2800 Menschen zogen durch die Stadt

Corona-Demo spaltet die Stadt Fürth - Das sagen Polizei und OB Jung

Matthias Boll
Matthias Boll

Lokalredaktion Fürth

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12.12.2021, 16:33 Uhr
Schauplatz Herrnstraße: Durch die Südstadt führte der Umzug der Demonstrierenden am Samstagnachmittag.

Schauplatz Herrnstraße: Durch die Südstadt führte der Umzug der Demonstrierenden am Samstagnachmittag.

Die Verblüffung ist groß, das Entsetzen auch: 2800 Gegner der Corona-Maßnahmen der alten und neuen Bundesregierung sind am Samstagnachmittag durch die Fürther Innen- und Südstadt gezogen – eine der zahlenmäßig größten Demonstrationen, die die Kleeblattstadt in den vergangenen Jahren erlebte.

Im Vorfeld hatte die Polizei mit maximal 1500 Impfskeptikern gerechnet. Bei der ersten Demonstration in Fürth im Januar dieses Jahres waren es noch 350. Angemeldet war für diesmal eine Versammlung mit 300 Leuten.

Die Zahl sei "überraschend hoch", so Oberbürgermeister Thomas Jung in einer Stellungnahme gegenüber den FN, aber "nur damit zu erklären, dass hier überregional mobilisiert wurde". Es sei "bedauerlich, dass unsere schöne Stadt dafür herhalten musste". Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die sich in derlei Kundgebungen manifestiere, bereite ihm "große Sorgen".

Mit Trommeln, Trillerpfeifen und zahlreichen Transparenten machten die Teilnehmenden auf der rund vier Kilometer langen Laufroute ihrem Unmut über die aus ihrer Sicht grundfalsche Corona-Politik Luft. Von der kleinen Freiheit aus setzte sich der "Umzug für unsere Grund- und Menschenrechte" in Bewegung, mit einer Länge, die die gesamte Gebhardtstraße in Beschlag nahm. Über Herrn- und Schwabacher Straße sowie den Bahnhofplatz ging es nach 90 Minuten zum Ausgangspunkt zurück.

Zu der Demonstration aufgerufen hatte keine Fürther Organisation, sondern das "Team Menschenrechte Nürnberg", das sich als "Bürgerinitiative zur vollständigen Wiederherstellung unserer Grundrechte" bezeichnet. Zu derlei Grundrechten gehört offensichtlich auch, Transparente mit der Aufschrift "Ihr seid die Kranken. Wir sind die Medizin" hochzuhalten.

"Wir wollen eine demokratische Gemeinschaft", sprach Mitinitiator Thomas Ulherr eingangs, als sich die Teilnehmenden am "Weltbaum" auf der Kleinen Freiheit einfanden. Gemeinsam trete man ein für Meinungs- und Redefreiheit. Und: "Wir stehen hier für das Recht auf den eigenen Körper." Zugleich verwahrten sich Redner während des Umzugs gegen die in ihren Augen "vollkommen grundlose Diffamierung der Ungeimpften" – dies alles ungeachtet der derzeitigen Überlastung auf den Intensivstationen, die nachweislich zu einem Großteil durch ungeimpfte Corona-Erkrankte verursacht wird.

Vom Jeans- bis zum Pelzträger, von Fahrrad- bis zu Kinderwagenschiebern, vom Kleinkind bis zum Senior reichte das Teilnehmerspektrum – einige schwer erträgliche Absurditäten inklusive: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Impfskeptiker lief mit, ein anderer hatte seine FFP-2-Maske mit Clownsnase versehen. "Und währenddessen sterben im Klinikum die Menschen", äußerte ein Beobachter des Umzugs kopfschüttelnd.
Vielen Umarmungen zu Beginn zum Trotz blieb während des Umzugs der vorgeschriebene Mindestabstand von 1,50 Meter zwar nicht immer gewahrt – eingreifen musste die Polizei jedoch nicht. "Was den Abstand betrifft, sind wir überwiegend zufrieden", sagt Polizeisprecher Rainer Seebauer.

Nicht bestätigen konnte die Polizei, was am Samstagnachmittag die Runde machte: Mitglieder der rechtsextremen Gruppierung "Dritter Weg" seien laut Seebauer zwar im Stadtgebiet gesehen worden, "aber nicht während des Umzugs". Es habe "ein paar Identitätsfeststellungen gegeben", Straftaten gab es jedoch nicht.

"Alle bescheuert"

Die Reaktionen am Rande des Umzugs: verhalten bis empört. Vor allem in der Herrnstraße und der Schwabacher Straße öffneten sich nur vereinzelt Fenster. Applaus gab es tatsächlich auch für fragwürdige Megaphon-Statements wie "Die sogenannte Impfung erzeugt keine Immunität". Den sprichwörtlichen Scheibenwischer, versehen mit dem unmissverständlichen Urteil "Die sind doch bescheuert" wählte eine Passantin, als die Menge am Bahnhofplatz angekommen war.

"Wir treiben", so der OB voller Sorge, "immer mehr auf eine Gesellschaft zu, in der auf der einen Seite Leute mit Angst vor Corona stehen, auf der anderen Leute mit Angst vor dem Impfen".

Dieser Artikel wurde am Sonntagnachmittag aktualisiert und unter anderem um die Statements von Oberbürgermeister und Polizei ergänzt.