Scholz verkündet Minister am Montag

#wirwollenkarl: Halb Deutschland für Lauterbach als Gesundheitsminister

SamSon: Harald Baumer
Harald Baumer

Berlin-Korrespondent der NN

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1.12.2021, 15:53 Uhr
Die Bürgerinnen und Bürger möchten Karl Lauterbach mehrheitlich als Gesundheitsminister. Doch das muss noch nichts heißen.

Die Bürgerinnen und Bürger möchten Karl Lauterbach mehrheitlich als Gesundheitsminister. Doch das muss noch nichts heißen. © Kay Nietfeld, dpa

Wünsche aus der Bevölkerung spielen bei der Bildung einer Bundesregierung traditionell keine große Rolle. In der Regel warten die Bürgerinnen und Bürger geduldig ab, wer ihnen denn als neues Kabinettsmitglied präsentiert wird - und sind dann manchmal ziemlich überrascht, weil sie den Namen des künftigen Ministers noch nie gehört haben. Doch heuer ist das anders. Da gibt es regelrecht eine gesellschaftliche Initiative für eine bestimmte Person: Karl Lauterbach soll Gesundheitsminister werden.

Auf Twitter wurde das Schlagwort "#wirwollenkarl" tausendfach verbreitet. Das Trendbarometer von RTL listet den 58-Jährigen derzeit als viertbeliebtesten deutschen Politiker nach Merkel, Scholz und Habeck auf. Eine repräsentative Umfrage des Instituts Civey ergab, dass 59 Prozent aller Deutschen ihn gerne in diesem Ressort sähen. Und in den Medien, etwa bei Markus Lanz, werden führenden SPD-Politikern bohrende Fragen nach der künftigen Verwendung Lauterbachs gestellt.

Nur einer stellt sich bisher taub. Der designierte Kanzler Olaf Scholz weicht dem Thema aus. Er will erst am Montag kommender Woche bekanntgeben, wer denn für die Sozialdemokraten ins Kabinett einzieht. Nach Lauterbach sah es bisher nicht aus. Während andere wie Hubertus Heil (Arbeit) und Christine Lambrecht (Inneres) als mehr oder weniger sicher gelten, taucht der Nordrhein-Westfale auf inoffiziellen Listen nicht auf.

Zu sehr Einzelgänger?

Was könnten die Gründe dafür sein, falls er denn tatsächlich übergangen wird? Der Medizinprofessor Lauterbach gilt als schwer zu steuernder Einzelgänger, der sich nicht so leicht einer Kabinettsdisziplin unterordnen würde. Er hat keine Netzwerke gebildet und weiß auch keine größeren Parteiströmungen hinter sich. Stattdessen liest er lieber wissenschaftliche Studien. Als weißer Mann um die 60 aus NRW kann er zudem kaum Pluspunkte in Sachen Diversität aufweisen.

Auch Petra Köpping wird als nächste Gesundheitsministerin gehandelt.

Auch Petra Köpping wird als nächste Gesundheitsministerin gehandelt. © Sebastian Kahnert, NN

Manche halten es deswegen für wahrscheinlicher, dass die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping (63), seit zwei Jahren im Amt, in die Regierung Scholz einziehen darf. Sie ist zwar keine Medizinerin, sondern Diplom-Staatswissenschaftlerin, kann aber auf ihre Erfahrungen in der Pandemiebekämpfung zurückgreifen. Komplett neu einarbeiten müsste sie sich nicht. Ein Neuling wäre angesichts der aktuell grassierenden vierten Corona-Welle wohl auch kaum zu vertreten.

Karl Lauterbach, Dauergast in diversen Fernseh-Talkshows und seit Anfang 2020 "gefühlter" Gesundheitsminister, hat sein Interesse an dem Ressort schon vor längerer Zeit erkennen lassen. Konkret äußert er sich inzwischen nicht mehr dazu, denn das würde seine Chancen noch weiter verschlechtern. Stattdessen postet er in den sozialen Netzwerken weiterhin unverdrossen seinen neuesten Erkenntnisse zum Coronavirus - jüngst etwa über die Wirksamkeit des Impfstoffes Biontech gegen die neue Omicron-Variante des Virus.

Warten bis Montag

Mal abgesehen von einer gewissen Ministerialerfahrung hätte der Professor keine fachlichen Defizite und könnte beim Thema Pandemie sofort einsteigen. Das ist auch ein Grund, warum viele nicht verstehen, dass er nicht schon vor Tagen von seiner Partei nominiert wurde. Der geschäftsführende Minister Jens Spahn (CDU) hätte dann jetzt bereits einen festen Ansprechpartner für die Übergangsphasen.

Der künftige SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil sieht in der Wartezeit bis kommende Woche kein Problem. Corona sei ohnehin eine Chefsache, sagte er bei Markus Lanz. Olaf Scholz setze sich rund um die Uhr damit auseinander. Informationsverluste zwischen alter und neuer Regierung seien deswegen nicht zu erwarten.

Tatsächlich hatte der neue Kanzler am Dienstag dieser Woche eine längere, wenn auch nur informelle Schaltkonferenz mit den Landesregierungen und nimmt am Donnerstag bereits an der nächsten, nun sogar offiziellen Ministerpräsidentenkonferenz teil. Dort soll gleich eine ganze Reihe von Beschlüssen gefasst werden, wie es denn mit der Pandemiebekämpfung weitergeht.

Zwei Gipfel in einer Woche

Diese MPK sollte regulär eigentlich erst am 9. Dezember stattfinden, doch waren sich die Beteiligten überparteilich schnell darüber einig gewesen, dass man nicht so lange warten kann. Nun werden letztmals Angela Merkel und Jens Spahn an einer derartigen Konferenz teilnehmen, in der kommenden Woche vollzieht sich dann der Machtwechsel zwischen GroKo- und Ampel-Regierung.

Unter anderem werden der Bund und die Landesregierungen bei ihrem Gipfel über zusätzliche Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte, eine Ausweitung der 2G-Regel auf den Einzelhandel und über 2Gplus-Regelung bei Großveranstaltungen diskutieren. Weiter stehen auf der Tagesordnung: die Einführung der allgemeinen Impfpflicht vermutlich bis Februar 2022, die Erhöhung des Impftempos bis Weihnachten und die Ausdehnung des Impfberechtigung auf Tiermediziner, Apotheker und Pflegefachkräfte.

Entspannung bei den Inzidenzen in Sicht?

Ein zusätzliches Gesprächsthema dürfte die Bedeutung der verschiedenen Corona-Richtwerte sein. Das Robert.Koch-Institut hat gerade erst mitgeteilt, dass die Zahl der übermittelten Neuinfektionen im Sieben-Tages-Zeitraum gesunken sei. Manche werten das als eine Entspannung der Lage - andere weisen darauf hin, dass die Gesundheitsämter und die Labore mit den Meldungen kaum noch nachkommen. Im Gegensatz zu Inzidenz und R-Wert steht die Zahl der Toten. Binnen 24 Stunden wurden 446 Fälle von Menschen registriert, die an oder mit Corona gestorben sind. Ein höherer Wert war zuletzt im Februar 2021 gemeldet worden.

Auch zu dieser Problematik hat sich, natürlich, Karl Lauterbach schon zu Wort gemeldet. Er twitterte: "Die Abschwächung der Dynamik kann wie vor einem Jahr Vorbote eines neuen Anstiegs sein." Bis zum Eintreten des Effekts der Booster-Impfungen werde es noch vier Wochen dauern. Dann wissen wir auch definitiv, ob der schlaksige Abgeordnete aus Leverkusen Gesundheitsminister geworden ist oder nicht.