Kritik an Biontech-Rationierung

Nach Corona-Brandbrief an Spahn: Hausarzt bekommt viel Rückendeckung

Sharon Chaffin
Sharon Chaffin

Redakteurin Erlanger Nachrichten

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1.12.2021, 12:30 Uhr
Impfungen sind die wichtigste Maßnahme bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. 

Impfungen sind die wichtigste Maßnahme bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie.  © Fabian Sommer/dpa

Das Schreiben des Möhrendorfer Allgemeinmediziners Thomas Wunderlich an den noch amtierenden Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat(te) es in sich: Mit deutlichen Worten kritisiert der Mediziner darin die Entscheidung des Berliner Ressortchefs, den Biontech-Impfstoff bei den Corona-Impfungen zu rationieren und durch Moderna zu ersetzen.

Den Brief, der auch diesem Medienhaus vorliegt, schickte Wunderlich kurz nach Spahns entsprechender Ankündigung auch an den bayerischen Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sowie die Erlanger Bundestagsabgeordneten Stefan Müller (CSU) und Martina Stamm-Fibich (SPD).

Letztere hat auf Wunderlichs Brandbrief inzwischen reagiert. "Frau Stamm-Fibich hat mit mir Kontakt aufgenommen und mir mitgeteilt, dass sie meinen Ärger teilt", berichtet Wunderlich, der zugleich Vorstandsmitglied des Ärztlichen Kreisverbandes Erlangen und des Hausärztevereins Erlangen und Umgebung ist.

Politisches Engagement im Gesundheitsbereich

Stamm-Fibich, deren politisches Engagement vor allem mit im Gesundheitsbereich liegt, habe sich auch sehr dafür eingesetzt, dass die Bestellmenge für Comirnaty, also den Biontech-Impfstoff, von fünf auf acht Vials pro Arzt (ein Vial entspricht sechs Dosen) pro Arzt erhöht wurde. "Allein", sagt Wunderlich, "geholfen hat das letztlich nichts."

Denn die Gemeinschaftspraxis im Landkreis Erlangen-Höchstadt konnte zwar acht Vials bestellen, hat aber nur fünf erhalten. Mehr noch: "In unserer Praxis wurde sogar die Moderna-Bestellung gekürzt", erzählt Wunderlich. Trotzdem hoffen sein Team und er in der laufenden Woche (KW 48) mehr als 300 Impfungen durchzuführen, auch weil die Praxis am Samstag (4. Dezember) einen extra Impftag einlegt. Comirnaty wird, wie von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen, für die Impflinge unter 30 Jahren eingesetzt. Ab 30 Jahre vorrangig Moderna.

Bürgermeister hat Kontakt aufgenommen

Auch der Möhrendorfer Bürgermeister Thomas Fischer (CSU) hat nach der Berichterstattung dieses Medienhauses mit dem Allgemeinarzt Kontakt aufgenommen: "Herr Fischer hat mir berichtet, dass er mit Stefan Müller, Innenminister Joachim Herrmann und dem Landtagsabgeordneten Walter Nussel das Problem erörtert hat, sie signalisierten großes Verständnis", erzählt Wunderlich und fügt aber hinzu: " was dann hinter den Kulissen passiert, davon weiß ich natürlich nichts".

Von Kolleginnen und Kollegen hat Wunderlich ebenfalls ausschließlich positive Rückmeldungen erhalten. "Letztlich", sagt der Möhrendorfer Arzt, "geht es allen mehr oder weniger so wie mir". Vielen sei durch die Berichterstattung die Problematik, die durch Spahns Äußerungen entstanden sind, bewusst geworden: "Dadurch hat mein Brief schon einiges erreicht, auch ohne dass Herr Spahn antwortete, womit ich", wie Wunderlich betont, "nebenbei gesagt, auch nicht rechne."

Unabhängig davon, ob Noch-Minister Spahn oder sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin antwortet oder nicht, geht der Alltag in Wunderlichs Praxis weiter: "Ich kann nur an das Verständnis und die Mitarbeit der Patientinnen und Patienten appellieren, den Impfstoff zu nehmen, den wir ihnen anbieten, und zwar ohne langwierige Diskussionen. Das kostet nur Zeit, die uns woanders fehlt".

Auch im Erlanger Impfzentrum wird ab 30 Jahren ja ausschließlich Moderna verimpft, sagt er. Für nächste Woche sind die Comirnaty-Bestellmengen übrigens wieder auf 30 Dosen pro Arzt beschränkt, ergänzt er. "Im Moment habe ich nicht den Eindruck, dass es an Impfenden fehlt, sondern am Impfstoff."

"Mantra vom ausreichend verfügbaren Impfstoff"

Genau diesen Punkt hatte Thomas Wunderlich unter anderem in dem Schreiben an Spahn bemängelt. "Ihr Mantra vom ausreichend verfügbaren Impfstoff entpuppt sich als blanker Hohn." Die Hausärzte, schrieb er weiter an den noch geschäftsführenden Bundesgesundheitsminister, würden alles tun, um mit schnellen Corona-Impfungen der Pandemie entgegenzuwirken, "allerdings erwarten wir, dass Sie als zuständiger Minister uns bei dieser Aufgabe ebenfalls unterstützen und nicht Knüppel zwischen die Beine werfen", appellierte Wunderlich an den Noch-Ressortchef in Berlin.