"Wir leben von der Hand in den Mund"

Gebeutelte Schausteller-Familie: Die Weihnachtsmärkte waren die letzte Hoffnung

Sabine Dietz
Sabine Dietz

Lokalredaktion Fürth

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8.12.2021, 14:10 Uhr
Adelheid und Martin Schubert haben ihre letzten Reserven aufgebraucht, um den Süßwaren-Wagen für die Weihnachtsmärkte zu bestücken. Zumindest in Roßtal können sie jetzt freitags und samstags an der Spitzweedscheune Station machen.

Adelheid und Martin Schubert haben ihre letzten Reserven aufgebraucht, um den Süßwaren-Wagen für die Weihnachtsmärkte zu bestücken. Zumindest in Roßtal können sie jetzt freitags und samstags an der Spitzweedscheune Station machen. © Foto: Thomas Scherer

Ihr und ihrem Mann Martin Schubert geht es nicht anders als allen ihrer Zunft – allerdings hat es die Schuberts doppelt hart getroffen. Denn der Starkregen im Juli, der den Zenngrund unter Wasser setzte, beschädigte auch ihren Standort in Kleinweismannsdorf: Die Wiese, auf der sie sich vor acht Jahren niedergelassen hatten und neben den Buden in ihren Wohnwagen lebten, wenn sie nicht auf Festen in der Region unterwegs sind, war binnen Minuten geflutet.

"So schnell konnten wir gar nicht gucken, da waren wir abgesoffen", sagt Adelheid Schubert. "Du willst vor die Tür und stehst hüfthoch im Wasser, es war zum Heulen", erinnert sich die 37-Jährige. Das Planschbecken von Sohn Jason (11) und Enkel Joel (14 Monate) trieb im Wasser über die Wiese wie ein Boot.

Die beiden Wohnwagen, in denen Tochter Sheila mit Joel sowie Jason untergebracht waren, wurden einen halben Meter hoch geflutet. "Die Kinder hatten nichts mehr, nicht einmal Klamotten." Beim dritten, dem großen Wohnwagen, reichte das Wasser bis knapp unters Bodenniveau, er konnte gesichert werden. Die anderen beiden waren jedoch nicht mehr verwendbar. Ihre Versicherungen hatten die Schuberts nach dem Jahr eins mit Corona und ohne Kirchweihen stillgelegt. "Wer hätte denn mit so was gerechnet", sagen sie.

Großzügige Spenden aus der Bevölkerung

Dank Spenden aus der Bevölkerung konnten die Schuberts einen Wohnwagen als Ersatz beschaffen, "ohne diese Hilfe wären wir vor dem Nichts gestanden". Schießbude, Süßwaren-Wagen und Schiffschaukel richteten sie in Eigenregie wieder her. Das Kinderkarussell, bei dem die Elektrik hinüber war, mussten sie zur Reparatur geben.

Die Schuberts sind Schaustellerfamilie in achter Generation – "das", sagt Adelheid Schubert, die als Zirkuskind in Hannover aufgewachsen ist, "ist mein Leben, ich kenn‘s nicht anders." Jetzt setzte sie noch auf die Weihnachtsmärkte, mit ihrem Mann steckte sie die letzten Reserven in Mandeln und Lebkuchen.

Aufgezwungene Untätigkeit

Die vierte Welle aber machte die Hoffnung zunichte, nach zwei Jahren notgedrungener Untätigkeit doch wieder etwas Geld verdienen zu können. Eine emotionale Achterbahn sei das: "Da macht man Verträge, alle freilich unter Corona-Vorbehalt, hofft, und dann kommt doch wieder kurzfristig die Absage."

"Jetzt leben wir von der Hand in den Mund", sagt Adelheid Schubert. Sie ist zur Bittstellerin geworden – unter anderem bei Roßtals evangelischem Pfarrer Jörn Künne, der das Schicksal der Familie besonders tragisch findet: "Sie haben die Ärmel hochgekrempelt und wollten nicht aufgeben, trotzdem zieht es ihnen den Boden unter den Füßen weg."

Vorübergehend können die Schuberts mit ihrem Fuhrpark derzeit auf dem Gelände an der Jahn-Turnhalle logieren, doch deren Abriss steht bevor – hier sollen Bauplätze entstehen. Vergangene Woche sei ein Gemeindemitarbeiter da gewesen, der ein Limit bis Ende des Jahres setzte.

"Die Angst steckt in den Knochen"

Auf die Wiese in Kleinweismannsdorf will die Familie nicht zurückkehren. "Da steckt uns die Angst zu sehr in den Knochen", sagt Adelheid Schubert. Deshalb ist die Familie derzeit auf der Suche nach einem neuen Stellplatz, es eilt. Versuche, mit dem Süßwarenstand auf dem Parkplatz eines Supermarkts aktiv zu werden, liefen ins Leere, die Platzmiete wäre zu hoch gewesen. "Da sind selbst 100 Euro am Tag zu viel, denn das Geld muss ich ja erst verdienen", so Schubert.

Auf Intervention des Pfarrers erlaubt die Gemeinde Roßtal der Familie jetzt, ohne Gebühr freitags und samstags von 11 bis 16 Uhr am Oberen Markt Süßwaren zu verkaufen. Womit sich Adelheid Schuberts Hoffnung ein Stück weit erfüllt: "Irgendwann", sagte sie noch kurz vor dieser Zusage, "kommt wieder ein Lichtlein – selbst wenn’s nur ein kleiner Funke ist."