Flugzeug-Katastrophe von 1961 im Kreis Forchheim: Ersthelfer erinnern sich

28.3.2021, 09:45 Uhr
Männer, Frauen und Kinder aus Gräfenberg bilden auf dem Bergfriedhof der Stadt in der Fränkischen Schweiz ein stillschweigendes Spalier für die Opfer der Flugzeug-Katastrophe. Männer der Weißenoher Feuerwehr tragen die Särge in die Aussegnungshalle. 

Männer, Frauen und Kinder aus Gräfenberg bilden auf dem Bergfriedhof der Stadt in der Fränkischen Schweiz ein stillschweigendes Spalier für die Opfer der Flugzeug-Katastrophe. Männer der Weißenoher Feuerwehr tragen die Särge in die Aussegnungshalle.  © NN / Eva Hengmith

Eins vorweg: Das Flugzeugunglück hat sich nicht in Oberrüsselbach ereignet, sondern auf Dorfhauser Gemarkung. Nur die Gedenktafel steht auf Igensdorfer Flur. Dass dies nicht falsch in die Geschichtsbücher eingeht, ist dem Weißenoher Ehrenbürger Hans Schütz wichtig. Er war einer derjenigen, der nur fünfzehn Minuten nach dem Absturz am Unglücksort war

Gerade einmal 21 Jahre war Schütz alt, als die Katastrophe passierte. „Das Flugzeug ist brennend über unser Haus geflogen. So ähnlich sahen die ,Christbäume‘ aus. Meine Mutter und ich hatten deshalb Angst, dass die Tiefflieger wieder kommen“, erinnert sich Schütz. Dass es sich bei der Absturzursache um ein Attentat handelte, diese Gerüchte konnten bis heute nicht belegt werden. Doch weitere Beobachtungen, die bisher im Zusammenhang mit dem Unglück noch nie Erwähnung fanden, deuten ebenfalls auf einen vorsätzlichen Abschuss des Passagierflugzeugs hin. 

Hans Schütz

Hans Schütz © privat

„Gleich danach war ein Hubschrauber unterwegs. Er ist aus Richtung Nürnberg gekommen, an der Unfallstelle gelandet und kurz darauf wieder weggeflogen. Die Ersthelfer hatten den Hubschrauber nicht mehr gesehen, da war er schon wieder weggeflogen. Über den Hubschrauber wurde nie ein Wort verloren“, sagt Schütz. Jedenfalls vergingen nur wenige Sekunden nachdem das brennende Flugzeug, gefolgt von dem Hubschrauber, über Schütz’ Haus flog, als auf ungefährer Höhe des heutigen neuen Baugebiets „Weber“ ein ohrenbetäubender Knall zu hören war. Das Flugzeug hätte eigentlich abstürzen müssen, wäre direkt in eine Scheune in Dorfhaus gekracht. Stattdessen zog es nach dem Knall nochmals in die Höhe und stürzte auf einem Acker auf Dorfhauser Gemarkung herunter. 

Für diesen Umstand hat Hans Schütz eine Erklärung: „Durch den Knall hat es dem Piloten wohl die Lunge zerrissen und sich dieser gestreckt. Dabei ist er vermutlich an den Steuerknüppel gekommen, weshalb das Flugzeug nach oben zog und weiterflog, bis es endgültig abstürzte.“ Nur wenige Sekunden nach dem brennenden Flugzeug, der Hubschraubersichtung und dem Knall setzte der Weißenoher Ehrenbürger den Helm auf und rannte ohne Feuerwehrkluft aus dem Haus. Der „Kohlenhans“, wie ein Weißenoher Kohlenhändler genannt wurde, hatte einen Pritschenwagen. Dort sprang Schütz auf und die beiden fuhren in Richtung Absturzstelle.

Körper waren völlig verbrannt 

Gerade einmal fünfzehn Minuten waren vergangen, als ein inzwischen längst verstorbener Ersthelfer den beiden Männern entgegen kam. „Es ist nichts mehr zu retten. Ich wollte jemanden aus dem Sitz ziehen, aber schaut meine Hände an, erzählte uns der Mann und zeigte die Hände. Hautpartikel von den Verstorbenen klebten daran. Die Körper waren völlig verbrannt“, erinnert sich Schütz an diese schrecklichen Momente. 

