Donnerstag, 28.01.2021

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Nahwärme: Wie sie funktioniert und wo ihr Dilemma liegt

Erst halten sich die Leute zurück, dann will jeder noch schnell mit dabei sein. - 04.01.2021 11:05 Uhr

In Hallerndorf wird die Nahwärme seit Ende 2016 mit einem Solarthermiefeld (im Bild) und einer Hackschnitzelverbrennung erzeugt.

04.01.2021 © Archivbild: Martin Regner


Das Heizen der menschlichen Behausungen hat sich über Jahrtausende kaum verändert. Vom Lagerfeuer in den Wohnhöhlen der Steinzeit über die Epoche der Holz- und Kohleöfen bis hin zur modernen Ölzentralheizung ist ein Prinzip immer gleich geblieben: In jeder Behausung brannte ein Feuer, in manchen auch mehrere.

Dass in neu gebauten Häusern ein Kellerraum für den Heizöltank und ein weiterer für den Heizkessel sowie den Warmwasserspeicher reserviert werden mussten, war im 20. Jahrhundert ganz normal. Nahwärmenetze werfen diese Gewohnheiten über den Haufen: Hier haben zehn, 50 oder 100 Anwesen eine zentrale Heizung. Das kann ein Blockheizkraftwerk sein wie in Willersdorf. Also etwa ein mit Biogas betriebener Motor, der neben Strom auch Wärme produziert. Oder ein mit Holzhackschnitzeln befeuertes Heizwerk mit Freiflächen-Solarthermie wie bei der Anlage der Naturstrom AG im benachbarten Hallerndorf.

Geschlossener Kreislauf

Die Wärme wird in Form von heißem Wasser zwischengelagert in sogenannten Pufferspeichern. Dabei handelt es sich um große, isolierte Wassertanks, in die das heiße Wasser gepumpt wird. Von dort fließt das heiße Wasser durch dicke Rohre unter den Straßen bis zu den Häusern. Die Anschlussnehmer eines Nahwärmenetzes sparen sich in ihrem Haus den Platz, den ein Heizöltank, ein Heizraum, ein Holzofen oder ein Scheitholzlager wegnehmen würden. Die Übergabestation, in der die Nahwärme mit einem Wärmetauscher vom zentralen Rohrnetz an das hausinterne Heizungsnetz abgegeben wird, ist nicht größer als ein Fernsehschränkchen.

Auf seinem Weg durch die Ortschaft kühlt sich das Wasser im Rohrleitungsnetz ab. Das kommt einerseits durch Leitungsverluste, weil auch bei bester Isolation immer ein gewisser Anteil der Wärme durch die Rohrwand an den umgebenden Erdboden abgegeben wird. Und andererseits, weil ja bei jedem angeschlossenen Gebäude Nutzwärme an das Hausnetz übergeben wird. Das so abgekühlte Wasser fließt in einem geschlossenen Kreislauf in die Heizzentrale des Nahwärmenetzes zurück, wird dort wieder aufgeheizt und in den Pufferspeicher gepumpt. Dann beginnt der Kreislauf von vorn.

Der Klimaschutzmanager des Landkreises Forchheim: Dominik Bigge

03.01.2021 © Foto: Edgar Pfrogner


Die Rohrleitungen im Boden halten 80 bis 100 Jahre, erklärt Dominik Bigge, der Klimaschutzmanager des Landkreises Forchheim. Zumindest, wenn es sich um Metallrohre handelt. Kunststoffrohre bringen es immerhin auf eine Haltbarkeit von 60 Jahren. Aus Bigges Sicht haben Nahwärmenetze neben der langen Lebensdauer auch finanzielle Vorteile: So sparen sich Bauherren und Hausbesitzer etwa die Installation, die Wartung und die Reparatur einer eigenen Heizung. Im Haus muss kein Heizraum und kein Kamin eingebaut werden. Auch gebührenpflichtige Besuche des Kaminkehrers gehören der Vergangenheit an, ebenso die regelmäßige Notwendigkeit, etwa einen Öltank durch eine Tankreinigungsfirma säubern zu lassen.

Allerdings, so Bigge weiter, gibt es beim Bau von Nahwärmenetzen in der Regel ein gewisses Dilemma: Die Planer eines Netzes seien für die Kalkulation der Wirtschaftlichkeit sowie für die Auslegung der Heizzentrale und der Leitungsrohre darauf angewiesen, frühzeitig zu wissen, wie viele Häuser angeschlossen werden.

Ganze Wohnviertel oder Dörfer

"Am Anfang, wenn ein Netz geplant wird, sind die Leute aber immer zurückhaltend", so die Erfahrung von Bigge: "Die Interessenten zögern, wenn ein Vorvertrag vor ihnen liegt, und wollen sich nicht festlegen." Später dann, wenn die Planung abgeschlossen ist und die Straßen im Ort zur Verlegung der Rohre aufgegraben werden, "kommen die Leute kurz vor Schluss doch noch und wollen unbedingt angeschlossen werden." Ob das dann noch klappt, sei meist Glückssache: "Wenn die auf Basis der Vorverträge ausgelegte Kapazität des Leitungsnetzes ausgereizt ist, kann man nicht einfach weitere Haushalte dazu nehmen."


2016 in Hallerndorf: Naturstrom nimmt Nahwärmenetz in Betrieb.


Wer es geschafft hat und mit seinem Gebäude an ein Nahwärmenetz angeschlossen ist, zahlt dann nicht mehr für einen wie auch immer gearteten Brennstoff wie Öl, Gas oder Holz. Ein Wärmezähler, der für gewöhnlich in die Übergabestation des Hausnetzes integriert ist, misst die konkret übergebene Wärmemenge.

Die Größe von Nahwärmenetzen kann von wenigen benachbarten Gebäuden bis hin zu kompletten Stadtvierteln oder Dörfern reichen. Typisch ist ihr Einsatz in Wohnvierteln, in denen viele Verbraucher zentral mit Energie versorgt werden können. Im Landkreis Forchheim gibt es heute zahlreiche Nahwärmenetze in verschiedenen Größen und mit unterschiedlichen technischen Lösungen - drei davon stellen wir hier exemplarisch vor.

Die Stadtwerke Forchheim etwa betreuen das Netz "Wohnen am Stadtpark":

  • Baujahr: 2013
  • Leitungslänge: 642 m
  • Wärmemenge im Durchschnitt: 860 000 kWh/Jahr
  • Energieträger: Bioerdgas
  • Anschlussnehmer: 81

Das Netz der Naturstrom AG in Hallerndorf hat die folgenden Daten:

  • Baujahr: 2016
  • Leitungslänge: 6 km
  • Wärmemenge: 3 Millionen kWh/Jahr
  • Energieträger: Solarthermie und Holz-Hackschnitzel
  • Anschlussnehmer: 102

Das Netz rund um die Burg Feuerstein bei Ebermannstadt zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus:

  • Baujahr: 1997
  • Leitungslänge: 350 m
  • Wärmemenge im Durchschnitt: 1500 MWh/Jahr
  • Energieträger: Holz-Hackschnitzel und Rapsöl
  • Anschlussnehmer: 7

 

MARTIN REGNER E-Mail

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