Bombennächte und die fehlende Liebe der Mutter

Der Jahrgang Sophie Scholl: Was eine 100-jährige Nürnbergerin zu erzählen hat

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

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6.10.2021, 09:59 Uhr
Herta Raab ist NN-Abonnentin der ersten Stunde und hat ein Buch über ihr bewegtes Leben geschrieben.

Herta Raab ist NN-Abonnentin der ersten Stunde und hat ein Buch über ihr bewegtes Leben geschrieben. © Hans Böller

Ihre früheste Kindheitserinnerung ist der Gesang einer Amsel. Die Amsel kam jeden Tag zur selben Zeit, immer um vier Uhr am Nachmittag, und sang auf dem Mansardentürmchen des Nachbarhauses ein Lied. Herta Raab saß dann in der Nürnberger Klaragasse im dritten Stock am Fenster und hörte zu, sie mochte den kleinen Vogel. Das ist sehr, sehr lange her. Wenn Herta Raab aus ihrem Leben erzählt, werden Bilder lebendig, Bilder, die es nicht mehr gibt. Die Schwarzweißfotos aus der Kindheit sind verbrannt, in einer fürchterlichen Bombennacht.

Cornelie Stühlein, ihre Tochter, zeigt ein schönes Farbfoto, darauf zu sehen ist ihre Mutter, wie sie die Nürnberger Nachrichten liest, es ist die Ausgabe zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl. "Eine großartige Frau" nennt Herta Raab die Widerstandskämpferin, und es dauert einen Moment, bis man sich das vergegenwärtigt hat: Herta Raab und die von den Nazis ermordete Sophie Scholl sind im selben Jahr geboren. "Manchmal", sagt Herta Raab und lächelt, "komme ich mir fast unwirklich vor." Am 6. Oktober 2021 wird sie 100 Jahre alt.

Sekretärin bei den Nürnberger Prozessen

Die Nürnberger Nachrichten liest sie seit der allerersten Ausgabe, seit 76 Jahren ist sie Abonnentin. Sie sah die ersten Reporter im Nürnberger Justizpalast bei der Arbeit, sie sah dort Albert Speer, Hitlers Architekten und Rüstungsminister, "und die Frau Göring mit der kleinen Edda", Emmy Göring, die Frau des Reichsmarschalls mit der Tochter. "Die Kinder", sagt sie, "konnten ja nichts dafür." Das war 1945, Herta Raab war Sekretärin bei den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher, dafür hatte sie Englisch gelernt – so gut, dass sie bis heute englische Romane liest.

Die eigenen Kinderfotos sind 1945 verbrannt, zwei Bilder gibt es noch: Herta Raab als kleines Mädchen und mit ihrer jüngeren Schwester.

Die eigenen Kinderfotos sind 1945 verbrannt, zwei Bilder gibt es noch: Herta Raab als kleines Mädchen und mit ihrer jüngeren Schwester. © privat/Herta Raab

Im Sprachkurs lernte sie den vier Jahre jüngeren Alfred kennen, ihren späteren Mann, der Lehrer wurde, Studiendirektor – und Journalist, Alfred Raab schrieb über Jahrzehnte für den Kulturteil der Nürnberger Nachrichten. Im Schlafzimmer ihrer Wohnung hängt ein Foto, es zeigt Alfred Raab mit der geliebten Zeitung. 60 Jahre lang waren sie verheiratet, 2012 starb Alfred Raab nach einem fürchterlichen Sturz auf der Treppe daheim am Bierweg in Nürnberg – Herta Raab zog nach Wilhermsdorf im Landkreis Fürth, wo ihre Tochter gleich gegenüber wohnt.

Die pensionierte Lehrerin Cornelie Stühlein, geboren 1952, hat viel gelesen über die Kriegskinder und die Kriegsenkel, über die Traumata der nachfolgenden Generationen. Aber, sagt sie, "ich spürte nie ein Trauma, ich hatte keines", das, findet Cornelie Stühlein, verdanke sie wohl auch der Fürsorge und der Energie ihrer Mutter, "ihrer starken Persönlichkeit". Und eigentlich, überlegt sie, sei das ja erstaunlich, wenn man auf dieses lange Leben blickt.

Herta Raab als junge Frau, mit ihrem Mann Alfred.

Herta Raab als junge Frau, mit ihrem Mann Alfred. © privat/Herta Raab

Wunderschöne Kindheit

Schon der Erste Weltkrieg prägte das Leben von Herta Raab, obwohl es noch gar nicht begonnen hatte. Ihre Eltern hatten sich wie viele Paare verlobt, als der Krieg 1914 begann. Als Otto Arnold nach zwei Jahren Gefangenschaft 1920 zurückkam, war die Liebe erloschen, Margarethe Engelhardt heiratete ihn nur widerwillig, auf Druck ihrer eigenen Eltern. "Sie hat ihn nicht geliebt", sagt Herta Raab, "und ich habe als Kind gespürt, dass sie mich auch nicht liebte."

Die Frau, die Handarbeiten verrichtete, während die kleine Tochter der Amsel zuhörte, hatte das Lieben verlernt, "und ich habe früh gewusst, dass ich auch auf mich allein gestellt sein würde", sagt Herta Raab – es ist die Antwort auf die Frage, ob das nicht ein furchtbares Gefühl gewesen sein muss für sie und ihre jüngere Schwester. Sie versuchte immer, ihre Mutter zu verstehen, "die ihr Leben lang Angst vor der eigenen strengen Mutter hatte". "Und es war", sagt sie, "eine wunderschöne Kindheit, wie für viele Menschen vielleicht die schönste Zeit im Leben."