„Einer der vier Motoren war einen Kilometer weit entfernt im Wald gelegen“, sagt Schütz. Als er an der Unfallstelle angekommen war, sah er Flammen in die Höhe schießen und ein unsagbares Trümmerfeld. Alle diese Beobachtungen deuteten auf einen vorsätzlichen Abschuss hin, erzählt Schütz. „Geklärt ist es bis heute nicht. Es war Kalter Krieg. Diplomaten sollen an Bord gewesen sein und es hielt sich das Gerücht, dass die Insassen in die Schweiz wollten, sich in den Westen absetzen wollten.“ 

Da Deutschland damals noch keine diplomatischen Beziehungen zur Tschechoslowakei unterhielt, waren die Amerikaner für Deutschland zuständig. Die Leichen wurden in amerikanischen Lastwagen abgeholt, erinnert sich Schütz. „Für jeden einzelnen Verstorbenen haben die Weißenoher Kirchturmglocken geläutet“, so Schütz über das Zeichen der Achtung und Pietät für die Unglücksopfer. 

Nur eine Kupfertafel erinnert heute noch an die Opfer der Flugzeugkatastrophe vor 60 Jahren. Die Angehörigen des Co-Piloten hatten sich ein Jahr nach dem Unfall mit Hans Arbeiter, dem damaligen Bürgermeister der Gemeinde Rüsselbach, in Verbindung gesetzt. Aus dem Besuch entstand eine Freundschaft zu Arbeiters Sohn Adolf. Doch den Grund des Fluges nach Afrika wussten auch die Angehörigen nicht. 

Der unsagbar laute Knall des Flugzeugunglücks ist auf den Tonbändern von Adolf Arbeiter verewigt. Der Bürgermeister-Sohn war damals 20 Jahre alt und studierte Jura. An dem Abend des Flugzeugunglücks wollte er eine Musiksendung auf Tonband aufnehmen und ging dazu zu seiner Tante nach Unterrüsselbach.

Radio-Sendung wurde unterbrochen

„Es wurde eine Rundfunkaufzeichnung von Beethoven gebracht, die habe ich aufgenommen. Es gab eine Unterbrechung in der Sendung“, sagt Arbeiter. Das war der Zeitpunkt des Absturzes, der ebenfalls mit auf dem Tonband aufgezeichnet wurde. „Wir gingen daraufhin ins Freie, hatten dem aber nicht viel beigemessen“, erinnert sich der Anwalt. 

Adolf Arbeiter

Adolf Arbeiter © privat

Im Garten war der Feuerschein dann nicht zu übersehen. „Er deutete nach Oberrüsselbach“, erinnert sich Arbeiter. Viele Menschen zog es dann nach Oberrüsselbach. Alle wollten wissen, was passiert war. „Noch am selben Tag kam der bekannte Sportreporter Sammy Drexel mit seinem Porsche nach Unterrüsselbach“, sagt Arbeiter. Sein Vater war Bürgermeister, der damals noch eigenständigen Gemeinde Rüsselbach. Aber Arbeiters Vater konnte auch nicht weiterhelfen. Die Straße war regelrecht verstopft durch die Hilfeleistenden und die Menschen, die durch das Unglück von einer Minute auf die andere aus ihrer heilen Welt gerissen wurden. Alle wollten wissen, was passiert war. 

„Der Feuerschein über Oberrüsselbach war von allen Himmelsrichtungen aus zu sehen“, erinnert sich Arbeiter und erklärt damit, warum es auf der Straße nach Oberrüsselbach kein Durchkommen mehr gab. „Es war schrecklich“, sagt Arbeiter über das Unglück. Am Tag nach dem Unfall war auch das Fernsehen nach Oberrüsselbach gekommen. Die Absturzstelle war natürlich abgesperrt. Ein bekannter Arzt aus Erlangen war vor Ort. „Er wurde bei Flugzeugunfällen gerufen, um die Personenteile zusammenzufügen“, erinnert sich der inzwischen 80-Jährige. 

Viel hat die Bevölkerung nicht mitbekommen. Über die Unfallursache gibt es bist heute noch keine Klarheit. „Es gab unterschiedliche Meinungen“, sagt Arbeiter und gibt die damalige Zeit zu bedenken. „In der Welt war Kalter Krieg. Es gab den Eisernen Vorhang“, erklärt Arbeiter die damalige politische Situation. Dementsprechend lautete eine Meinung auch, dass es ein Sabotageakt war. „Es war in der Luft explodiert, da die Teile weit auseinander gestreut lagen“, erklärt Arbeiter diese Vermutung. Die Passagiere wollten nach Afrika, weil sie in Mali den Kommunismus ausbreiten sollten, wurde erklärt. Für diese Theorie spräche, dass auch Handwerker an Bord waren, erinnert sich Arbeiter an die Vermutungen. 

