Interview

Psychologe zu Corona-"Spaziergängen": "Vielen ist nicht bewusst, dass sie manipuliert werden"

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Anne Kleinmann

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7.1.2022, 05:50 Uhr
In der Region wird auch im neuen Jahr gegen die Corona-Maßnahmen protestiert. 

In der Region wird auch im neuen Jahr gegen die Corona-Maßnahmen protestiert.  © Timo Weber/ imago images

Herr Carbon, in den letzten Wochen haben die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen nochmals zugenommen. Allerdings sprechen die Demonstrierenden immer häufiger von Spaziergängen. Ist das Absicht?

Carbon: Absolut, denn mit dem Begriff werden gleich zwei Strategien verfolgt: Zum einen klingt Spaziergang wesentlich harmloser als Protest. Also fragt man eine Person, ob sie mit spazieren gehen möchte, um die eigene Meinung kundzutun und um Gleichgesinnte zu treffen, klingt das natürlich wesentlich einladender und friedlicher. Zum anderen steckt in dem Wort der historische Bezug zu den Montags-Spaziergängen am Ende der DDR, bei denen die Bürger friedlich, aber tatsächlich gegen ein Unrechtsregime, auf die Straßen gegangen sind. Diese historische Parallelität ist äußerst gefährlich und wird nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern ganz bewusst eingesetzt, um sich als Freiheitskämpfer zu inszenieren. Das sind die Demonstranten aber schlicht nicht, schließlich war es in der DDR extrem gefährlich auf die Straßen zu gehen, weil man schwere Strafen befürchten musste. Heute haben wir dagegen Meinungsfreiheit.

Das sehen die Demonstrantinnen und Demonstranten allerdings anders...

Carbon: Das stimmt und das ist sogar noch fataler: Viele Menschen, die da mitlaufen, sind sich nicht bewusst, dass sie ein willfähriges Opfer geben für jene, die eigentlich etwas ganz anderes wollen, nämlich die demokratischen Strukturen zerstören. Vielen Beteiligten sind keine schlechten Absichten nachzuweisen - sie sehen schlichtweg aber nicht, dass sie tatsächlich massiv manipuliert werden.

Dass Rechtsradikale in den Reihen der Protestler mitmarschieren, wird immer wieder medial berichtet. Darüber ärgern sich wiederum aber viele der Demonstrantinnen und Demonstranten, weil sie finden, es würde nicht genug differenziert...

Seit zehn Jahren forscht Professor Claus-Christian Carbon, 50, zum Thema Psychologie von Verschwörungstheorien. Seit 2008 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. 

Seit zehn Jahren forscht Professor Claus-Christian Carbon, 50, zum Thema Psychologie von Verschwörungstheorien. Seit 2008 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.  © privat

Carbon: Das ist vollkommen richtig, deswegen würde ich auch nie von “denen” sprechen, sondern von einem Phänomen, das gefährlich ist. Also ich würde nie jemanden verunglimpfen, der dort mitmarschiert oder spaziert, denn man kann schlicht nicht bei jedem Individuum sagen, was seine Motivation ist. Bei einem Kern der Gruppe ist diese Motivation aber, zu zerstören und zu verunsichern. Und ein Großteil läuft da relativ unbedarft mit, obwohl dort auch Assoziationen geweckt werden, die brandgefährlich sind.

Wenn es keine gemeinsame Ideologie gibt, was hält die Protestler zusammen?

Carbon: Man braucht immer ein gemeinsames Ziel beziehungsweise einen gemeinsamen Nenner, auf den man sich einigen kann. Ein Beispiel: Wenn sie an einem Marathon-Lauf teilnehmen, wird es sie wahrscheinlich kaum interessieren, wenn neben ihnen auch Rechts- oder Linksradikale mitlaufen, schließlich geht es nicht darum, sondern eben um den Lauf. Im jetzigen Fall ist der gemeinsame Nenner, dass man mit der Corona-Politik nicht einverstanden ist. Aber wer ist schon mit allem einverstanden? Das heißt, der gemeinsame Nenner ist hier sehr groß.

Das klingt jetzt aber so als seien die meisten der Demonstrierenden relativ naiv, wenn sie sich für die Ziele anderer einspannen lassen. Dabei handelt es sich bei der Mehrheit von ihnen um gut gebildete Bürger aus der Mitte unserer Gesellschaft.

