voraussichtlich 15. Dezember betrifft, wird das Staatstheater Kartenkäuferinnen und -käufer aktiv kontaktieren und über Rückabwicklungs- und Umbuchungsmöglichkeiten informieren.

Eine drastische Konsequenz aus den neuen Vorschriften zieht das Stadttheater Fürth und stellt seinen Spielbetrieb bis zum 15. Dezember ein. Lediglich zwei kleinere Produktionen im Kulturforum Fürth werden realisiert.

Doch nicht nur die Theater, auch die Filmtheater trifft es hart. Kinobesitzer Wolfram Weber hält die neuerlichen Maßnahmen im Kinobereich für nicht angemessen und für willkürlich: "Die Gastronomie in Deutschland macht 48 Milliarden Euro Umsatz, die Kinobranche eine Milliarde. Warum wird die Gastro-Branche ausgenommen?", fragt er und denkt auch auf Anraten des Verbandes AG Kino über eine Musterklage nach.

Gespenstische Leere: Großveranstaltungen wie in der Arena Nürnberg sind ökonomisch unmöglich durchzuführen, wenn nur 25 Prozent der Publikumsplätze gefüllt werden dürfen.

Gespenstische Leere: Großveranstaltungen wie in der Arena Nürnberg sind ökonomisch unmöglich durchzuführen, wenn nur 25 Prozent der Publikumsplätze gefüllt werden dürfen. © Sportfoto Zink / Thomas Hahn

Das Cinecittà in Nürnberg und seine anderen Häuser wird Weber offenhalten und das Programm "sicher nicht reduzieren". Auch wenn er klipp und klar sagt: "Mit einer 25-prozentigen Auslastung können wir die Kosten nicht decken." Noch schlimmer als die Auslastungsgrenze sei die Testpflicht. Es sei für die Besucher schlichtweg ein logistisches Problem, an tagesaktuelle Test zu kommen. Schließen wird Weber auch deshalb nicht, weil es so mühsam war, wieder Personal aufzubauen. Das erneut zu verlieren, wolle er nicht riskieren. Außerdem seien die Mitarbeiter auf das Geld angewiesen.

Auch Norbert Gubo vom Veranstalter Nürnberg Musik, der für die nächsten Monate diverse Groß-Events in Planung hat, kritisiert die Kurzsichtigkeit der neuen Restriktionen im Kulturbereich. Die jetzt angekündigten Maßnahmen seien "wieder nicht bis zum Ende gedacht". 25 Prozent der Kapazität und 2Gplus bedeuteten eigentlich das Aus für jede Veranstaltung. Gubo ärgert sich: "Dafür haben sich disziplinierte Konzertbesucher nicht impfen lassen. Welchen Besucher sollten wir ausladen und welchen nicht? Wirtschaftlich ist diese Regelung zudem nicht darstellbar."

Ins gleiche Horn stößt Lucius A. Hemmer von den Nürnberger Symphonikern: "Dass diese Regelungen mehr oder weniger ohne Vorlauf erlassen wurden, ist maximal frustrierend und enttäuschend. Zudem stehen sie im Widerspruch zu dem Versprechen, man wolle ,keinen Lockdown für Geimpfte und Genesene’ – was diese Regelungen aber dennoch bedeuten, denn es trifft genau nur diese Gruppe!"

Alle Konzerte der Symphoniker der nächsten Wochen seien von den Regeln betroffen, je nach Auslastung müssten andere Modalitäten der Rückabwicklung gefunden werden. Beim eigentlich ausverkauften Konzert mit Viva Voce am 27. November bietet man nun sogar einen Livestream an, für die Besucher, die nicht mehr in die Meistersingerhalle können.

Auch die Kinobetreiber treffen die neuen Corona-Regeln hart.

Auch die Kinobetreiber treffen die neuen Corona-Regeln hart. © via www.imago-images.de, imago images/IPA Photo

Die permanenten Veränderungen brächten enorme Zusatzbelastungen für die Mitarbeiter mit sich, so Hemmer: "Die ständigen Neujustierungen der Regelungen für die Durchführung von Konzerten (3G, 3Gplus und 2G – jetzt 2Gplus) führen bereits seit Monaten zu einer dauerhaften Überlastung der Ticketbüros." Hemmer appelliert deshalb, stellvertretend für viele andere Veranstalter: "Das Publikum hilft besonders dann, wenn es von Nachfragen per Telefon Abstand nimmt und sich auf unserer Website über die aktuellen Neuerungen und Durchführungsregelungen informiert."

Der Erlanger Konzertveranstalter GVE sieht sich durch die neuen Corona-Regeln in eine Zeit zurückversetzt, die man für eigentlich überwunden hielt. Über die in den nächsten Wochen stattfindenden Konzerte werde man von Fall zu Fall entscheiden. Das bereits ausgebuchte Konzert am 30. November mit Igor Levit, einem der bedeutendsten Pianisten der Gegenwart, wurde bereits auf den 18. März 2022 verschoben.

Wird eine Veranstaltung komplett verschoben – in der Hoffnung, dass zum neuen Termin dann wieder die bisherigen Regeln der vollen Platzauslastung gelten und keine Rückbuchungen abgewickelt werden müssen – gibt es klare Regeln, wie auch Norbert Gubo erläutert: "Wenn das Konzert verlegt wird, behalten die Karten ihre Gültigkeit. Kann ein Kunde am Verlegungstermin nicht kommen oder will seine Karten zurückgeben, ist dies möglich. Bei einer eventuellen Absage, werden die Karten zurückerstattet."