Verwandte besuchten den Unglücksort

Andere sagen, die Maschine brach erst am Boden auseinander, es sei ein Pilotenfehler gewesen. Warum sie wirklich nach Mali unterwegs waren, wurde auch ein oder zwei Jahre später noch nicht bekannt. 

Zu dem Zeitpunkt erhielt Arbeiters Vater, der Bürgermeister, Post von der Schwester des Co-Piloten. „Sie schrieben meinen Vater an, ob er sie nicht einladen könnte. Ohne Einladung dürften sie nicht nach Deutschland einreisen, aber sie würden gerne die Absturzstelle besichtigen“, erinnert sich Arbeiter. Von der Unfallstelle war nichts mehr zu sehen, als die Verwandten des Co-Piloten in Rüsselbach den Unglücksort besichtigten. Für zwei Tage übernachteten sie bei der Bürgermeisterfamilie. 

„Der Schwager des Co-Piloten war schon einmal im Westen. Er hat in der Schweiz Eishockey gespielt und er sprach ein bisschen deutsch und englisch“, erinnert sich Arbeiter sehr gut. Denn aus dem Treffen der hinterbliebenen Angehörigen entwickelte sich eine private Freundschaft mit Adolf Arbeiter. „Sie waren interessiert, in den Westen zu gehen“, erzählt Arbeiter seinen Eindruck, dass Verbindungen geknüpft werden wollten. Auch eine Gegeneinladung erhielt Adolf Arbeiter.

„Es gibt sogar einen Film, wo die Särge in Reih und Glied aufgestellt waren. Die Flugzeugopfer sind in die Tschechei überführt worden“, sagt Arbeiter. Bei seinen Besuchen bei den Angehörigen des Co-Piloten besuchte Adolf Arbeiter auch das Grab, 60 Kilometer nördlich von Pressburg (Bratislava). 

Hermann Reichel

Hermann Reichel © privat

Eine lange Korrespondenz unterhielt Adolf Arbeiter auch mit dem Bruder des verunglückten Co-Piloten. Den Grund des Fluges erzählten die Angehörigen nicht. Falls sie es überhaupt wussten. Und auch keine Vermutungen über die Unglücksursache. 

Auch die Familie Reichel hörte gerade in ihrer Gastwirtschaft eine Musiksendung, als plötzlich ein Knall den Ort erschütterte. „Richtung Oberrüsselbach war eine Rauchwolke und das Feuer war durch den Wald zu sehen“, erinnert sich Hermann Reichel. Er war damals 23 Jahre alt. Ein Flugzeug war abgestürzt. Alle Menschen waren auf dem Weg zur Unfallstelle. Mittel- und Oberrüsselbach waren deshalb gesperrt. Auch ein Kumpel wollte mit Hermann Reichel zur Unfallstelle. „Ich sagte ihm, dass niemand rauf kommt, aber er meinte, wir schon“, erinnert sich Reichel. 

"Es war so traurig"

Also stieg Hermann Reichel in den Sportwagen des Freundes, einen Pontiac und zu Reichels Erstaunen durften sie tatsächlich die Sperre passieren. „Die Kontrolle hat uns durchgelassen. Es ist erstaunlich, was ein Auto ausmacht“, lacht Reichel heute noch darüber. Die anderen mussten laufen, um in die Nähe der Unglücksstelle zu gelangen. Aber jeder wollte erfahren, welches Flugzeug abgestürzt war und wie das schlimme Ereignis passieren konnte. 

„Es war so traurig, als wir das ganze Trümmerfeld sahen“, sagt Reichel heute noch. Lauter Wrackteile lagen herum. Eine Weißenoher Gruppe hatte die Toten schon herausgetragen. Lange danach: „Es sind öfter mal Angehörige gekommen, um sich die Absturzstelle anzuschauen“, weiß Reichel. Das war mindestens ein Jahr nach dem Unglück. 

Ein Herr Schäfer aus Nürnberg, der ein altes Haus in Rüsselbach gekauft hatte, fertigte dann später das ovale Kupferschild an und verewigte die Namen der Opfer der Flugzeugkatastrophe. Es ist das Einzige, was heute noch an das Jahr des schlimmen Unglücks erinnert. 

PETRA MALBRICH

 

 

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