Carbon: Absolut und man sollte niemals sagen, dass das Menschen sind, die nicht gebildet sind oder nichts verstehen. Sondern sie sehen einfach nur einen bestimmten Teilaspekt nicht. So sind Menschen eben in so mancher Hinsicht blind für bestimme Phänomene, weil wir sie nicht sehen wollen. In der Psychologie kann man das relativ einfach zeigen: Merken wir zum Beispiel nach einem Autokauf, dass das keine gute Idee war, versuchen wir Argumente zu finden, um den Kauf doch zu rechtfertigen.

Kann man damit auch erklären, warum viele Demonstrierende trotz zunehmender Aggressionen bei den Protesten weiter mitlaufen?

Carbon: Ja, man redet es sich schön und man schafft es gleichzeitig nicht, eine eigene Bewegung zu schaffen, die konstruktiv an die Themen herangeht. Das ist auch ein entscheidender Unterschied zu den Montags-Demonstrationen in Leipzig und Dresden in der DDR. Dort wurde ein alternatives System aufgezeigt. Bei den aktuellen Protesten geht es nur darum, ein System zu kritisieren, ohne einen Gegenentwurf aufzubauen. Und echte Alternativen wären wichtig und hilfreich.

Das heißt aber, dass man nicht darauf hoffen kann, dass sich bald zwei Lager bilden: Eine Gruppe mit konstruktiver Kritik und eine, die tatsächlich mit Aggressivität auf die Straße geht?

Carbon: Nein und gerade deswegen ist die Bewegung besonders gefährlich, weil sie genau diesen Mittelweg fährt. Es wird immer wieder über die Stränge geschlagen, die Mehrheit tut das aber als Ausnahmen ab. Sobald dort solche Dinge passieren, bin ich aber ein Teil des Ganzen und darüber sollte ich tatsächlich reflektieren und mich fragen: Will ich bei einer Gruppe mitmarschieren, die Gewalt anwendet oder sich fremdenfeindlich äußert? Und mehr noch: Sind die Vergleiche mit der DDR oder dem Dritten Reich wirklich berechtigt? Wenn ich merke, es gibt Unterschiede, beispielsweise wie unser Rechtssystem funktioniert, dann sollte ich meine Protesthaltung ändern und in eine konstruktivere Gangart übergehen.

Irgendwann wird die Pandemie enden. Was passiert dann Ihrer Meinung nach mit den Demonstrierenden, schließlich ist die Kritik am System für manche regelrecht zu einem wichtigen Lebensinhalt geworden?

Carbon: Das wird tatsächlich einfach aufhören. Wenn die propagierten Probleme wie beispielsweise die massive Arbeitslosigkeit, die es ja nicht gegeben hat, auch in der Zukunft nicht eintreten, dann gibt es keine Grundlage mehr. Das hat man auch bei der Pegida-Bewegung gesehen, die von der Islamisierung ganzer Städte gesprochen hat. Eingetreten ist das nicht und damit hat sich irgendwann die Bewegung aufgelöst. In der aktuellen Situation kommt zudem dazu, dass beispielsweise das Bundesverfassungsgericht immer wieder korrigierend gegen die Maßnahmen der Bundesregierung eingeschritten ist. Mit einem Wort: Selbst wenn viele Maßnahmen suboptimal waren, die Bilanz des Korrektivs durch unser Rechtssystem ist extrem positiv.

Das heißt aber wahrscheinlich nicht, dass in der nächsten Krise nicht wieder demonstriert wird, oder?

Carbon: Nein, solche Proteste liegen auch in der Natur des Menschen, das wird es immer geben. Aus der aktuellen Situation sollten wir aber eine wichtige Lehre ziehen: Es ist fatal, wenn Menschen zur Passivität verdonnert werden, denn dann fühlen sie sich nicht mehr als Teil des Ganzen. Es bräuchte in Zukunft stattdessen mehr Möglichkeiten aktiver Bürgerbeteiligung gerade auf kommunaler Ebene. Wir sollten die Bürger mehr aktiv bei den Abläufen und Entscheidungen einbeziehen, Dialoge organisieren und ihnen nicht nur passives Zuschauen verordnen. Zusammen haben wir bessere Ideen, die unser Land und unsere Demokratie stärken.