Infos zum Thema Tod: Fürther Bestatter ist der Renner bei TikTok

30.4.2021, 06:00 Uhr
„Ganz normal und natürlich“: Johannes Bauer und sein Sohn Luis, der hier die Bestattung eines Babys vorbereitet, bei ihrer täglichen Arbeit.

„Ganz normal und natürlich“: Johannes Bauer und sein Sohn Luis, der hier die Bestattung eines Babys vorbereitet, bei ihrer täglichen Arbeit. © Foto: Hans-Joachim Winckler

TikTok, ein internationales Videoportal, das von einem chinesischen Unternehmen betrieben wird, ist weltweit vor allem bei Jugendlichen beliebt. "Da hatte ich vorher schon Clips eingestellt, und es gab ein paar Klicks", erinnert sich Luis. Im Februar kam ihm eine neue Idee.

"Ich dachte, du wäschst gerade einen toten Menschen, das ist für mich ganz normal und natürlich. Vielleicht kann ich dieses Gefühl anderen über diese Plattform näher bringen und ein Stück weit ein Tabu brechen."

Luis bat seine Schwester, mit dem Handy ein Video aufzunehmen und sprach vor der Kamera kurz darüber, wie Tote vor der Beisetzung versorgt werden. "Es geht ja darum, den Menschen damit eine letzte Würde zu erweisen."

Er lud das Video bei TikTok hoch und ging schlafen. Als er am nächsten Morgen auf seinen Account schaute, war er auf der Stelle hellwach: "Über Nacht war der Film 15 000 Mal aufgerufen worden, und es gab sagenhaft viele Kommentare." Das war kein Einzelfall, sondern fortan die Regel.

Unaufgeregt über schwierige Themen sprechen

Denn Luis machte weiter und stellte fest: "Es heißt oft, dass es auf dieser Plattform nur um Mode oder Musik geht, aber das stimmt nicht." Ihn erreichen unzählige Fragen, intensive Gespräche entspannen sich.

Inzwischen postet Luis täglich und informiert über viele Details, die von den Followern an ihn herangetragen werden. Seine natürliche Art und die unaufgeregte Selbstverständlichkeit, mit der er fachlich korrekt über schwierige Themen spricht, kommen an.


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Seine TikTok-Filme drehen sich um Fragen wie "Warum müssen Tote gekühlt werden?" oder "Darf man die Asche eines Toten mit nach Hause nehmen?" Luis hat schon Antworten darauf gegeben, ob man sich für den Tag X selbst einen Sarg bauen darf, oder wie es sich für ihn anfühlt, mit Toten zu arbeiten.

Bedürfnis nach Fakten

In sachlichem Ton gelingt es Luis, über heikel anmutende Punkte zu sprechen. Tatsächlich gibt es einen Film, der besonders oft geklickt wurde: "Der Beitrag darüber, was passiert, wenn jemand vom Zug überfahren wird, wurde bis jetzt schon 4,3 Millionen Mal angeschaut."

Die Fragen der TikTok-Zuschauer offenbaren ein großes Bedürfnis nach konkreten Fakten über das Sterben – ein Thema, das im Alltag der meisten Menschen weitestgehend außen vor bleibt.

Zwischen Klavier und Bestattung

Luis hat das anders erlebt. "Es war für mich immer ganz normal, dass mein Vater von seinem Beruf erzählt." Er sei damit aufgewachsen, dass es wichtig ist, "Verstorbene zu ehren, indem man diese letzten Dinge für sie tut."

Für den Job im väterlichen Geschäft hat er sich ganz offiziell qualifiziert: "Ich habe eine Bewerbung geschrieben und ein Vorstellungsgespräch geführt. Da habe ich Wert drauf gelegt, ich wollte nicht einfach so als Sohn vom Chef auftauchen."

In erster Linie ist der 15-Jährige nach wie vor Schüler. Im Schliemann-Gymnasium besucht er die 10. Klasse, spielt Klavier und "macht sehr viel Sport". Welchen Beruf er später ergreifen will? Was für eine Frage. Luis plant, nach einer Ausbildung als Bestattungsfachkraft noch den entsprechenden Fachwirt zu machen.


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Videos mit Millionen Views

Freunde und Freundin reagieren auf seine eher ungewöhnliche Arbeit "ganz normal", sagt er: "Einige sagen, wow, das wäre gar nichts für mich. Andere finden das sehr interessant, manche erkundigen sich nach einem Praktikum."

Rund 90 Videos hat Luis inzwischen gemacht. Er weiß, dass seine Beiträge auch von Trauernden angeschaut werden. So erreichte sein einfühlsamer Film über die Beisetzung von Babys bereits 1,4 Millionen Menschen.

Selbstverständlich wird er bei den Aufnahmen von seinem Vater Johannes Bauer unterstützt. Der 42-Jährige übernahm das Familienunternehmen vor 25 Jahren.

Die Begleitung von Menschen, die Angehörige und Freunde verloren haben, ist für ihn wesentlich in seinem Beruf: "Wir gehen auf diese Bedürfnisse beinahe schon seelsorgerisch ein, die Corona-Pandemie hat nun auch hier neue Herausforderungen mit sich gebracht und die Formen der Trauer verändert."

Eine Schatzkiste für Angehörige

Damit niemand "sang- und klanglos von der Welt gehen muss", weil die Schutzmaßnahmen keine Nähe erlauben, werden Trauerfeiern professionell gestreamt und übertragen, neue Erinnerungsrituale werden eingesetzt. Johannes Bauer: "Wir gestalten zum Beispiel eine 'Schatzkiste' für die Angehörigen, da hinein geben wir Graberde und Blumen, vielleicht ein Foto des Verstorbenen oder Erinnerungsstücke. Um die Kiste binden wir dann ein Seidenband, das zuvor um einen der Sarggriffe gewunden war."

Eine weitere Idee ist die "Häuserfahrt", dabei passiert zu einem festgelegten Zeitpunkt der Leichenwagen mit dem Sarg des Verstorbenen dessen einstiges Wohnhaus, Nachbarn und Freunde haben so die Gelegenheit, Abschied zu nehmen.

Trost vermittelt auch der Einsatz einer Mitarbeiterin, die sich an die Nähmaschine setzt und aus hinterlassenen Kleidungsstücken der Toten "Cuddles" näht, Kissen oder liebenswürdige Puppenwesen, die das Andenken irgendwann vielleicht mit einem Lächeln ermöglichen.

"Keine Hipster-Bestatter"

Mit dem TikTok-Erfolg von Luis Bauer hängt zusammen, dass es auf der Homepage von Bestattungen Burger mittlerweile einen Webshop mit Merchandising-Artikeln gibt: "Wir sind schon mehrmals live gegangen, mit jeweils um die 5000 Zuschauer, im Hintergrund war dabei ein Schlüsselband mit unserem Firmenaufdruck zu sehen und User fragten sofort, ob man die kaufen kann."

Johannes Bauer reagierte und bietet jetzt unter anderem wieder verwendbare Coffee-to-go-Becher an oder Energy-Drinks, alles mit Logo, versteht sich: "Der Erlös geht an den Hospizverein Fürth", macht der Chef klar, der selbst mit seinem Unternehmen auf Facebook, Instagram und Youtube aktiv ist. Eines liegt ihm am Herzen: "Wir wollen auf den Social-Media-Kanälen informieren, aber wir sind keine Hipster-Bestatter. Wir kommen aus der Tradition und arbeiten in dieser Tradition."

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