Hohes Risiko

Erlangerin ist unimpfbar: "Ich würde alles für eine Corona-Impfung geben"

Sharon Chaffin
Sharon Chaffin

Redakteurin Erlanger Nachrichten

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3.12.2021, 18:30 Uhr
Eine Corona-Impfung gilt mit als die effektivste Maßnahme im Kampf gegen die Pandemie (Symbolbild). 

Eine Corona-Impfung gilt mit als die effektivste Maßnahme im Kampf gegen die Pandemie (Symbolbild).  © Christoph Schmidt/dpa

Die weit überwiegende Mehrheit der Ungeimpften will keine Corona-Impfung - aus in der Regel hanebüchenen und vorgeschoben irrationalen Gründen, die angesichts der Infektionszahlen wirklich kaum jemand mehr versteht.

Theresa Müller, die ihre unglaubliche Krankengeschichte zwar erzählt, aber lieber anonym bleiben möchte, würde hingegen alles dafür geben, wenn sie eine Corona-Impfung bekommen könnte. Aber das geht nicht, es ist aus medizinischen Gründen schier unmöglich: Theresa Müller würde den Piks, so die Vorhersagen ihrer Ärzte, wohl nur als Notfall auf der Intensivstation mit sofort eingeleiteten Gegenmaßnahmen oder überhaupt nicht überstehen.

"X-Mal das Leben verdankt"

Was Millionen von Menschen weltweit das Überleben in dieser schrecklichen Pandemie sichert, kann für die Erlangerin den Tod bedeuten. Ihr Krankheitsbild lässt keine Sars-CoV-2-Immunisierung zu, ihrem Hausarzt und ihren behandelten Experten des Universitätsklinikum Erlangen (UKER) ist das Risiko zu hoch, auch wenn Theresa Müller in den vergangenen Monaten um das Serum noch so gebittet und gebettelt hat. "Der Uniklinik verdanke ich mein Leben schon x-fach, meinem Hausarzt verdanke ich mein Leben schon x-fach", erzählt sie, "ich bin eine extreme Ausnahme."

Ihre "Kombination an Krankheiten", so vermutet Theresa Müller, gibt es in Deutschland, wenn es hoch kommt, 100 mal. Sie sagt: "Dass es Menschen in diesen Situationen gibt, das weiß keiner, das glaubt einem keiner und darüber spricht auch keiner."

Theresa Müller aber tut es, wenn auch anonym. Auch weil sie zu jener Minderheit gehört, die sich wirklich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen kann, mit Querdenkern, Impfverweigerern, Verschwörungstheoretikern oder Reichsbürgern absolut nichts am (Alu-)Hut hat und mit ihnen auch nicht in einem Atemzug genannt werden möchte: "Ich bin keine Impfgegnerin", sagt sie und möchte darauf aufmerksam machen, dass es eben auch wirklich Menschen gibt, die nicht geimpft werden dürfen und sollen.

Eine davon ist Theresa Müller: Sie gilt als unimpfbar und hat ein entsprechendes Uniklinik-Attest, damit sie im Fall eines Falles Zugang zu Einrichtungen mit diversen "G"-Regeln hat. Klar ist aber auch: Sie benutzt die Bescheinigung ohnehin nicht. Bei ihrem Krankheitsbild wäre eine Corona-Infektion fast schon so etwas wie ein Todesurteil.

Einkauf erledigt der Ehemann

Deshalb ist Theresa Müller seit Beginn der Pandemie noch vorsichtiger als sie es ohnehin schon war, sie verlässt ihre Wohnung in der Innenstadt nur zum Spazierengehen und auch nur zu Uhrzeiten, wenn niemand auf der Straße ist, den Einkauf erledigt ihr Ehemann, der vollständig geimpft ist.

Dennoch leiden beide unter der Angst, er könne das Virus auffangen und mit nach Hause bringen. Ihre erwachsenen Töchter hat die Über-60-Jährige in den vergangenen zwei Jahren zweimal kurz an der frischen Luft getroffen, auch dieses Weihnachten wird Theresa Müller ihre Kinder nicht sehen.

Von den genauen Diagnosen erzählt die Erlangerin zwar am Telefon, möchte sie aber nicht so detailliert im Bericht wiederfinden, doch was sie schildert, klingt wie ein Martyrium, ein Leben in Angst und Abgeschiedenheit, keine kleinen Kontaktbeschränkungen, die irgendwann wieder wegfallen, sondern Isolierung auf Dauer.

Wer jetzt über eine geschlossene Bar jammert, sollte sich Theresa Müllers Alltag ansehen: "Ich lebe ohnehin sehr prekär und immer am seidenen Faden hängend", berichtet sie, "ich bin bekannt bei allen Notärzten, aber ich lebe und bin ein glücklicher und zufriedener Mensch." Jeder Tag, sagt sie, ist für sie ein Geschenk des Himmels.