Gerade auch, was die kleineren Veranstalter betrifft, ist der Kulturbereich in Schockstarre: Es hagelt Veranstaltungsabsagen, Häuser schließen. "Mit 25 Prozent der Zuschauer können wir nicht wirtschaftlich arbeiten. Und ich kenne keinen Kollegen, der das stemmen kann", sagt Ulrike Mendlik vom Nürnberger Burgtheater.

Kommt jetzt wieder die Zeit der Appelle und Durchhalteparolen? 

Kommt jetzt wieder die Zeit der Appelle und Durchhalteparolen?  © imago images/IPON/Stefan Boness/

Sie bestätigt damit das, was man von andern Kleinkunstbühnen in der Region hört. Das Burgtheater hatte den Spielbetrieb im eigenen Mini-Haus in der Nürnberger Altstadt aus Verantwortungsbewusstsein sowieso noch nicht wieder aufgenommen, aber Gastspiele zum Beispiel in der Nürnberger Tafelhalle organisiert.

Josef Hader, der österreichische Star-Kabarettist, sollte dort ab 30. November ein dreitägiges Gastspiel geben. Mehr als 400 Karten pro Abend gingen dafür weg. Jetzt dürften noch 100 Besucher rein. "Wie soll ich entscheiden, wen ich rausschmeiße? Und wie soll ich das innerhalb von einer Woche organisieren? Ich müsste ja alle Karten zurücknehmen und dann neu den Vorverkauf starten. Das ist nicht möglich!", sagt Mendlik. Sie betont aber auch: "Als verantwortungsvoll denkender Mensch habe ich Bauchschmerzen, wenn 400 Zuschauer in der Tafelhalle sitzen. Selbst mit FFP2-Masken. Das, was man in den Krankenhäusern sieht, sollte man zum Maßstab nehmen. Und das ist so erschütternd, dass man dazu auch unabsichtlich nichts beitragen möchte."

Was sie ärgert: "Die Politik schiebt uns die Entscheidung zu." Eine Erklärung hat sie dafür auch: "Wir vermuten, es ist der Versuch, keine Hilfen zahlen zu müssen. Nach dem Motto: Es hätten ja Veranstaltungen stattfinden können mit weniger Zuschauern."

Ein Desaster ist aus Mendliks Sicht die Kommunikation von Bund, Land, aber auch der Stadt Nürnberg mit der so arg gebeutelten Kulturbranche. Mit der 25-Prozent-Regel, sagt sie, hätte niemand gerechnet. "Das kam völlig aus heiterem Himmel." Jetzt ist abermals Reagieren, sprich Absagen und Verschieben von Terminen angesagt. Wie so oft in den vergangenen Monaten. "Wir alle sind mürbe und mit unseren Kräften am Ende!", sagt Mendlik.

Wird das Burgtheater überleben? "Das werden wir erst wissen, wenn wir irgendwie überhaupt wieder anfangen können. Je länger es dauert, desto schwieriger wird’s." Jetzt aber könne man nur mit Streichen der Veranstaltungen reagieren. "Das war sicherlich bei dieser politischen Entscheidung einkalkuliert. Damit wird das Ziel erreicht, dass die meisten Veranstaltungen abgesagt werden. Aber das ist feige. Die Politik soll bitte ehrlich sein und sagen, dass sie Kultureinrichtungen wieder schließt. Es heißt nicht Lockdown, aber es ist de facto einer."

Ruhe kann auch etwas unheimliches haben. Ob dieser Rollladen wieder mal hochgehen wird?

Ruhe kann auch etwas unheimliches haben. Ob dieser Rollladen wieder mal hochgehen wird? © Frank Rumpenhorst/dpa

Ihre Einschätzung spiegelt sich auch im Statement des Verbands Freie Darstellende Künste in Bayern wider. Dieser weist darauf hin, dass eine Beschränkung auf eine Belegung von nur 25 Prozent der Sitzplätze einer faktischen Schließung aller freien Theater- und Kulturorte gleichkommt. "Eine solche Regelung darf nicht pauschal für alle Kulturveranstaltungen unabhängig von der Raumgröße gesetzt werden", fordert der Verband. Denn: "Die Vielfältigkeit der freien Theaterszene in Bayern zeichnet sich vor allem durch kleinere Theaterhäuser und Veranstaltungsorte mit einer Platzkapazität von bis zu 100 Zuschauer*innen aus."

In den nächsten Tagen sind bei zahlreichen Veranstaltern Absagen bzw. Terminverschiebungen zu erwarten. Sollten Sie insbesondere bis einschließlich 15. Dezember eine Kulturveranstaltung besuchen wollen bzw. bereits Karten für eine solche gebucht haben, informieren Sie sich bitte direkt beim Veranstalter, ob und unter welchen Bedingungen der jeweilige Termin stattfindet.

Geimpft oder genesen plus tagesaktueller Coronaschnelltest und Maskenpflicht. Wieso muss man bei diesem Maßnahmenpaket noch die Platzkapazitäten in den Kulturbetrieben beschränken?

Geimpft oder genesen plus tagesaktueller Coronaschnelltest und Maskenpflicht. Wieso muss man bei diesem Maßnahmenpaket noch die Platzkapazitäten in den Kulturbetrieben beschränken? © Eduard Weigert