Bernsteinzimmer

Popstar Adam Green stellt in Nürnberg aus - und schaute selbst vorbei

24.11.2021, 15:45 Uhr
Von New York nach Nürnberg an die Großweidenmühle: Der Anti-Folk-Star Adam Green stellt derzeit in der Galerie Bernsteinzimmer aus.

Von New York nach Nürnberg an die Großweidenmühle: Der Anti-Folk-Star Adam Green stellt derzeit in der Galerie Bernsteinzimmer aus. © Daniel Gruber

Mitte der Nuller Jahre war Adam Green fast so etwas wie ein Popstar. Die ersten beiden Alben des ehemaligen Sängers der New Yorker Moldy Peaches, einer Band, die den Begriff „Anti Folk“ entscheidend geprägt hat, waren speziell in Deutschland ziemlich erfolgreich und eine Zeitlang schien der Wuschelkopf mit der dunklen Stimme und dem schrägen Humor das nächste große Ding zu sein.

Mittlerweile ist dieser begrenzte Rahmen für den 40-jährigen, der übrigens ein Ur-Ur-Enkel von Franz Kafkas Verlobter Felice Bauer ist, viel zu eng geworden. Was bereits 2010 deutlich wurde, als ich mich anlässlich des damals aktuellen Albums „Minor Love“ mit Adam Green per Telefon unterhalten durfte.

Während des Gesprächs war im Hintergrund eine stetig klappernde Tastatur zu hören. Auf die Frage, wer denn da so fleißig schreibe, antwortete Adam ungerührt: „Ich. Ich schreibe an einem neuen Buch.“ „Während Du ein Interview führst?“ „Kein Problem“, sagte Adam und beantwortete meine Fragen, während die Tastatur fröhlich weiter klapperte.

Adam Green ist mit Asterix aufgewachsen - was in seinen frechen Comiczeichnungen schwer zu übersehen ist ...

Adam Green ist mit Asterix aufgewachsen - was in seinen frechen Comiczeichnungen schwer zu übersehen ist ... © Adam Green

In der Tat ist Adam Green ein wahrhafter Allroundkünstler: Sänger, Songwriter, Dichter, Autor, Comic-Zeichner, Filmemacher und Maler. Als solcher hat er derzeit seine erste Ausstellung in Deutschland in der Nürnberger Galerie Bernsteinzimmer, Titel: „Oranges/Saints“.

Als wir uns am Vorabend der Eröffnung dort treffen, erinnere ich ihn an die Sache mit dem Telefoninterview. Er kann sich zwar nicht mehr daran erinnern, wirkt aber keinesfalls überrascht. „Ich bin wirklich gut im Multitasking. Ich bin immer mit mehreren Projekten gleichzeitig beschäftigt. Gerade arbeite ich an zwei verschiedenen Büchern, letzte Woche habe ich erst eine weitere Graphic Novel veröffentlicht. Ich habe einfach viel kreative Energie.“

Wobei alle Disziplinen, in denen Green arbeitet, miteinander in Beziehung stehen. „Lauschst du meinen Songs, erkennst du einen Cartoon darin“, wird er im Flyer zur Ausstellung zitiert. „Ich schreibe Songs, wie ich meine Bilder male. Erschaffe ich einen Film, orientiert er sich an einem Song.“

In der Tat findet sich der groteske, absurde, mitunter auch äußerst provokante Humor, der in Songs wie „Jessica Simpson“ oder „Choke on a cock“ durchscheint, auch leicht in seinen Bildern wieder. Die knallbunten Motive wirken in ihrer groben Strichführung und der plakativen Kolorierung kindlich-naiv, die Symbolik dahinter – aufgerissene und von Pfeilen durchbohrte Leiber, Knochen, erigierte Penisse – allerdings schonungslos brutal. Ich muss an Kinderzeichnungen denken, die von einem Kind begonnen, aber von einem Erwachsenen beendet wurden. „Genau das ist es“, sagt Adam. „Ich benehme mich nicht wie ein Erwachsener, wenn ich diese Linien zeichne. Aber die ganze Symbolik die darin steckt, die entstammt natürlich der Erfahrung und der Gefühlswelt eines Erwachsenen. In diesem Fall sind die Symbole oft mittelalterlicher Natur, da steckt viel religiöses drin.

Direkt an der Pegnitz gelegen: Die Galerie Bernsteinzimmer lockt mit zeitgenössischer Kunst.

Direkt an der Pegnitz gelegen: Die Galerie Bernsteinzimmer lockt mit zeitgenössischer Kunst. © Andrea Munkert

Überhaupt gibt es da eine interessante Verbindung zu Nürnberg.“ Green steht auf und zeigt mir ein Bild auf dem ein bunter Heiliger mit betenden Händen im Kochtopf schmort. Eine eindeutige Referenz an Dürers Holzschnitt „Das Martyrium des Heiligen Johannes“. Noch auffälliger ist allerdings die Verbindung zu einer ganz anderen Ikone: Die Comicfigur Obelix taucht in seinen Werken immer wieder auf, wenn auch nur in Fragmenten. Ungewöhnlich, da die Asterix-Hefte in den USA nie sonderlich populär waren. „Ich mag Obelix. Ich habe das Obelix-Motiv in meinen Comics für das Menschliche verwendet. Als Kind habe ich die Asterix-Hefte gelesen und sie haben mir viel über die verschiedenen Länder in Europa beigebracht.“

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Ernsthaftigkeit dieser New Yorker Intellektuelle, dessen Werk gerade davon lebt, dass er nichts und niemanden sonderlich ernst zu nehmen scheint, über Obelix genauso referieren kann, wie über James Joyces mysteriöses Spätwerk „Finnegans Wake“, William S. Burroughs, mittelalterliche Kunst oder Virtuelle Realität.

Überall findet Adam Green Bezüge und Querverbindungen, alles scheinbar Banale hat für ihn eine tiefere Bedeutungsebene. „Meine Comics und Bilder finden in ihrer eigenen Welt statt. Für mich sind sie wie eine Art Videospiel, wie eine virtuelle Realität. Aber eine virtuelle Realität jenseits von Facebook. Ich denke, die virtuelle Realität der Zukunft wird viel intensiver sein, als diese glatte Version, die sie uns heute präsentieren.“

Wie für fast alle Künstler ist sein Schaffen für Adam Green auch immer Selbstreflexion. Auf die Frage nach seiner Arbeitsweise verweist er auf den „Stream of Consciousness“, wie ihn William Burroughs, Arthur Rimbaud oder Bob Dylan verwendet haben. „Ich schreibe etwas und überlege mir am nächsten Tag: Was beschäftigt dich gerade? Ich schau mir es an, als wäre ich ein anderer, als wäre dies die Arbeit eines anderen. Und einiges was dieser Kerl schreibt, berührt mich.“

Die Ausstellung „Adam Green. Oranges/Saints“ ist bis zum 16. Januar 2022 in der Galerie Bernsteinzimmer, Großweidenmühlstraße 11 in Nürnberg, zu sehen. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 15 bis 19 Uhr.

In den Nullerjahren war der New Yorker Adam Green fast mal so etwas wie ein Popstar.

In den Nullerjahren war der New Yorker Adam Green fast mal so etwas wie ein Popstar. © Pete Voelker / 30th Century Records

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