Doch wie vielen Schwerkranken geht es ähnlich wie Theresa Müller, welche Krankheiten machen eine rettende Corona-Impfung unmöglich? Es gibt drei Gruppen von Patienten, die unimpfbar sind, sagt Professor Thomas Harrer, Schwerpunktleiter Infektiologie und Immundefizienz an der Medizinischen Klinik 3 des Universitätsklinikums Erlangen.

Immundefekte, Tumoren und Rheuma

So gibt es relativ viele Patienten, die sehr stark immunsupprimiert sind, sei es von ihrer Grunderkrankung wie Immundefekte, Tumoren und rheumatische Erkrankungen oder durch eine medizinische immunsuppressive Therapie bei einer Autoimmunerkrankung, Krebserkrankung oder Organtransplantation.

"Man kann und muss diese Patienten durchaus impfen", erläutert der Facharzt für Innere Medizin, "leider erzielt man bei ihnen oft keinen oder keinen ausreichenden Impferfolg." Bei einem Teil könnten aber zusätzliche Booster-Impfungen eine schwache Immunantwort noch verstärken.

Daher sollte bei immunsupprimierten Patienten der Impferfolg überprüft werden, um zu entscheiden, ob weitere Boosterimpfungen notwendig oder sinnvoll sind. "Sehr stark immunsupprimierte Patienten sind aber im Wesentlichen darauf angewiesen, dass sich die gesunden Menschen alle impfen lassen", appelliert Harrer, "damit die Virusausbreitung eingedämmt ist und das Risiko sinkt, dass sie infiziert und krank werden. Impfen ist also nicht nur Privatsache, sondern ein Zeichen der Solidarität mit unseren immunsupprimierten Mitmenschen."

Das kann Theresa Müller nur unterstreichen, denn auch sie kann nicht nachvollziehen, weshalb sich Menschen, die sich impfen lassen könnten, dagegen entscheiden. "Ich", sagt sie, "würde es sofort tun, aber ich darf nicht, kein Arzt will und wird es machen, egal, wie sehr ich mir es auch wünsche."

Menschen mit bestimmter Allergie

Dann, erläutert Harrer weiter, gibt es die zweite Gruppe, die unimpfbar sind: nämlich Patienten, die allergisch auf Stoffe in den Impfstoffen sind. "Das", sagt er, "tritt glücklicherweise nur sehr selten auf".

In den mRNA-Impfstoffen kann vor allem Polyethylenglykol (PEG),auch Makrogol genannt, eine Allergie bewirken. Das PEG ist Bestandteil der Fetttröpfchen, die die empfindliche mRNA vor dem schnellen Abbau schützt und die Aufnahme in die Immunzellen bewirkt. PEG ist in vielen Medikamenten enthalten und wird als Makrogol auch als Abführmittel verwendet, sagt er.

"Wenn jemand gegen diesen Stoff stark allergisch ist und schon einmal mit einer Anaphylaxie reagiert hat oder bei der ersten Impfung anaphylaktisch reagiert hat, dann würden wir ihn nicht oder nicht noch einmal impfen", erklärt der Mediziner. "Leider ist in alternativen Impfstoffen meist ein ähnlicher Stoff vorhanden, nämlich Polysorbat, der auch eine allergische Kreuzreaktion zu Polyethylenglykol bewirken kann.

Bei Verdacht oder Nachweis einer Allergie gegen PEG und Polysorbat sollten diese Patienten dann bei spezialisierten Allergologen beraten werden, um zu prüfen, ob es hier noch Möglichkeiten der Testung gegen diese Stoffe gibt beziehungsweise ob man das Risiko eingehen kann, unter speziellen Vorsichtsmaßnamen eine Impfung zu verabreichen oder ob man von einer Impfung derzeit abraten muss.

Und dann gibt es noch Patienten mit Nebenwirkungen auf eine Covid-Impfung. Das heißt: In sehr seltenen Fällen können Nebenwirkungen auf eine Impfung auftreten, zum Beispiel eine Entzündung im Bereich des Herzens oder eine Aktivierung einer Herpes-Infektion, zum Beispiel Gürtelrose.

Beratung ist nötig

Dann sollte der Patient von erfahrenen Ärzten beraten werden, um zu prüfen, ob die Symptome tatsächlich im Zusammenhang mit der Impfung stehen und ob es Möglichkeiten gibt, diese Nebenwirkungen durch Verwendung von anderen Impfstoffen oder durch andere Maßnahmen zu verhindern oder zu verringern.

In Abhängigkeit vom aktuellen Infektionsrisiko im Rahmen der Pandemie wird dann entschieden, ob man eine erneute Impfung, gegebenenfalls mit Begleitmaßnahmen, empfiehlt oder von einer erneuten Impfung abrät. Doch eines steht fest und das benennt Harrer sehr deutlich: "Abgesehen von diesen drei Situationen gibt es keinen Grund, Patienten mit Vorerkrankungen nicht zu impfen."

In einer dieser drei Situationen ist auch Theresa Müller.