"Zu neunzig Prozent mit Buben" habe sie gespielt in der Maxfeldstraße, dem neuen Zuhause, das sich die Familie leisten konnte, weil der Vater als Buchhalter beim Finanzamt gut verdiente. Sie lernte, brav zu sein, "wie sich das für ein Mädchen gehörte", aber sie kam auch mit dreckigen Strümpfen nach Hause. "Dann habe ich eine Ohrfeige akzeptiert", erzählt Herta Raab und lächelt.

"Die Buben", sagt sie, "haben mich akzeptiert." Otto Arnold förderte die Liebe der Tochter zur Musik. Sie lernte das Klavierspielen, im Alter von fünf Jahren hörte sie Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" im damals noch neuen Opernhaus, sie war zehn, als sie dort Wagner hörte, "Rienzi" – "ich war so begeistert, ich hätte noch stundenlang sitzenbleiben können", sagt Herta Raab.

Buch über ihr Leben

Zwei Jahre später wehten die Hakenkreuzfahnen in Nürnberg, ihr besorgter Vater hatte "Mein Kampf" gelesen und bat die Tochter, es auch zu tun. "Abgeschreckt", sagt sie, habe sie die Lektüre. Die Gestapo kam in die Maxfeldstraße, weil die Familie den freundschaftlichen Kontakt zu Ludwig und Lissy Bergen, den Nachbarn, nicht abbrach. Ludwig Bergen war Jude, er war es, der Otto Arnold den Rat gab, der NSDAP beizutreten, zur eigenen Sicherheit. Dass Bergen, als einer von wohl nur 38 jüdischen Bürgern Nürnbergs, den Terror überlebte, kam einem Wunder gleich. "Wir ahnten früh, was kommen würde", sagt Herta Raab.

Am 2. Januar 1945 lag auch das Haus in der Maxfeldstraße in Schutt und Asche, als "ein einziges großes Feuer" hat sie den Luftangriff in Erinnerung. Herta Raab war 23 Jahre alt und konnte sich "nicht vorstellen, dass es je weitergehen würde". Zu überleben, sagt sie, das war der einzige verbliebene Wunsch. Vor vier Jahren hat sie, gemeinsam mit ihrer Tochter, ihr Leben aufgeschrieben, das Buch, gedruckt für Freunde und Verwandte, hat 210 Seiten und erzählt davon, wie es Menschen gelingen konnte, die Hölle zu überleben.

Es ist auch die Geschichte eines guten Menschen, die von Wilhelm Krull, der Blumenhändler in der Maxfeldstraße war, ein "großer kleiner Mann, voller Herzensgüte und Wärme". Wilhelm Krull, Herta Raabs Onkel, übernahm 14 Patenschaften für Kinder, die ihre Väter im Ersten Weltkrieg verloren hatten, er war der Halt der Familie, er gab dem Mädchen, was die Mutter nicht geben konnte – eine bedingungslose Liebe, die Herta Raab, wie ihre Tochter sagt, für ihr Leben prägte.

Die Tränen des Onkels

In einem Waisenhaus oder Kinderheim hätte sie gerne gearbeitet, die Eltern wollten, dass Herta Raab die Handelsschule absolviert. Als Sekretärin und Buchhalterin trug sie nach dem Krieg zunächst die Verantwortung für die junge Familie, später, als ihr Mann seine Schullaufbahn begann, hat sie sich "mit dem riesengroßen Herz des Onkels", wie ihre Tochter sagt, um zwei Pflegekinder gekümmert und ehrenamtlich in der Altenpflege engagiert. Für die beiden Enkel war sie später oft eine Vollzeit-Oma.

Herta Raab an ihrem Arbeitsplatz im Signal Office in der William-O.-Darby-Kaserne in Fürth.

Herta Raab an ihrem Arbeitsplatz im Signal Office in der William-O.-Darby-Kaserne in Fürth. © privat/Herta Raab

Der geliebte Onkel starb 1949 – und begleitet Herta Raab bis heute. Am Hals seines Neufundländers Molly hat sie vor bald einem Jahrhundert als Kleinkind das Laufen gelernt und zugehört, wenn Wilhelm Krull seine Sorgen dem Hund anvertraute – seine Frau war wie seine Mutter taub geworden, "wenn er etwas loswerden wollte, hat er es Molly erzählt".

Die Tränen des Onkels nach Mollys Tod rühren sie noch immer, Hunde hatte sie ein Leben lang. Mit Felix, das hat sie einmal ausgerechnet, ist sie über 40.000 Kilometer gelaufen, "einmal um die Welt". Seit die Beine nachgelassen haben, fährt Herta Raab auf dem Heimtrainer Fahrrad, jeden Tag 40 Minuten lang. Sie liebt Malbücher, sie erfreut sich an den Farben.

Herta Raab hat sehr wache Augen und die zugewandte Art eines weisen, gewitzten Menschen, man glaubt, Güte zu spüren, und denkt kurz daran, dass so ein Wort alt wirkt und trotzdem schön ist. "Ich bin dankbar, hochzufrieden", sagt Herta Raab. Auf den Balkon ihrer Wohnung hat sie eine kleine Vogeltränke gestellt. Manchmal schaut eine Amsel vorbei.

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